Würzburg

Planspiel: Für fünf Stunden auf der Flucht sein

Die Würzburgerinnen Louisa Artmann (links) und Melissa Silva geben zu Beginn ihres Planspiels eine kleine Einführung, bevor die Teilnehmer eigenständig als „Flüchtlinge“ handeln müssen.
Foto: Lucas Kesselhut | Die Würzburgerinnen Louisa Artmann (links) und Melissa Silva geben zu Beginn ihres Planspiels eine kleine Einführung, bevor die Teilnehmer eigenständig als „Flüchtlinge“ handeln müssen.

Lucas Kesselhut

Ryad ist Syrer – hochgebildet, Student und tief mit seiner Kultur verwurzelt. Doch sein Leben nimmt mit dem arabischen Flüchtling eine dramatische Wendung. Seine Freunde demonstrieren, kritisieren und werden gewalttätig niedergeschlagen. Ryad entscheidet sich für die Flucht aus seinem Land. Anna Eberhardt liest die Karteikarten genau durch. Für ein paar Stunden wird sie nicht mehr sie selbst sein, sondern der syrische Flüchtling, der detailgenau auf den Karten des Planspiels beschrieben wird. Sie wird mit einer dramatischen, aber realistischen Vorgeschichte konfrontiert, muss Entscheidungen treffen und die Konsequenzen dafür tragen. Kurz gesagt: Sie muss fühlen wie ein Flüchtling.

Die Bachelor-Absolventin nimmt am Planspiel „Auf der Flucht“ teil.

Die Würzburgerinnen Melissa Silva und Louisa Artmann haben es entwickelt. In dem Planspiel schlüpfen die Teilnehmer in die Rolle von Fluchthelfern, Beamten und Geflüchteten, die aus unterschiedlichen Gründen nach Europa fliehen. Die Teilnehmer müssen sich dabei selbst einbringen und auch selbst entscheiden. Was nehmen sie auf die Flucht mit? Wie kommen sie von ihrem Land nach Europa? Wem können sie vertrauen?

Nach der „Ankunft“ in Deutschland erleben die Teilnehmer, wie es ist, auf Sprachbarrieren zu stoßen und auf beginnende Asylverfahren zu warten. Es ist eine mehrstündige Simulation von dem, was tagtäglich in Krisengebieten und in den Aufnahmeeinrichtungen stattfindet.

Viel Erfahrung in der Flüchtlingshilfe

Die 30-jährige Melissa Silva studiert im Master Bildungswissenschaften und in einem zweiten Bachelor Öffentliches Recht.

Louisa Artmann ist 22 Jahre alt und studiert Rechtswissenschaften mit dem Schwerpunkt „Europäischer und internationaler Menschenrechtsschutz“ und arbeitet am Lehrstuhl für Staatsrecht, Völkerrecht, Internationales Wirtschaftsrecht und Wirtschaftsverwaltungsrecht an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

Im Studium haben beide eher weniger mit der Flüchtlingssituation zu tun. Doch die Macherinnen des Planspiels haben den Zugang zum Thema durch ihre Arbeit in der Verfahrensberatung für Asylsuchende von Amnesty International Würzburg gefunden.

Nach dem Planspiel reflektieren die Teilnehmer dann in einer Art Seminar das, was sie „als Flüchtling“ erlebt haben. „Eine Teilnehmerin meinte, anfangs war sie sehr motiviert, wollte alles möglichst gut und richtig machen. Im Verlauf der Simulation wurde ihr aber immer mehr ihre Machtlosigkeit, Überforderung und auch ihre Abhängigkeit vom Handeln anderer bewusst“, sagt Melissa Silva.

Perspektivwechsel und Denkanstöße

Der Fokus des Seminars liegt unter anderem auf den Vorgängen des deutschen Asylverfahrens. Über die Verknüpfung des selbst Erlebten mit rechtlichem Hintergrundwissen sollen die Teilnehmer die Schwierigkeiten erfahren, mit denen Schutzsuchende während der Flucht und in Deutschland konfrontiert sind.

