WÜRZBURG

Stadtteilserie (7): Karl Hackstetter, der fliegende Baumeister

Tollkühne Männer: Am 12. September 1906 geht es bei einer „wissenschaftlichen Hochfahrt“ mit dem gasgefüllten Ballon „Franken“ vom Sanderrasen aus 5500 Meter nach oben. Karl Hackstetter (mit weißer Mütze) sitzt links auf dem Gondelrand.
Foto: Flugsportclub Würzburg | Tollkühne Männer: Am 12. September 1906 geht es bei einer „wissenschaftlichen Hochfahrt“ mit dem gasgefüllten Ballon „Franken“ vom Sanderrasen aus 5500 Meter nach oben.

Ein junger Architekt begeistert Würzburg 1905 für die Luftfahrt. Auch die Nutzung des Galgenbergs als Flugplatz ist seine Idee. Mehrmals gerät er in Lebensgefahr.

Der Beginn der Würzburger Luftfahrt ist an einem Datum und einem Namen festzumachen: Am 12. Mai 1905 fand die Gründungssitzung des „Fränkischen Vereins für Luftfahrt“ (FVL) statt. Ins Leben gerufen hatte ihn ein 28-jähriger Architekt, der kurz zuvor als Bauassistent zur Universitäts-Bauinspektion nach Würzburg gekommen war: Karl Hackstetter.

Hackstetter wurde zum Idol der Würzburger Flugbegeisterten und Vorsitzender des Vereins. Schon im Gründungsjahr zählte der FVL 142 Mitglieder.

Dass knapp zwei Jahrzehnte später, im Jahr 1924, am Galgenberg der „Würzburger Flughafen“ entstand, war auch das Verdienst Karl Hackstetters. Über den Flughafen, dessen Gebäude teilweise noch existieren, wird in einer späteren Folge der Serie „Würzburgs neuer Stadtteil“ berichtet. Heute steht zunächst der Flugpionier selbst im Mittelpunkt, der mit spektakulären Abenteuern die Phantasie der Menschen erregte und nach dem eine kleine Seitenstraße der Zeppelinstraße benannt ist.

Der 1876 in Bamberg geborene Hackstetter hatte sich mit Haut und Haaren der Luftfahrt verschrieben. Jede freie Minute widmete er dem Flugsport. 1904 unternahm er in Augsburg seine erste Luftreise im Freiballon „Augusta Vindelicorum“. Kurz darauf erhielt er das Freiballonführer-Patent Nr. 55.

Kaum in Würzburg angekommen, warb Hackstetter unermüdlich für die Aviatik. Zunächst begeisterte er dafür die Mitglieder der katholischen Studentenverbindungen Markomannia und Thuringia.

Für erste Aufstiege in Würzburg nutzte er noch den entliehenen Ballon „Augusta Vindelicorum“. Startplatz war der Sanderrasen, wo eine vorhandene Gasleitung zum Befüllen diente. Die Premierenfahrt am 26. Februar 1905 ging bis nach Laufach im Spessart. Ballone galten damals als höchst gefährlich; deshalb war es nicht immer leicht, jemanden zu finden, der den Aufstieg wagte, schreiben Heinz Gräf und Otto Weber-Niebuer in ihrer Broschüre „Luftfahrt in Würzburg“.

Sechs Fahrten absolvierte Hackstetter allein im Jahr 1905. Bei der dritten am 28. März 1905 flog der Ballon so niedrig, dass Höchberger Dorfbewohner die Korbinsassen sprechen hörten. Ein Bauer rief ihnen zu: „Wo wöllt'r denn hie!?“

Die sechste Fahrt am 24. September 1905 fand trotz dramatischer Umstände ein gutes Ende. An diesem Herbstsonntag landete der Ballon um 12.30 Uhr bei Hanau. Hackstetter war durch ausströmendes Gas aus einem Leck in der Ballonhülle bewusstlos geworden, konnte aber vorher unter Aufbietung aller Kräfte den Ballon noch zur Erde bringen. Ein zufällig vorbeikommender Arzt leistete erste Hilfe.

