Thüngersheim

Radikale Waldbereinigung hat Fans und Kritiker

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Foto: Christian Ammon | Fett: Mager

Von der Tristesse des Winters keine Spur. Zwar zeugen noch immer verharzte Wunden an einzelnen Bäumen davon, dass die Waldarbeiter beim Auslichten des Waldstücks im Auftrag der Unteren Naturschutzbehörde nicht eben zimperlich vorgegangen sind, Seilwinden einsetzten und mit schweren Schleppern unterwegs waren. Einige achtlos herabgerissene Vogelhäuser liegen zwischen den kahlen Baumstümpfen. Doch kaum ein Viertel Jahr später umspielen die Strahlen der Sonne in dem 115 Hektar großen Waldstück am Thüngersheimer Moosberg die munter sprießenden Gräser und erste Blumen.

Was als „Pflegemaßnahme“, um „lichte Waldstrukturen“ zu schaffen im Rahmen des Life+-Natur-Projekt Mainmuschelkalk im Thüngersheimer Gemeinderat angekündigt und mit deutlicher Mehrheit beschlossen worden war, hatte jedoch nicht nur bei Spaziergängern zu Kopfschütteln geführt.

Vor allem die Winzer und die Jagdgenossenschaft hatte Alarm geschlagen. Sie kritisieren noch heute den „massiven Eingriff“ in den Wald, der einem „Kahlschlag“ gleichkomme. Sie befürchten Schäden für die direkt angrenzenden Weinreben durch Kaltlufteinbrüche.

Bei einer Kronenabdeckung von gerade noch 40 Prozent fehlen tatsächlich nur wenige gefällte Bäume und nach dem bayerischen Waldgesetz dürfte die Bezeichnung „Wald“ nicht mehr verwendet werden.

„Die Natur wird sich rasch ihren Lebensraum zurückholen und regenerieren.“
Wolfgang Klopsch Arbeitskreis Heimische Orchideen

Ein Vergleich mit den privaten, aus der Maßnahme kurzfristig herausgenommenen Nachbargrundstücken oberhalb der Weinberge zeigt den Unterschied. Hier: ein offener, lichter Kiefernwald. Dort: Strauch- und Buschwerk, der Wald unzugänglich und dunkel. Hier hat die Sonne leichtes Spiel. Nur wenige Baumkronen verschatten den Waldboden. Dort dichtes Unterholz, das dem Wild Unterschlupf gewährt.

Der Wald befinde sich mitten im natürlichen Umbaus zum Kiefern-Mischwald, erklärt Jagdvorsteher Elmar Röhm. Eine Entwicklung, die sich Förster doch eigentlich wünschten.

Bei einem Rundgang, zu dem die Jagdgenossenschaft Ende Februar eingeladen hatte, fiel es dem Naturfreund nicht schwer, Stellen freizulegen, an denen die Bodenkrume pechschwarz hervorschimmert. Ein sicheres Zeichen für besonders nährstoffreichen Humus, der sich hier im Laufe der Jahrzehnte herausgebildet hat. Offen anstehender Muschelkalk? Fehlanzeige. „Ne, ne, das hat mit einem Kalkmagerrasen nichts mehr viel zu tun“, kommentierte er damals.

Anders sieht dies der Landschaftsarchitekt Jürgen Faust, dessen Büro in Karlstadt die Maßnahme durchführt. Entgegen der Einschätzung der Kritiker spricht er von einem „recht guten Erhaltungszustand“ des früheren Vegetationstyps. Im Unterwuchs seien noch immer die typischen Pflanzen vorhanden. So geht es zumindest aus einer Kartierung der Trockenlebensräume zwischen Karlstadt und Veitshöchheim von 2003/04 hervor. Seiner Ansicht nach wird es nicht lange dauern, bis seltene, licht- und wärmeliebende Orchideen-Arten wieder ihre Farbtupfer setzen und sich seltene Tiere wie Spechte, Fledermäuse, Schmetterlinge oder der Hirschkäfer wieder wohlfühlen. Noch 1964 hatte der Wald ein deutlich anderes Aussehen. Dies dokumentieren Luftbilder von 1964, die im Flur des Thüngersheimer Rathauses hängen.

Die Kalkmagerrasen sind eine einzigartige Kulturlandschaft, die einst von den Steilhängen der Fränkischen Saale bei Hammelburg, dem Unterlauf der Wern sowie entlang des Mains bei Marktheidenfeld und von Karlstadt bis Ochsenfurt reichten.

Allerdings nur solange wie der Mensch eingriff: Mit einer intensiven Bewirtschaftung als Viehweide, Holz- und Laubstreu-Lieferant, gesegnet mit Beeren und Früchte sorgte er dafür, dass sich auf den von der Sonne erwärmten, trockenen Muschelkalk-Böden dieser Wälder eine einzigartig reiche und vielfältige Vegetation entwickelte. Geblieben sind nur isolierte Inseln, wie die Thüngersheimer Höhfeldplatte oder Retzbacher Kalkmagerrasen-Flächen.

Das Life+-Natur-Projekt-Mainmuschelkalk setze darauf, die alten Verbindungen wiederzubeleben und so die Ausbreitung der Arten zu erleichtern, erklärt Erhard Henle von der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamtes. „Wir machen einen Vorgang rückgängig, der sich über 50 Jahre entwickelt hat.“

Unterstützung bekommen die offiziellen Naturschützer von Wolfgang Klopsch vom Arbeitskreis Heimische Orchideen Bayern: Er selber will noch Anfang der 1970er Jahre als junger Student bei Exkursionen mit dem Würzburger Professor Gerhard Kneitz, einem der Pioniere des Umweltschutzes, am Moosberg gewesen sein und die außergewöhnliche Vegetation kartiert haben.

Bei einem Spaziergang mit dem Hund hat er sich selber nochmals ein Bild von der Situation gemacht. Einige der typischen Indikatorren für den ehemals am Main weit verbreiteten Vegetationstyp „Kalkmagerrasen“ hat er noch vorgefunden. „Die Natur wird sich rasch ihren Lebensraum zurückholen und regenerieren“, ist er überzeugt.

Führung

Wer sich selbst vom Erfolg der Pflegemaßnahme überzeugen möchte, kann sich am Samstag, 4. Juli, 10 Uhr, am Wendeplatz am Moosberg bei Thüngersheim bei der Schutzhütte einer Führung anschließen. Life+-Naturführerin Katja Winter wird nochmals die Maßnahme erläutern.

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Foto: Chrsitian Ammon | Fett: Mager
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