Würzburg

Neue Bibliothek: Öffentliches Wohnzimmer für das Hubland

Eine Bibliothek ist heutzutage mehr als ein Bücherverleih. Sie ist eine Art Stadtteilzentrum. Die neue Hubland-Bücherei ist aber auch ein "Dritter Ort".
Im renovierten und ausgebauten ehemaligen Tower am Hubland wird am Donnerstag die neue Stadtteilbibliothek eröffnet.
Foto: Antje Hansen | Im renovierten und ausgebauten ehemaligen Tower am Hubland wird am Donnerstag die neue Stadtteilbibliothek eröffnet.

Tausende von Büchern in meterhohen Lesesälen, die mit Regalen voll gestellt sind, dazu in Reihen aufgestellte Tische und Stühle für die Benutzer - so stellte man sich bis vor einigen Jahren eine öffentliche Bibliothek vor. Dieses Image ist so verstaubt wie es sich anhört. Denn heute gelten Bibliotheken als "Dritter Ort". Das trifft auch für die neueste Filiale der Stadtbücherei am Hubland zu, die am Donnerstagnachmittag eröffnet wird. Was sich hinter den Mauern des ehemaligen  Tower verbirgt, bleibt bis zur Eröffnung "top secret". 

Im Gespräch verrät Anja Flicker, die Leiterin der Stadtbücherei, dafür aber umso mehr, wie die neue Außenstelle funktionieren soll. Dazu muss man zunächst mal wissen, was der "Dritte Ort" eigentlich ist. Erfunden hat den Begriff  der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg schon vor vielen Jahren.  Der "Dritte Ort" ist demnach ein Platz zwischen Arbeitsplatz und Privatwohnung, jenen zwei Orten, an den sich der Mensch gemeinhin die meiste Zeit aufhält. Der "Dritte Ort" ist ein öffentlicher Platz oder ein Gebäude für jeden zum zwanglosen Zusammenkommen, sich Wohlfühlen, zum Kommunizieren oder Alleinsein, zum Lernen oder Erholen - also eine Art öffentliches Wohnzimmer. An einem "Dritten Ort" wird niemand niemand gefragt: Warum bist du hier? Das erinnert an die klassische Eckkneipe oder die italienische Piazza, die ähnliche Funktionen erfüllen. Als Berater fungierte Aat Vos, ein niederländischer Architekt, der als Top-Experte für Bibliotheken als dritte Orte gilt und schon mehrere Vorzeige-Objekte in Europa konzipiert hat. 

Bibliothekare erfragten die Bedürfnisse der Nutzer

Auf die Bibliothek bezogen, bedeutet "Dritter Ort", dass diese mehr können muss als nur Bücher und andere Medien auszuleihen bzw. Platz zum Lesen anzubieten, erklärt Anja Flicker. Was aber kann und will sie ihren Nutzern anbieten außer Medien? Und woher können Bibliothekare wissen, was ihre Nutzer außer Medien erwarten? Da kommt der Begriff "Design Thinking" ins Spiel. "Dabei geht es darum, die Bedürfnisse der künftigen Nutzer einer Bücherei kennenzulernen und dafür muss man mit ihnen sprechen", beschreibt Anja Flicker den Prozess. 

Am Hubland hat sich das Büchereiteam ab 2017 in vier Gruppen aufgeteilt und den Kontakt zu den Bewohnern gesucht. Man hat mögliche Zielgruppen definiert und ist gezielt auf sie zugegangen: Jugendliche, Senioren, junge Familien oder sozial isoliert Lebende wurden nach ihren Bedürfnissen befragt. Anja Flicker erklärt diesen Prozess: "Sie wurden nicht gefragt Was wünscht ihr euch? Design Thinking geht nämlich nicht von fertigen Lösungen aus. Vielmehr fragten wir nach Lösungsideen für die Bedürfnisse. Die daraus entwickelten Lösungen werden abermals mit den Leuten diskutiert", so die Büchereichefin. Daraus entwickelten sich dann Lösungen für Öffnungszeiten, Ausstattung oder Aufenthalt.

Das Büchereipersonal ist nicht immer da

Neu an der Hubland-Bibliothek wird auch die Konzeption als "Open Library" sein. Das bedeutet, dass Bibliotheksnutzer, die im Besitz eines Leseausweises sind, auch dann in die Bibliothek gehen können, wenn gerade kein Personal vor Ort ist. Den Sinn dahinter erläutert Anja Flicker: "Die Infrastruktur gehört den Bürgern, wir geben sie in ihre Obhut und Verantwortung". Das habe bisher auch überall funktioniert, weiß die Bibliotheksleiterin.

Auch Hannelore Vogt, ihre Vorgängerin in Würzburg und heute Direktorin der Kölner Stadtbibliothek,bestätigt dies bei einem Gespräch am Rande der Mozartfesteröffnung.  In Köln wurde im vergangenen Jahr im Stadtteil Kalk, einem der brisantesten sozialen Brennpunkte der Stadt, das Open-Library-Konzept eingeführt und es funktioniert reibungslos. 

Die Inneneinrichtung ist noch ein Geheimnis

Für das Hubland bedeutet dies: Die Bibliothek ist grundsätzlich täglich von sieben bis 22 Uhr geöffnet. Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag wird von 10 bis 13 und 15 bis 18 Uhr Personal vor Ort sein, Samstag von 11 bis 15 Uhr. Außerhalb der Zeiten, in denen Personal in der Bücherei ist, ist für über 16-Jährige der Einlass mit einem Bibliotheksausweis möglich. Kinder dürfen nur in Begleitung Erwachsener in die Bücherei. Für das Hubland gibt es ein sechsköpfiges Team, das aus dem bisherigen Personalbestand gebildet wurde.  Diese sechs haben bereits Kontakte zu den künftigen Benutzern und sollen am Hubland "das Gesicht der Bücherei" sein, sagt Anja Flicker.

Wie die neue Bücherei eingerichtet sein wird, ist noch ein Geheimnis. Man erfährt nur, dass die Bücherregale alle an den Wänden stehen. Der Innenraum bleibt frei und soll Platz zur flexiblen Nutzung für die Kunden bieten. Für längere Aufenthalte gibt es eine kleine Küchenzeile, einen mit Getränken gefüllten Kühlschrank und vieles mehr, was einen guten Treffpunkt ausmacht. Für Kinder wird es einen großen Ballon als Spielfläche geben. Und schließlich ist die Bibliothek so ausgestattet, dass sie auch allen heutigen digitalen Bedürfnissen gerecht wird.

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