Dem Luftfahrtverein traten viele verheiratete oder verlobte Männer bei, sehr zum Missfallen der betroffenen Frauen, die allein schon beim Gedanken an eventuelle Aufstiege ihrer Geliebten Todesängste ausstanden. Bei den ersten sechs Fahrten waren denn auch nur Junggesellen dabei, laut Hackstetter „Leute, die weiter nichts als ihr Leben zu riskieren hatten“.

Als ein Freiflug für drei Personen unter allen Mitgliedern des FVL verlost werden sollte (zusammen mit dem Ballonführer als viertem Mann), meldeten sich nur einige und darunter noch weniger Ehemänner. Zum Abflug erschienen von den dreien lediglich zwei. Hackstetter: „Der vierte Mann fehlt, seine gestrenge Ehehälfte hätte ihn in Acht und Bann getan, wenn er mitgefahren wäre. Ersatzleute vor! Allein auch diese glänzten durch Abwesenheit.“ Schließlich erbarmte sich ein weiteres, nicht ausgelostes Mitglied und stieg in den Korb.

Über den Start schreibt Hackstetter später: „Da ertönt das Kommando 'Los!‘. Sämtliche photographischen Apparate werden in Aktion versetzt, tosende Beifallsrufe 'Gut Land und Luft!‘ ertönen im Umkreise. Zwei Sandsäcke werden auf die Häupter der andächtig Emporschauenden ausgeleert und der Ballon schwebt in Bälde in einer respektablen Höhe, von der aus die große Menge Menschen sich wie ein emsiger Ameisenhaufen ausnimmt.“ Hackstetter weiter: „Weihevolle Stille herrscht im Ballon, nur unterbrochen durch die begeisterten Rufe der Passagiere. Ausdrücke wie großartig, prachtvoll, unvergleichlich schön, erhaben, ideal usw. schwirren umher und lassen jeden vergessen, dass er sich 1800 Meter über der Erde im freien Luftozean dahin bewegt. Trefflich mundet das luftige Frühstück.“

Die Aviatiker haben gekühlten Sekt dabei, dazu Wein und Cognac. Bei Windischeschenbach in der Oberpfalz landen sie, packen Ballon und Korb zusammen und fahren per Eisenbahn nach Würzburg zurück.

Im September 1906 beschafft der Fränkische Verein für Luftfahrt ein eigenes Fluggerät; der 1700 Kubikmeter große gebrauchte Gasballon erhält den Namen „Franken“. Am Mittwoch, 12. September 1906 wird der Ballon zünftig eingeweiht. Bei der „wissenschaftlichen Hochfahrt“ nimmt ein mitfahrender Universitätsprofessor an den Insassen in verschiedenen Höhen Untersuchungen vor. Für eventuell auftretende Übelkeit steht eine Sauerstoffflasche bereit. Der Aufstieg geht bis in die beachtliche Höhe von 5500 Metern.

Bald wird der Startplatz vom Sanderrasen zum Viehmarktplatz an der heutigen Friedensbrücke verlegt, wo eine bessere Gasleitung die Füllzeit auf immer noch sechs Stunden verkürzt. Die Startvorbereitungen der großen gelben Kugel entwickeln sich zu einer beliebten Sonntagmorgen-Attraktion der Würzburger Bürger.

Hackstetter, der inzwischen ehrfürchtig „der fliegender Baumeister“ genannt wird, steigt mit dem Ballon „Franken“ auch in anderen deutschen Städten auf, so in Nürnberg, Stuttgart, Karlsruhe, Plauen, Suhl, Arnstadt, Erfurt, Essen, Frankfurt und Düsseldorf. An mehreren Orten beteiligt er sich aktiv an der Gründung von Luftfahrtvereinen.

Im April 1907 wechselt Hackstetter als Regierungsbaumeister in die Verwaltung des Fürsten zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg. Der neue Arbeitgeber hat viel Verständnis für die Luftfahrt und gewährt großzügig Flugurlaub, zum Beispiel im Herbst 1908.

Damals wird Hackstetter legendär mit seinem Ballonflug beim „3. Gordon-Bennett-Rennen der Lüfte“ um den von Kaiser Wilhelm II. ausgelobten Preis. Mit dem Fabrikanten Herbert Scheiterer aus Plauen startet er am 11. Oktober 1908 mit dem Ballon „Plauen“ und lässt sich in 43 Stunden bis über die Nordsee treiben. Ihren Wagemut bezahlen beide fast mit dem Leben.

