Würzburg

Nachruf: Vom Kindermädchen zur "Queen of Music Editors"

Kurz vor ihrem 100. Geburtstag starb die Frau, die für die Musik in vielen Filmklassikern zuständig war. Wie die Würzburger Jüdin Else Siegel in Hollywood Karriere machte.
Else Siegel (links) mit ihren Eltern und der Schwester Margot auf dem Rennweg in Würzburg. Im Hintergrund ist die Residenz zu erkennen. Das Foto stammt aus dem Dokumentarfilm 'A la Recherche d’Else'. 
Else Siegel (links) mit ihren Eltern und der Schwester Margot auf dem Rennweg in Würzburg. Im Hintergrund ist die Residenz zu erkennen. Das Foto stammt aus dem Dokumentarfilm "A la Recherche d’Else".  Foto: Screenshot Roland Flade

"Sie denkt wie ein Künstler und hat die Seele einer Heiligen" – Mit diesen Worten würdigte der Schauspieler und Regisseur Robert Redford im Jahr 2006 Else Blangsted, als sie für ihre Mitarbeit an erfolgreichen Hollywood-Filmen wie "Tootsie" und "Die fabelhaften Baker Boys" ausgezeichnet wurde. Jetzt ging der Name der gebürtigen Würzburgerin wieder durch die amerikanischen Medien:  Else Blangsteds Tod - kurz vor ihrem 100. Geburtstag - fand in Presse und Filmwelt große Beachtung.

Kein Wunder. Schließlich hatte Else Blansted als "music editor" dafür gesorgt, dass die Melodien von Filmkomponisten wie Quincy Jones, Michel Legrand oder Dave Grusin in bekannten Hollywood-Produktionen an der richtigen Stelle zu hören sind. Bereits 1988 hatte ein 40-seitiger Artikel im Wochenmagazin" The New Yorker" die Lebensgeschichte der 1920 als Else Siegel geborenen Würzburgerin ausgebreitet. Eine Lebensgeschichte, die vom Main nach Los Angeles führte und die voller Höhen und Tiefen war.

Die Mutter Bankierstocher, der Vater Pferdehändler

Else Siegels Vater Siegmund stammte aus Arnstein und ließ sich 1914 in Würzburg nieder. Nach dem Einsatz im Ersten Weltkrieg, in dem er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde, arbeitete Siegel in der Pferdehandlung der Familie Am Exerzierplatz, die er 1928 übernahm. Im Jahr 1919 heiratete er in Aub die Bankierstochter Lilly Oppenheimer, am 22. Mai 1920 kam die Tochter Else zur Welt, drei Jahre später deren Schwester Margot.

Else besuchte die Würzburger jüdische Volksschule in der Domerschulstraße und die Sophienschule in der Friedenstraße. Sie gehörte dem jüdischen Jugendbund und dem jüdischen Kulturbund an. Vor Unstimmigkeiten in der Familie, über die sie Jahrzehnte später dem "New Yorker" ausführlich berichtete, zog sie sich lesend unter die Bettdecke oder in die Ställe des Vaters zurück. Im Sommer 1936 besuchte die 16-Jährige Verwandte in Berlin und erlebte mit, wie der schwarze Amerikaner Jesse Owens bei den Olympischen Spielen vor den Augen Adolf Hitlers eine seiner vier Goldmedaillen gewann.

Mit 16 Jahren schwanger geworden

Bei ihrer Rückkehr nach Würzburg stellte sich heraus, dass sie schwanger war. Die 16-Jährige verheimlichte es ihren Eltern und setzte ihre Schulausbildung - wie vorher bereits geplant - in einem Internat der Schweiz fort. Auch dort verriet sie nichts von ihrer Schwangerschaft. Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch – sie legte sich in den Schnee und hoffte zu erfrieren – brachte Else Siegel im März 1937 in einer Schweizer Klinik eine Tochter zur Welt.

Was danach geschah und warum, wurde nie eindeutig geklärt. Jedenfalls sagten die Klinikschwestern der jungen Mutter, ihr Kind sei bei der Geburt gestorben. Es sollte mehrere Jahrzehnte dauern, bis die Lüge ans Licht kam. Das Mädchen war von einer Schweizer Familie adoptiert worden und sollte erst als Heranwachsende erfahren, dass es nicht das leibliche Kind ihrer Eltern war.

Else Siegel, die den Namen des Vaters – eines 24-jährigen Würzburgers – nicht verriet, kehrte nach der Geburt nach Deutschland zurück, gepeinigt von der Vorstellung, dass sie durch den Selbstmordversuch den Tod des Kindes bewirkt hatte.

