Kürnach

Reisers Azubis: Frischetheke statt Gourmet-Restaurant

Kurzarbeit war keine Option. Weil sein Restaurant derzeit durch den Teil-Lockdown geschlossen ist, hat Sternekoch Bernhard Reiser einige Azubis kurzerhand woanders untergebracht.
Da die Restaurants geschlossen sind, hat Bernhard Reiser (von links) einige seiner Auszubildenden vorübergehend anderweitig untergebracht. Die Koch-Azubis Yannic Nelius und Julius Balling arbeiten während des Lockdowns an der Frischetheke im Kürnacher Edeka von Christos Didis.
Foto: Aurelian Völker | Da die Restaurants geschlossen sind, hat Bernhard Reiser (von links) einige seiner Auszubildenden vorübergehend anderweitig untergebracht.

Normalerweise würden sie jetzt in der Küche stehen und kochen, braten oder Gerichte zubereiten. Stattdessen stehen drei Kochazubis von Sternekoch Bernhard Reiser hinter der Frischetheke bei Edeka Didis in Kürnach und bedienen die Kunden. "Ich halte es nicht für sozial vertretbar, meine Azubis in die Kurzarbeit zu schicken", sagte Reiser. Deshalb hat er alle 14 Azubis während des November-Lockdowns weiter beschäftigt. Bereits beim Frühjahrs-Lockdown hatte er seine Mitarbeiter anderweitig untergebracht und dabei nur positive Erfahrungen gemacht, da die Azubis so eine sinnvolle und arbeitsplatznahe Tätigkeit hatten.

"Ich bin ein Gastro-Kind, meine Eltern hatten über 40 Jahre ein Restaurant", sagte Christos Didis, Inhaber des Supermarkts. Deshalb war er sofort von der Aktion begeistert. Die Message des Ganzen sei: "Wir Unternehmen müssen uns gegenseitig unterstützen." Und auch den Auszubilden ist damit geholfen. Julius Balling und Yannic Nelius sind zwei von ihnen, sie befinden sich seit August im ersten Lehrjahr bei Reiser. Beide haben ihr Studium abgebrochen, weil sie lieber "etwas Handfestes machen" wollten und schon immer "auf gutes Essen versiert" waren. Beiden wäre es lieber, wenn die Ausbildung im Restaurant weitergelaufen wäre. Dennoch sind sie froh über die sich bietende Möglichkeit.

Koch-Azubis haben keine Berührungsängste vor neuen Aufgaben 

"Wir haben geholfen, die Ware hinten vorzubereiten, durften dem Metzgermeister beim Schneiden helfen und bedienen die Kunden voll und ganz wie die Fachverkäufer", erzählen sie. Mit den vielen verschiedenen Wurstsorten tun sich Reisers Azubis noch ein bisschen schwer, mit dem Fleisch hingegen kennen sie sich eher aus. Auch das Nummern eintippen dauert mal einen Moment länger, aber die Kollegen helfen ihnen dabei stets. "Sie müssen natürlich erst in die Arbeit reinkommen, aber man sieht, dass sie Lust haben und von Anfang an keine Angst hatten", so Didis über seine neuen Aushilfen.

Die Gesellschaft dürfe diejenigen, die nichts dazu können, nicht alleine lassen, so Reisers Meinung.  Ob er die Restaurantschließung für richtig hält? "Ich bin kein Politiker und will nichts entscheiden, aber ich hätte mir gewünscht, dass nicht alle über einen Kamm geschert werden. Kantinen bleiben offen, Restaurants nicht, wo ist da die Grenze?", fragt er sich. Es könne aber niemand sagen, was richtig und was falsch ist. Allerdings sei bis jetzt jeder freiwillig ins Restaurant gegangen. Und diesmal seien die Leute bis zum Schluss gekommen. Im Frühjahr gab es vor dem Lockdown Stornowellen und fast leere Restaurants, "jetzt war noch am letzten Tag die Hütte voll".

Rückgang beim Fast-Food zu beobachten

Ein Gewinner der Krise, da sind sich Didis und Reiser einig, ist das Kochen zuhause. Das Bewusstsein für bessere Lebensmittel sei gestiegen, die Leute kochten bewusster, auch weil sie Zeit hätten. Didis bemerkt, dass qualitative Lebensmittel verstärkt gekauft werden, während beim Fast-Food ein Rückgang zu verzeichnen ist. "Es gibt im Leben auch nichts Wichtigeres als Essen und Trinken, der Mensch braucht Luft, Liebe und muss satt werden", so Reiser.

"Ich habe viele Gastronomen als Freunde und ein Herz für die Gastronomie. Es ist für mich lebenswichtig, gut essen zu gehen", sagte Didis. Deshalb bietet er Wirten zusätzlich an, die Speisekarte in seinen Filialen auszulegen und über seine Facebook-Seiten zu bewerben. Auch können Gastronomen einen Food-Truck vor dem Markt aufstellen oder ihre eigenen Produkte im Markt verkaufen, so werde das etwa bei den Gerichten in Gläsern von "Schmackofatz Catering" aus Bergtheim gemacht. Didis wolle Kraft geben, dass die Gastronomie weiter existiert: "Manche Gastronomen leben von der Hand im Mund, da geht es schon teilweise um Existenzen", sagte er.

Neues aufsaugen und Erfahrungen sammeln  

Noch für die Dauer des aktuellen Lockdowns werden die Reiser-Azubis in der Edeka tätig sein, sollte er verlängert werden, können sich die Chefs vorstellen, die überbetriebliche Maßnahme zu verlängern. "Keiner weiß, wie es weiter geht, vielleicht stehe ich ja auch eines Tages mal hinter der Fleischtheke", scherzte Reiser. "Und ich bediene in ein paar Jahren vielleicht bei Herrn Reiser", entgegnete Didis. Die Azubis freuen sich jedenfalls schon auf den Tag, an dem sie wieder ins Restaurant zurückzukehren.

Die Wochen im Supermarkt sehen sie als Chance, Erfahrungen zu sammeln und Neues zu lernen. So zum Beispiel über die verschiedensten Fleischteile, die ihnen vielleicht eines Tages in der Küche wieder begegnen. Aber auch mit dem Wissen über Käse und Fisch können sie vielleicht dann in der Berufsschule punkten. "Saugt auf, was ihr aufsaugen könnt, ihr wisst nie, was ihr später alles braucht. Schnuppert in alles rein und nehmt mit, was ihr könnt", gibt Reiser seinen Azubis mit auf den Weg.

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