's Käuzle: Suboptimale Wortwahl

Wie nennt man das noch mal, wenn einem potenziell unerquicklichen Vorgang eine abmildernde Bezeichnung zugeordnet wird? Ach ja: Euphemismus. Das bedeutet laut Duden, Unangenehmes angenehm zu sagen. Neu ist die Sache eigentlich nicht. Es passiert etwas Unschönes, das aber freundlich verpackt werden soll. Schon seit ewigen Zeiten wird aus diesem Grunde häufig entschlafen, dahingeschieden oder verblichen, aber gestorben wird nicht. Geliebte Haustiere sterben auch nicht, sondern gehen über die Regenbogenbrücke.

Übergewichtige sind nicht übergewichtig, sondern stramm, stämmig, kräftig oder im Falle von Damen kurvig beziehungsweise mit einer Rubensfigur ausgestattet. Alte Menschen sind reif, zickige Personen sind konfliktstark, Verschwender sind großzügig. Schon längst wird der Euphemismus auch in über das Persönliche hinausgehenden Lebensbereichen verwendet. Meine Bank zum Beispiel hat noch nie ihre Gebühren erhöht, sondern stets nur angepasst. Das aber mit beinahe liebevoller Regelmäßigkeit. Auch die Zinsen werden angepasst und angepasst - bis nichts mehr von ihnen übrig ist.

Der Schmerz kommt zeitverzögert

Die Absicht dahinter ist offenbar, den Schmerz beim Empfänger der Botschaft möglichst gering zu halten, und damit auch etwaigen Zorn auf den Urheber. Ich bezweifle, dass das funktioniert. Der Schmerz kommt dann halt zeitverzögert, wenn das Gehirn den Euphemismus in seine eigentliche Bedeutung zurück übersetzt hat.

Aber egal. Irgendetwas müssen sich die Euphemismus-Verwender ja dabei denken. Sogar die deutschen Amtsstuben greifen auf beschönigende Begriffe zurück. Das merkt man immer dann, wenn ein Baum gefällt werden soll - pardon: nicht gefällt natürlich, sondern beseitigt, entfernt oder, mein persönliches Highlight: zurückgenommen. Die alte Linde vor dem Schlössle in Ochsenfurt, die wurde nämlich nicht gefällt - mitnichten. Die wurde zurückgenommen.

Der Duden schafft Klarheit

Wenn man sich an die Definition des Duden hält, dann wurde die Linde natürlich trotzdem gefällt. Fällen: durch Hauen, Sägen oder Ähnliches zum Fallen bringen, heißt es da nämlich. Falls nicht ein Trupp speziell ausgebildeter Baum-Zurücknehmer die Linde mit bunten Tüchern wedelnd weggesungen hat, dann dürfte das Tatbestandsmerkmal "Fällen" unproblematisch verwirklicht worden sein.

Jetzt ist hier aber langsam mal gut mit Euphemismen. Ich fühle mich nämlich nach dem Genuss eines Weichkäses in suboptimalem Frischezustand leicht unpässlich und würde daher nun gerne zeitnah den Waschraum aufsuchen, den unsere Raumpflegerin zum Glück erst gestern behandelt hat.

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