Das Foto des Onkels ging durch die Welt

Einige Monate lebte sie in München bei einem Bruder ihres Vaters, dem Rechtsanwalt Michael Siegel. Dieser, ebenfalls in Arnstein geboren und in Schweinfurt aufgewachsen,  war im März 1933 durch ein Pressefoto weltweit bekannt geworden. Das Bild zeigte Michael Siegel, wie er barfuß und mit zerschnittener Hose von SS-Männern durch München gehetzt wird - um den Hals ein Plakat mit der Aufschrift "Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren". Der Anwalt hatte zuvor auf einer Wache gegen antisemitische Ausschreitungen protestiert. Er wurde in den Polizeikeller gebracht und so brutal verprügelt, dass ihm einige Zähne herausfielen und das Trommelfell platzte.

Ein Foto, das um die Welt ging: Else Siegels Münchner Onkel Michael Siegel wurde am 10. März 1933, kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, brutal verprügelt und von SS-Männern barfuß durch München getrieben. Um den Hals hatte man ihm ein Plakat mit der Aufschrift 'Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren' gehängt.
Ein Foto, das um die Welt ging: Else Siegels Münchner Onkel Michael Siegel wurde am 10. März 1933, kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, brutal verprügelt und von SS-Männern barfuß durch München getrieben. Um den Hals hatte man ihm ein Plakat mit der Aufschrift "Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren" gehängt. Foto: Bundesarchiv

In München arbeitete Else Siegel in einem jüdischen Heim für Kleinkinder, deren Eltern verhaftet worden waren. "Die Babys weinten", berichtete sie dem "New Yorker" 1988: "Ich hielt sie, und da hörten sie auf zu weinen." Die 17-Jährige mochte die Arbeit: "Wahrscheinlich hat sie mir unbewusst geholfen, über den Tod meines eigenen Kindes hinwegzukommen", sagte sie im Rückblick.

Flucht vor den Nazis

Im August 1937 wanderte Else Siegel nach Los Angeles aus. Ihre Eltern und ihre Schwester folgten im Januar 1939, nachdem die Würzburger Wohnung der Familie Am Exerzierplatz während des Novemberpogroms verwüstet worden war. Der Onkel, Michael Siegel, emigrierte 1940 nach Peru. Im selben Jahr heiratete Else den Vater ihrer tot geglaubten Tochter. Der Würzburger war zunächst nach Argentinien ausgewandert. Das Paar bekam ein zweites Kind, wieder eine Tochter.

Durch die Tätigkeit als Kindermädchen für einen Verwandten des Filmproduzenten Harry Warner kam Else Siegel in Kontakt mit der Traumfabrik Hollywood. Kleinere Jobs folgten, darunter ein kurzer Auftritt ins Cecil B. DeMilles Monumentalwerk "Samson und Delilah"  im Jahr 1949. Ihren Durchbruch schaffte sie 1960, als sie "music editor" für Produktionsfirmen wie Paramount und Columbia wurde.

Music Editor für Spielberg und Redford

In den nächsten Jahrzehnten arbeitete sie mit Regisseuren wie Steven Spielberg ("Die Farbe Lila", 1985) und Sidney Pollack ("Der elektrische Reiter", 1979) zusammen. Robert Redford engagierte die gebürtige Würzburgerin bei seinen Regiearbeiten "Eine ganz normale Familie" (1980) und "Milagro – Der Krieg im Bohnenfeld" (1988). Zu ihren Freunden zählte Else Siegel Gregory Peck und Nastassja Kinski: Die Beziehung zu der Schauspielerin war so eng, dass sie Patin einer ihrer Töchter wurde.

Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann hatte Else Siegel 1960 den aus Dänemark stammenden Cutter Folmar Blangsted geheiratet. Zwei Jahre nach dessen Tod löste sich 1984 dann endlich das Rätsel um die 1937 in der Schweiz geborene Tochter. Diese hatte inzwischen geheiratet und hieß Lily Kopitopoulos. 1984 gab sie eine Anzeige in der amerikanisch-jüdischen Emigrantenzeitung "Aufbau" auf, mit der sie nach ihrer Mutter suchte, deren Namen und früheren Wohnort sie endlich ermittelt hatte.

Die Tochter hatte überlebt!

Die Nachricht, dass ihre totgeglaubte erste Tochter lebte und sie treffen wollte, erleichterte Else Siegel zutiefst. So wie Lily über die Erkenntnis froh war, dass sie ohne Wissen und Erlaubnis der Mutter adoptiert worden war. Es kam in der Folge zu zahlreichen Treffen in Los Angeles und Lausanne, wo Lily wohnte und auch Else zeitweilig ein Haus bezog.

Als Else Blangsted jetzt, am 1. Mai, im Alter von 99 Jahren starb, hatte sie wieder in Los Angeles gelebt. Dort, so erzählte sie, habe sie sich immer am meisten zuhause gefühlt.

Tipp: Ein 52-minütige Film "A la Recherche d’Else" über Else Blangsted, gedreht in englischer und französischer Sprache von ihrem Enkel Sandy Kopitopoulos, ist in ganzer Länge auf YouTube abrufbar. Auch ihre Jugend in Würzburg wird hier behandelt.

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