's Käuzle: Friedhof der Kuscheltiere

Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Doch, wirklich. Das sieht man spätestens dann, wenn der Abfallkalender das Herannahen der Abholung des Gelben Sackes ankündigt und die romantische Ochsenfurter Altstadt kurzfristig zu dem surrealistisch anmutenden 3-D-Kunstobjekt mit dem Titel "Stadt.Sack.Gelb." mutiert. Alles, was zerrupft ist oder leer oder stinkt, oder alles auf einmal, wird weggeschmissen.

Grundsätzlich ist das eine verständliche Verhaltensweise. Es gibt im gewöhnlichen Haushalt nun mal nur sehr begrenzte Wiederverwertungsmöglichkeiten für die beschichtete Alufolie rund um einen halb zerlaufenen Blauschimmelkäse. Oder einen aufgeplatzten Teebeutel, der ein fremdartiges Granatapfel-Ingwer-Darjeeling-Aroma verströmt. Solche Dinge wollen wir loswerden.

Tatsächlich kommt es aber sogar in der entsorgungsgewohnten Wegwerfgesellschaft immer wieder zu Situationen, in denen der Abschied von einem Gegenstand so lange hinausgezögert wird, bis es nicht mehr anders geht. Der Wanderstiefel, der einen von Oberstdorf bis an den Gardasee getragen hat und dessen vierte Sohle nicht mal mehr mit Schraubzwingen noch halten will, der muss nun mal irgendwann den Weg alles Irdischen gehen.

Zum Abschied gibt's ein Foto

Oder die eine, die einzige Brille, die dem Träger je gestanden hat, inzwischen ein Traum aus Kratzern und Klebeband, droht demnächst zu Staub zu zerfallen - da hilft nichts, da gähnt nur noch die grobe, schwarze Öffnung der Restmülltonne. So etwas tut weh. Es gibt aber Menschen, die solchen Verlusten mit einer bewusst gepflegten Abschiedskultur begegnen. Diese Leute fotografieren die Dinge, die in den Müll wandern sollen, und archivieren die Bilder sorgfältig im Ordner der dahin geschiedenen Lieblingssachen.

Manche gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sachen, die ein Gesicht haben, wie zum Beispiel verschlissene Kuscheltiere, werden vor dem Wegwerfen die Augen verbunden. Damit das Kuscheltier die unattraktive Umgebung des Mülleimers nicht wahrnehmen kann. Das ist doch eine nette Idee. Da fällt mir ein: Irgendwo im Keller meiner Eltern müsste Hansi, der Plüsch-Hase meiner Kindheit, gemeinsam mit anderen Zombies aus dem 20. Jahrhundert noch ein vergessenes Schattendasein fristen. Sollte ich ihn jemals wiederfinden, würde ich es wohl nicht über mich bringen, ihn wegzuwerfen. Aber ich könnte ihm eine Augenbinde mitbringen. Denn so schön ist unser Keller nun wirklich nicht.

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