Würzburg

Streik im öffentlichen Dienst in Würzburg: Es geht nicht nur um Geld

In Würzburg gehen Pflegekräfte, Mitarbeiter der Universität und der Landesanstalt für Wein- und Gartenbau auf die Straße. Dem Nachwuchs geht es um sichere Jobs.
Etwa 350 Angestellte im öffentlichen Dienst forderten bei einem Zug durch die Würzburger Schönbornstraße mehr Lohn.
Foto: Ivana Biscan | Etwa 350 Angestellte im öffentlichen Dienst forderten bei einem Zug durch die Würzburger Schönbornstraße mehr Lohn.

"Wir haben den absoluten Pflegenotstand", sagt Ralf Pfenning. Er ist Fachkrankenpfleger für Psychiatrie am Uniklinikum. "Von unseren Kollegen kann kaum noch jemand zum Streiken kommen, weil wir sowieso nur noch in Notbesetzung arbeiten", sagt der 48-Jährige. Deshalb sei mehr Anerkennung, auch finanzieller Art, längst überfällig, findet er. "Wir dürfen nicht wieder nur mit einer Prämie abgespeist werden."

Er ist einer von rund 350 Menschen, die am Donnerstag im Vorfeld der dritten Verhandlungsrunde im öffentlichen Dienst auf die Straße gegangen sind. Aufgerufen hatten die Gewerkschaft verdi und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) . Mit dem Warnstreik fordern sie einen Kurswechsel: Fünf Prozent mehr Lohn, mindestens aber 150 Euro monatlich mehr, fordern die Gewerkschaften. Beschäftigte des Gesundheitswesens sollen 300 Euro, Auszubildende, Studierende und Praktikantinnen und Praktikanten 100 Euro monatlich mehr erhalten.

Die Streikenden schwenken Fahnen, halten Schilder in die Höhe, aus Lautsprechern schallt Musik. Auf den weißen Plastikkitteln über ihren Winterjacken steht in roter Schrift: "Wir sind es wert".

Würzburger Angestellte im Öffentlichen Dienst fordern finanzielle Anerkennung

„Der Unmut der Beschäftigten, gerade im Gesundheitswesen hat durch die Ignoranz der enormen Belastungssituation durch die Arbeitgeber nun einen Höhepunkt erreicht“, sagt Gerald Burkard, Bezirksgeschäftsführer der Gewerkschaft verdi Würzburg-Aschaffenburg. Corona habe die bereits vor der Pandemie extremen Arbeitsbedingungen noch einmal verstärkt. Deshalb sei jetzt eine finanzielle Anerkennung nötig. „Leider haben die Arbeitgeber bis heute noch nicht den Ernst der Lage erkannt und provozieren mit ihrer Verweigerungshaltung diese Arbeitsniederlegung“, sagt der Gewerkschafter.

Lesen Sie auch:

Deutlich mehr Menschen als erwartet seien dem Aufruf der Gewerkschaften gefolgt, freut sich Burkard. So nehmen Angehörige des Universitätsklinikums, der Julius-Maximilian-Universität, des Studentenwerks und der Landesanstalt für Wein- und Gartenbau an dem Warnstreik teil.

Knapp hinter der Spitze des Zuges, der sich von der Zellerau über die alte Mainbrücke durch die Würzburger Innenstadt zum Bahnhof zieht, ertönt Lärm. Eine Gruppe der Bayerischen Staatsforsten in neon-orangefarbener Arbeitskleidung hält Arbeitsgeräte in den Händen. Mit dem ohrenbetäubenden Lärm wollen sie auf die Bedeutung ihrer Arbeit aufmerksam machen.

An dem Warnstreik in Würzburg beteiligten sich das Uniklinikum, das Studentenwerk, die Landesanstalt für Wein- und Gartenbau und die Uni Würzburg.
Foto: Ivana Biscan | An dem Warnstreik in Würzburg beteiligten sich das Uniklinikum, das Studentenwerk, die Landesanstalt für Wein- und Gartenbau und die Uni Würzburg.

"Wir haben die Königsaufgabe, den Wald auf den Klimawandel vorzubereiten", sagt Ausbildungsleiter Frank Binder. Dafür bräuchte man auch weiterhin qualifiziertes Personal, doch durch die niedrigen Löhne sei die Nachwuchsbeschaffung schwierig, sagt der 37-Jährige. Mit der Industrie könne man so nicht konkurrieren. "Wir müssen mit den Löhnen dringend weiter hoch, sonst bekommen wir ein riesen Problem die nächsten Jahre."

Auszubildende wollen durch Übernahmegarantie mehr Sicherheit

Lesen Sie auch:

Für die Auszubildenden könnte vor allem eine Übernahmegarantie nach bestandener Ausbildung mehr Sicherheit bieten. "Im Zuge des Pflegenotstands bleiben die Leute nur im Schnitt sieben Jahre in diesem Beruf", sagt Philipp Schütte, Pflege-Auszubildender im letzten Jahr, "da muss man es uns doch attraktiver machen, bei einem Arbeitgeber zu bleiben. Man muss uns garantieren, dass wir einen sicheren Job haben". Corona hätte nicht nur Probleme verstärkt, sondern in erster Linie würde das aufgedeckt, was in den letzten Jahrzehnten in der Pflege kaputtgemacht worden wäre, findet der 21-Jährige.

Bei der Abschlusskundgebung am Bahnhofsplatz um kurz nach 12 Uhr ist das Unverständnis für die Reaktion der Arbeitgeberseite groß. Man müsse dem Personalschwund entgegenwirken, sonst stünde spätestens nach der Pandemie der "Pflexit" an, die Flucht vieler Pflegekräfte aus dem Beruf, warnt Robert Hinke, Landesfachbereichleiter Gesundheit uns Soziales von verdi Bayern. "Wir sind nicht die Sparschweine der Nation", stellt er klar.

Weitere Artikel
Themen & Autoren / Autorinnen
Würzburg
Désirée Schneider
Auszubildende
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
Gewerkschafter
Pflegepersonal
Studentenwerke
Universitätskliniken
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 50 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (6)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!