„Wir können mit dem Planspiel natürlich nicht bewirken, dass die Teilnehmer danach wissen, wie sich eine Flucht anfühlt, aber wir wollen einen Perspektivwechsel ermöglichen und Denkanstöße geben“, sagt Melissa Silva. Und das funktioniere sehr gut. Das Planspiel bieten sie einerseits öffentlich, auf der anderen Seite auch für vorher organisierte Gruppen wie zum Beispiel für Schulen, an.

Das Planspiel ist Teil des Bundesprogrammes „Demokratie leben!“. Das Programm startete im Januar 2015 und läuft bis Ende 2019. Es fördert Initiativen, Vereine und engagierte Bürger, die sich für ein vielfältiges, gewaltfreies und demokratisches Miteinander einsetzen.

Teilnehmerin Anna Eberhardt muss mittlerweile die erste Entscheidung treffen, die ihre Flucht als syrischer Flüchtling maßgeblich mitentscheiden könnte. „Welche acht Gegenstände packst du in deinen Rucksack?“. Es folgt ein langes Grübeln und Abwägen. Medizin oder doch lieber ein Taschenmesser? Eine Karte von Europa oder doch lieber Fotos von der Familie? Nach etwa zehn Minuten ist der Rucksack gepackt und es kann losgehen.

Über einen extra eingerichteten Chat sucht sie in Echtzeit per Smartphone nach einem Schlepper, der sie nach Europa bringen kann. Und der will mindestens 1300 Euro für die „Dienstleistung“. Doch Ryad möchte weg, koste es, was es wolle. Nach der Verhandlung holt ein Schlepper einige Teilnehmer zusammen ab, führt sie durch dunkle Gänge der Katholischen Hochschulgemeinde Würzburg und erklärt den Flüchtlingen, dass sie vor allem eines machen sollen: den Mund halten. Still geht es zum überfüllten Boot, simuliert durch einen engen Flur, in den sich alle „Flüchtlinge“ eng aneinanderreihen.

Bürokratie statt unbeschwertes Leben

In „Europa“ (der Bar der Hochschulgemeinde) angekommen, wartet kein glückliches Leben, sondern die knallharte Bürokratie auf die Geflüchteten. Denn im Planspiel wird jetzt das Asylverfahren in Deutschland simuliert. Statt neuer Perspektiven heißt es für Ryad alias Anna Eberhardt erst einmal: Zettel über Zettel ausfüllen.

„Es war sehr krass nachzufühlen, was ein Flüchtling erlebt. Natürlich hat man sich informiert, aber das Ganze zu durchleben, war etwas ganz Anderes“, findet Eberhardt nach dem Planspiel.

Und das ist auch das Ziel von den beiden Macherinnen. „Wir finden, dass beispielsweise die Medien nicht falsch, aber sehr verkürzt über die Flüchtlingssituation berichten“, so Silva. Deswegen sei es für sie wichtig, dass die Teilnehmer in dem Planspiel Grundwissen erlangen können, um etwas tiefer in die Materie einzusteigen: Damit sie zum Beispiel wissen, was „subsidiärer Schutz ist“, der in Medienberichten oft genannt, aber kaum erklärt werde. „Die Teilnehmer erfahren sehr viel, es ist sehr komplex und dennoch ist das Feedback immer positiv“, sagt Louisa Artmann.

Das nächste öffentliche Planspiel findet am Sonntag, den 15. Oktober, von 11 bis 17:30 Uhr in Würzburg statt. Der genaue Ort steht noch nicht fest. Anmeldungen und mehr Informationen unter Telefon: 0176/567 244 09 und 0176/450 372 31 oder email: auf-der-flucht@gmx.de

Welche acht Gegenstände sind für eine Flucht sinnvoll? Keine einfache Frage, doch die Teilnehmer werden im Laufe des Planspiels immer wieder mit schweren Entscheidungen konfrontiert.
Foto: Lucas Kesselhut | Welche acht Gegenstände sind für eine Flucht sinnvoll? Keine einfache Frage, doch die Teilnehmer werden im Laufe des Planspiels immer wieder mit schweren Entscheidungen konfrontiert.
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