Würzburg

Ständig Störfälle: Was ist los mit Unterfrankens Trinkwasser?

Immer wieder Chlorgeruch aus dem Wasserhahn, die Meldung von Fäkalkeimen im Trinkwasser und die Anweisung, das Wasser abzukochen: Wie hoch ist die Gefahr für Verbraucher?
Symbolfoto: Trinkwasserschutzgebiet in Lohr am Main (Lkr. Main-Spessart)
Foto: Thomas Obermeier | Symbolfoto: Trinkwasserschutzgebiet in Lohr am Main (Lkr. Main-Spessart)

Die Zahl ist erschreckend: In Unterfrankens Trinkwassernetzen gab es in den vergangenen fünf Jahren mehr als 70 Störfälle. In mehr als 60 Fällen wurden Keime entdeckt. In mehr als 20 Fällen mussten Verbraucher ihr Leitungswasser abkochen. In fast 70 Fällen wurde zeitweise oder wird das Wasser immer noch gechlort. Was ist los mit Unterfrankens Trinkwasser und wie groß ist die Gefahr für die Verbraucher? Antworten von Gesundheitsämtern, Mikrobiologen und Trinkwasserexperten:

Was versteht man unter einem Störfall?

Bei einem Störfall handelt es sich aus Sicht des Gesundheitsamtes um eine mikrobiologische oder chemische Grenzwertüberschreitung, in deren Zusammenhang das Trinkwasser aus gesundheitlichen Gründen gar nicht mehr oder nur nach vorheriger Behandlung, zum Beispiel durch Desinfektion mittels Abkochen und/oder Chlor verwendet werden kann.

Welche Arten von Keimen wurden gefunden?

Gefunden wurden E. coli, coliforme Keime, Enterokokken, Pseudomonaden und erhöhte Keimzahlen.

Symbolfoto: Oskar Weinig, Hygienekontrolleur des Gesundheitsamtes Main-Spessart kontrolliert die Wasserversorgung der Gemeinde Rechtenbach mit deren Wasserwart Stephan Matreux.
Foto: Thomas Obermeier | Symbolfoto: Oskar Weinig, Hygienekontrolleur des Gesundheitsamtes Main-Spessart kontrolliert die Wasserversorgung der Gemeinde Rechtenbach mit deren Wasserwart Stephan Matreux.

Woher kommen Fäkalkeime?

E. coli, coliforme Keime und Enterokokken sind Bewohner des menschlichen und tierischen Darms, leicht nachzuweisen und kommen fast immer in Fäkalien vor. Daher werden sie als Indikator für die mikrobiologische Untersuchung genutzt. Der bloße Nachweis solcher Keime in 100 Milliliter Wasser gilt unabhängig von ihrer Menge als problematisch.

Was sind Pseudomonaden?

In einigen Hydranten wurden Pseudomonaden, das sind Bakterien, die feuchte Habitate lieben und Biofilme in Wasserleitungen bilden, gefunden. Problematisch ist ihr Nachweis in Krankenhäusern, in denen Patienten intensivmedizinisch betreut werden und stark abwehrgeschwächt sind.

Was bedeutet "erhöhte Keimzahlen"?

Erhöhte Keimzahlen weisen (ebenso wie Pseudomonaden) auf technische Mängel oder eine mangelnde Spülung des Systems hin, da sich die im Wasser natürlicherweise vorhandenen Bakterien übermäßig vermehren. Meist handelt es sich dabei um harmlose Umweltkeime.

Wie gefährlich sind die einzelnen Keime?

Erhöhte Keimzahlen oder Pseudomonaden sind normalerweise nicht gefährlich. Der Nachweis von E.coli, coliformen Keimen und Enterokokken birgt das Risiko von Durchfallerkrankungen oder Hepatitis A. Besonders gefährdet sind infektanfällige Menschen wie Säuglinge, Schwangere, schwer kranke oder sehr alte Menschen. Wie hoch das Risiko ist, wenn man dieses Wasser ohne Abkochen oder Chlordesinfektion trinkt, hängt von der Stärke des Keimeintrags und der Art der Erreger ab.