Bei der Wettfahrt, die größtes Aufsehen erregt, sind 23 Ballone am Start, unter anderem aus den USA, Deutschland, Belgien, der Schweiz, Frankreich, Italien und Spanien. Den Sieg trägt der Schweizer Ballon „Helvetia“ davon, der 73 Stunden in der Luft bleibt, was Weltrekord bedeutet.

„Mit mir flogen Leute, die weiter nichts als ihr Leben zu riskieren hatten.“

Karl Hackstetter Würzburger Flugpionier

Der Würzburger Generalanzeiger bringt drei Wochen später einen Erlebnisbericht Hackstetters, der fast eine ganze Seite einnimmt. Um 17 Uhr, so der Artikel, befindet sich der Ballon am 11. Oktober über Cuxhaven und die Aviatiker müssen entscheiden, ob sie sich auf die Nordsee hinaus wagen. Hackstetter: „Wir stehen vor der entscheidenden Frage: 'entweder oder‘. Galt es doch, einen Preis zu erringen. Wir hatten nunmehr zwölf Stunden Fahrt hinter uns mit 1860 Kilometern Entfernung, hatten von unseren mitgenommenen 30 Säcken Ballast noch 25 im Ballon. Da sollten wir zurückstehen und nicht die lumpigen 800 bis 900 Kilometer wagen bis an die Küste Englands?“

„Rasch war im beiderseitigen Einverständnis der Entschluss gefasst 'Hinaus und hinüber‘“, schreibt Hackstetter weiter: „Leichtsinn, Wahnsinn, Frechheit, Dummheit, Vermessenheit – nennen Sie es, wie Sie wollen. Maßloser Ehrgeiz hatte uns zu einem Entschluss gebracht, dessen Tragweite wir in diesem Momente nicht übersehen konnten. Alles war vergessen. Wir haben einen der besten Ballone, wir sind ein Herz und eine Seele, einer für den anderen. Und in Begeisterung drückten wir uns die Hand, ohne ein Wort zu reden.“

Nachdem das letzte Schiff gesichtet ist, geht es über 4000 Meter in die Höhe, weit über den Wolken. Zwei bange Nächte verbringen Hackstetter und Scheiterer, die letzte schon mit dem Gefühl, das Äußerste stehe bevor, denn die englische Küste ist längst nicht erreicht. Dann geht es jäh abwärts, durch die Wolken in den dichten, die See bedeckenden Nebel, in dem man zweitweise von der Gondel aus den Ballon nicht mehr sieht. Die Flugpioniere klammern sich an die Hoffnung, in Berlin werde der Ballon vermisst, des Kaisers Torpedojäger würden entsandt, um die Nordsee abzusuchen.

Als der Ballon den Wasserspiegel erreicht hat, wird die Gondel im Wasser hin und her geschleudert. Der Ballon selbst bleibt dicht, denn das Wasser verhinderte den Gasabfluss aus dem Ventil. Schon scheint das Ende nahe, als sich nach vier Stunden ein englischer Fischdampfer dem 450 Kilometer vor der Küste im Wasser treibenden riesigen Ballon nähert. Erst wird der Plauener Fabrikant gerettet, dann Hackstetter bewusstlos aus dem Netzwerk der Gondel gelöst und ins Schiff gebracht. Erst hier kommt er langsam wieder zu sich.

Der geborgene Ballonkorb des Freiballons „Plauen“ befindet sich heute im Deutschen Museum in München.

Hackstetter lässt sich durch die Beinahe-Katastrophe nicht von weiteren Abenteuern abhalten. Am 3. April 1909 steigt er mit dem Ballon „Franken“ in Würzburg zu einer Nachtfahrt auf. Nach elf Stunden landet er glatt in Pont-a-Mousson in Lothringen. Hackstetter und seine zwei Passagiere werden als Spione verdächtigt und verhaftet, nach einem Verhör aber wieder freigelassen.

Bis zum Kriegsbeginn 1914 unternimmt der „fliegende Baumeister“ noch insgesamt 34 Ballonfahrten.

Würzburger Flugpionier: Karl Hackstetter im Jahr 1925.
| Würzburger Flugpionier: Karl Hackstetter im Jahr 1925.
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