WÜRZBURG

Rock Meets Classic und die Würzburger treffen Alice Cooper

Dieser Matthias Lasch macht seinem Nachnamen überhaupt keine Ehre. Und das ist gut so. Der Mann macht seit 1982 Musik, besser bekannt als Mat Sinner. Und was er anpackt, das läuft. Sinner, Mat Sinner Band, Primal Fear, Voodoo Circle - alles Metal-Bands unter seiner Regie, parallel wohlgemerkt. Weil das aber offenbar noch nicht genug  ist, stellt der Bassist und Sänger seit fünf Jahren auch noch “Rock Meets Classic” auf die Beine. Rock-Legenden touren mit einem klassischen Orchester. “Jedes Projekt, das ich mache, bekommt 100 Prozent Fokus”, sagt Herr Sinner. Und fürwahr: Auch die Ausgabe 2014 ist alles andere als ein Rock-Rentner-Ausverkauf. Headliner ist diesmal Alice Cooper. Und spätestens bei “School’s out” wackeln auch in der Würzburger S.-Oliver-Arena die Wände. Die ist bis auf den letzten Sitzplatz ausverkauft. 
 
Bereuen braucht keiner der 3000 Zuschauer sein kommen. Pech haben nur die wenigen Nachzügler, die ein bisschen  zu lange draußen im Foyer an den Verpflegungsständen trödeln. Denn den Auftakt macht Midge Ure. Und von ihm  auch nur ein paar Töne zu verpassen ist eine Sünde. Der Ultravox-Sänger hat nichts an Charisma in seiner Stimmer eingebüßt, “Hymn” und “Vienna” faszinieren so hypnotisch wie in den Achtzigern, und bei “Breathe” kommt Ure noch immer in schwindelerregende Höhen. Selbstverständlich stehen vor allem die Frauen bei “Dancing wich Tears in my Eyes” erstmals auf und wagen ein Tänzchen. “Was für ein fantastischer Auftakt” - auch Herr Sinner scheint hin und weg.
 
“I surrender”. Mit diesem Brett, das früher auf keiner Schulparty gefehlt hat,  kommt Joe Lynn Turner auf die Bühne. Und wer fragt sich nicht: “Ist das eine Perücke?” Der Junge hat 62 Lenze auf dem Buckel und hat immer noch so eine pechschwarz glänzende Mähne wie um 1980 herum, als er sich für ein paar Jahre Rainbow angeschlossen hatte. Optisch ist das inzwischen eher eine Karikatur - aber was für ein Organ. Auch seinem Deep-Purple-Jahr (1990) widmet Turner Aufmerksamkeit (“Love conquers all”), ehe er mit “Since you’ve been gone” Alle, aber wirklich Alle von den Sitzen holt.
 
Und dann darf auch mal das Bohemian Symphonie Orchester zeigen, was es so drauf hat. Schade nur, dass der musikalische Leiter Martin Sanda die durch die Bank jungen Musikerinnen und Musiker mit dem Pirates-of-Caribean-Theme und später Beethovens Neunter nicht wirklich ausgetretene Pfade verlassen lässt. Trotzdem: Die Mädels und Jungs, alle rockig schwarz gekleidet, zeigen große Spielfreude und dass sie mehr können als nur den Rockstars einen Klangteppich auszurollen. Die ganzen zweieinhalb Stunden schaffen sie es, dass das nicht ein bisschen Klassik hier und ein bisschen Rock dort ist, sondern eine gelungene Symbiose.
 
Die einzige, die das nicht immer so richtig hin bekommt, ist Kim Wilde. Natürlich sind “You campe”, “Keep me hanging on” oder “Kids in America” gern gehörte Gassenhauer, ins symphonische Gewand passt freilich nur “Cambodia”, wo sich endlich mal auch der illustre Chor um Sinner-Weggefährte Ralf Scheepers mächtig ins Zeug legt, so recht. Blondine Wilde indes sei mit auf den Weg gegeben, dass ihre immer noch vorhandenen Reize in etwas weniger engen Klamotten besser zur Geltung kämen.
 
Nach einer kleinen Pause bekommt auch die Mat-Sinner-Band, seit fünf Jahren bei “Rock Mets Classic” für die härtern Tüne verantwortlich, Gelegenheit, auf den Putz zu hauen. Ans “Another-Brick-in-tee-Wall”-Solo sollten sich nicht allzu viele wagen, Gitarrist Oli Hartmann bekommtes bombig hin. Und dann Augen auf, meine Damen: Einer der beiden ergrauten Langhaarigen, die jetzt nach vorn stürmen, trägt - ja, knallrote Cowboystiefel. Es ist Bernie Shaw, wie immer hippelige und launige Sänger der legendären britischen Pro-Hardrocker Uriah Heep. “Free me” - und es zieht Flower-Power-Spirit durch die Halle. Dazu der stets coole Heep-Gründer Mick Box an der Gitarre - geschenkt, dass das unvermeidliche “Lady in Black” kommt und nicht beispielsweise “Look at Yourself”. Aber irgendwie ist es halt doch schön, minutenlang das “Aaaaaaahhhhhaaaaahhhhh…” zu schmettern. Zu diesen Klängen dürften sich einige im Saal als Teenager das erste mal in den Arm genommen haben.
 
Weniger was zum Schmusen hat Alice Cooper im Gepäck. Der Meister des Schock-Rocks hat heute das Henkersbeil und Theaterblut zu Hause gelassen, der rotschwarze Frack muss es aber dennoch sein. “House of Fire”, “No more Mr. Niceguy”, “Welcome to my Nightmare” oder “Poison” - ein feines Best-of-Set des Maestros, der schon letztes Jahr im Heavy-Metal-Mekka Wacken demonstriert hatte, dass er längst nicht zum alten Eisen gehört. Leider darf seine Ausnahme-Gitarristin Orianthi nur phasenweise beweisen, dass sie wirklich nicht nur sensationell gut aussieht.
 
Erst im sensationellen Zugabenteil um ein nicht enden wollendes “School’s out” bekommt die 29-Jährige, die schon Eric Clapton, Michael Jackson, Steve Vai , Prince und ZZ-Top begleiten durfte, Raum für zwei giftige Soli. Und Vincent Damon Furnier alias Alice Cooper holt sich alle noch einmal an die Seite. Die Geigerinnen wedeln begeistert mit ihren Bögen, Sinner und Co werfen riesige Bälle ins die längst nur noch stehende Menge. Die will gar nicht heim. Für einen Moment ist es noch mal wie früher, als der ein der andere Uriah Heep, Kim Wilde, Ultravox, Rainbow oder Alice Cooper live gesehen hat, als die noch Stammgäste in den Charts waren. Aber 2015 geht es ja vermutlich in die sechste Runde mit “Rock Mets Classic”.
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