Symbolfoto: Aus einer begehbaren Quelle bei Lohr am Main (Lkr. Main-Spessart) wird mit einem sterilen Glasbehälter eine Wasserprobe gezogen.
Foto: Thomas Obermeier | Symbolfoto: Aus einer begehbaren Quelle bei Lohr am Main (Lkr. Main-Spessart) wird mit einem sterilen Glasbehälter eine Wasserprobe gezogen.

Warum ist Chlorung nicht gleich Chlorung?

Von einer "Transportchlorung" sprechen Wasserversorger, wenn dem Trinkwasser aufgrund langer Leitungswege Chlor zugesetzt wird, um unterwegs keine Aufkeimung zu riskieren. Meist wird das Chlor auf dem Weg zum Verbraucher aufgezehrt. Von einer "Sicherheitschlorung" ist die Rede, wenn dem Wasser wegen maroder Leitungen, Bauarbeiten oder bei Wasser aus oberflächennahen Quellen Chlor zugesetzt wird, um einen Störfall zu verhindern. Das riecht und schmeckt man. Am höchsten ist die Menge an Chlor, wenn das Wasser wegen eines akuten Keimfundes gechlort wird.

Ist Chlor völlig ungefährlich?

Die Menge an Chlor, die höchstens beim Verbraucher ankommen darf, liegt zwischen 0,1 und 0,3 Milligramm pro Liter Wasser. Gesundheitsschäden seien ausgeschlossen, so die Gesundheitsämter. Schwangere und Babys sollten aber ab zwei Wochen auf Flaschenwasser umstellen. Für Haustiere ist Chlor ungefährlich, für Fische allerdings giftig.

Welche Rechte hat der Verbraucher?

Wird wegen eines Störfalls Chlor ins Trinkwasser gegeben, so muss der Wasserversorger die Verbraucher umgehend informieren: Paragraf 16 der deutschen Trinkwasserverordnung. In allen anderen Fällen muss der Wasserversorger mindestens einmal im Jahr den Verbraucher über alle Werte und Aufbereitungsstoffe seines Trinkwassers informieren. Er ist nach Paragraf 21 der deutschen Trinkwasserverordnung außerdem dazu verpflichtet, Kunden auf Anfrage Auskunft zu erteilen.

Symbolfoto: Das Bild zeigt die Wasseraufbereitungsanlage der Wasserversorgung Lohr.
Foto: Thomas Obermeier | Symbolfoto: Das Bild zeigt die Wasseraufbereitungsanlage der Wasserversorgung Lohr.

Warum spielt Nitrat offenbar keine Rolle?

Weil sich diese 70 Störfälle nur auf das an die Verbraucher abgegebene Wasser und nicht auf Unterfrankens Grundwasser beziehen. Entspricht das Wasser aus einzelnen Brunnen von vorne herein nicht den Anforderungen der Trinkwasserverordnung, wird es erst im Wasserwerk zu Trinkwasser aufbereitet und mit anderem Wasser gemischt, bevor es ins System eingespeist wird.

Sollte man überhaupt noch Wasser aus der Leitung trinken?

Große Wasserwerke untersuchen das Leitungswasser dreimal täglich. Die Trinkwasserverordnung definiert Grenzwerte so, dass es selbst empfindlichste Menschen ein Leben lang trinken können. Vor dem Hausanschluss müssen die Wasserversorger das Wasser regel­mäßig auf rund 70 Para­meter kontrollieren. Trinkwasser ist eines der am strengsten kontrollierten Lebensmittel in Deutschland.

Welches ist das größte Problem, wenn es ums hiesige Trinkwasser geht?

Die Trockenheit. Während in Oberbayern durchschnittlich über 1000 Millimeter Niederschlag pro Jahr fallen, sind es in Unterfranken mancherorts nicht mal 500. Derzeit erstellt die unterfränkische Regierung eine neue "Wasserversorgungsbilanz". Sie errechnet anhand aktueller Klimaszenarien, wie gut unsere Region bis zum Jahr 2035 mit Trinkwasser versorgt ist und ob es Engpässe geben könnte. 

 
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