Veitshöchheim

Spareribs ordern per QR-Code

Was ist das? Ausgefallene Speisen – wie „pulled pork“ – sind laut David Fehlen per Blindenschrift schwer zu entziffern.
Foto: Pat Christ | Was ist das? Ausgefallene Speisen – wie „pulled pork“ – sind laut David Fehlen per Blindenschrift schwer zu entziffern.

David Fehlen zückt sein Smartphone, hält die Kamera auf den QR-Code eines laminierten Infoblatts, scannt das Zeichen ein – und schon beginnt eine Stimme, ihm vorzulesen, was es alles im Veitshöchheimer Biergarten „Meegärtle“ zu essen gibt. Spareribs zum Beispiel. „Also, da ist auf jeden Fall etwas für mich dabei“, meint der 29-Jährige am Ende. Dass er nicht gezwungen ist sich die Speisekarte von der Bedienung vorlesen zu lassen, empfindet der blinde Mann als riesige Erleichterung.

Vor einem Jahr begann Meegärtle-Wirt Wolfgang Plinske, ein Angebot für stark sehgeschädigte Menschen zu etablieren. Mit Monika Weigand vom Berufsförderungswerk Würzburg (BFW) in Veitshöchheim fand er eine kompetente Kooperationspartnerin. Weigand verwandelte die Speisekarte, die Plinske ihr in digitaler Form übermittelte, in Brailleschrift.

Hilfe durch Neue Medien

Aus dem Projekt entstand ein Speisekarten-Service beim BFW, der in der Region bisher allerdings nur auf geringes Interesse stieß. Blindenschrift ist aber auch etwas, das allmählich aus der „Mode“ kommt. Blinde lesen heute viel mit Hilfe Neuer Medien. Geschrieben wird meist, in abgewandelter Form der Brailleschrift, über die Braillezeile des Computers.

„Ich habe schon lange nichts mehr in Blindenschrift gelesen“, sagt Fehlen, während seine Finger über die Blinden-Speisekarte gleiten. Soeben hängt er an einer Zeile, deren Sinn sich ihm einfach nicht erschließen will. „Das bedeutet wohl ,Pulled Pork?“, vermutet Wolfgang Plinske. Pulled Pork ist bei niedriger Temperatur langsam gegartes Fleisch. Diese Meegärtle-Spezialität ist dem aus Jena stammenden BFW-Umschüler völlig unbekannt. Entsprechend schwer ist es darum für ihn, den Begriff zu enträtseln.

Das neue Projekt, in dem Speisekarten in Form eines QR-Codes angeboten werden, ist Weigand zufolge inklusiver als die Herstellung von Speisekarten in Blindenschrift. „Blinde wollen keine Extrawurst“, sagt sie. Der QR-Code ist aus dem Grund keine „Extrawurst“, weil er vielen dient. Jenseits der 50 sind zahlreiche Menschen auf eine Lesebrille angewiesen. Pech, wenn man im Restaurant sitzt und sie vergessen hat. Außer es gibt das Menü als QR-Code. Dann kann die Speisekarte eingescannt und in beliebiger Buchstabengröße auf dem Smartphone gelesen werden.

Monika Weigand und David Fehlen hoffen, dass sich die neue Idee in der gastronomischen Szene schneller verbreitet als das Angebot, Punktschrift-Speisekarten zu erstellen. „Menschen mit Seheinschränkung sollten aktiv auf Wirte zugehen und sie auf diese Methode aufmerksam machen“, appelliert Fehlen. Er selbst habe in der Vergangenheit oft davon profitiert, dass er offensiv auf Leute zuging und seine Wünsche geäußert habe. Was für Blinde aber nicht leicht sei: „Weil wir unser Gegenüber ja nicht visuell vor uns haben.“

Kostengünstiger

In der Herstellung ist die QR-Code-Methode deutlich kostengünstiger als die Speisekarten in Punktschrift. Wobei im BFW ohnehin zum Selbstkostenpreis produziert wird.

Gastronomen, die sehschwachen Menschen künftig ihr Menü auch via Smartphone anbieten wollen, müssen ihr Speisenangebot lediglich in digitaler Form haben. Ist dies der Fall, gibt es zwei Möglichkeiten, sie per QR-Code anzubieten. Weigand: „In statischer Form oder so, dass der QR-Code gleich bleibt, auch wenn sich die Karte verändert, zum Beispiel, weil die Saison wechselt.“

Die statische Form ist für wenige Euro zu realisieren – je nachdem, wie viele laminierte Infoblätter im Restaurant oder Café ausliegen sollen. Ändern sich die Gerichte oder Preise öfter, würde das Team um Weigand bei dem Gastromomen eine Datenbank einrichten, in der er selbst jederzeit Änderungen eintragen kann. Per QR-Code würde dann stets das angezeigt, was aktuell im Angebot ist.

QR-Code

Ein QR-Code ist ein zweidimensionaler Barcode, in dem Informationen durch schwarze und weiße Datenpixel dargestellt werden. Die Buchstaben „QR“ bedeuten „quick response“ (übersetzt „schnelle Antwort“).

Typischerweise befinden sich die schwarzweißen Würfelmuster heute auf Verpackungen und Etiketten. Aber auch auf Werbeplakaten und Visitenkarten sind immer häufiger QR-Codes zu sehen.

Mit QR-Code und Handykamera lassen sich im Alltag aber auch viele andere Informationen aufrufen, zum Beispiel Verweise in Zeitschriften auf Online-Seiten.

Gastronomen die ihre Speisekarte in Punktschrift oder via QR-Code anbieten möchten, können Kontakt aufnehmen: monika.weigand@bfw-wuerzburg.de pat

Hilfe im Alltag: Als erster Blinder probiert David Fehlen (rechts) die Speisekarte als QR-Code aus. Wolfgang Plinske will diese Idee von Monika Weigand künftig im „Meegärtle“ in Veitshöchheim etablieren.
Foto: Pat Christ | Hilfe im Alltag: Als erster Blinder probiert David Fehlen (rechts) die Speisekarte als QR-Code aus. Wolfgang Plinske will diese Idee von Monika Weigand künftig im „Meegärtle“ in Veitshöchheim etablieren.
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