Würzburg

Toni ist wirklich ganz schön klug

Wolfgang Schneider, Leiter der Begabungspsychologische Beratungsstelle der Universität Würzburg, bespricht mit Schulpsychologin Brigitte Markert das Testergebnis eines Grundschülers.
Foto: Pat Christ | Wolfgang Schneider, Leiter der Begabungspsychologische Beratungsstelle der Universität Würzburg, bespricht mit Schulpsychologin Brigitte Markert das Testergebnis eines Grundschülers.

Wie schnell Toni lernte, fand seine Lehrerin äußerst beachtlich. „Möglicherweise“, sagte sie zur Mutter des Drittklässlers, „ist Ihr Sohn hochbegabt.“ Die war überrascht, hatte sie doch an so etwas nie gedacht. War Toni tatsächlich besonders klug? Mit dieser Frage kontaktierte sie die Begabungspsychologische Beratungsstelle der Universität Würzburg. An die können sich alle Familien aus Unterfranken werden, die abklären möchten, ob ihr Kind tatsächlich besonders intelligent ist.

Seit elf Jahren gibt es die von Wolfgang Schneider, Professor für Entwicklungspsychologie, geleitete Beratungsstelle. Drei Schwerpunkte machen die inhaltliche Arbeit aus. Zum einen werden jedes Jahr um die 100 Kinder diagnostiziert, bei denen sich der Verdacht einer Hochbegabung erhärtet hat. Das vierköpfige Team der Beratungsstelle ist auch für Studierende da, die nicht genau wissen, ob das, was sie studieren möchten oder was sie zu studieren begonnen haben, das Richtige für sie ist. Schließlich klären die Mitarbeiter der Beratungsstelle ab, ob sich ein Gymnasiast aus Unterfranken für ein Frühstudium neben der Schule eignet.

Als Tonis Mama von der Lehrerin gehört hatte, dass ihr Sohn auffällt, weil er so schnell lernt und so viel weiß, recherchierte sie zunächst im Internet zum Thema „Hochbegabung“. Was sie las, leuchtete ihr ein. Möglicherweise, dachte sie, war Toni wirklich besonders begabt. Um Klarheit zu bekommen, wollte sie das testen lassen. Darum rief sie zunächst in der Telefonsprechstunde der Beratungsstelle an. „Kommen Sie doch einfach einmal mit Toni vorbei“, riet Schulpsychologin Brigitte Markert, die in der Begabungsstelle tätig ist. Zwei Wochen später erschien Toni mit seiner Mutter bei ihr.

Während die Mutter durch die Stadt bummelte, nahm der Achtjährige zwei Stunden lang an spielerisch aufbereiteten, diagnostischen Tests teil – was ihm großen Spaß machte. Beim Mosaiktest zum Beispiel durfte er aus Quadraten vorgegebene Figuren legen. Dabei schnitt er sehr gut ab. Besonders erstaunlich war laut Markert sein umfangreicher Wortschatz. „Der acht Jahre alte Junge wusste sogar, was das Fremdwort ,absorbieren‘ bedeutet“, erzählt sie.

Dieser Begriff war Toni schon mal in einer Science Fiction-Geschichte untergekommen. Andere Jungs hätten ihn wahrscheinlich einfach überlesen. Toni aber schaute das Wort nach und merkte sich, was es bedeutet: „Das heißt ,aufsaugen‘.“

Wie sich herausstellte, ist Toni tatsächlich außerordentlich klug. Mit diesem Ergebnis hatte seine Mutter endlich Klarheit. Sie konnte dies der Lehrerin mitteilen und gleichzeitig dafür sorgen, dass Toni auch außerhalb der Schule Möglichkeiten erhielt, sich seinen Begabungen entsprechend zu entfalten. Markert: „Die Mutter könnte Toni zum Beispiel bei einem Schachverein anmelden oder Angebote wie das Forschercamp des Virchow-Zentrums an der Uni wahrnehmen.“

Probleme bereitet Tonis hohe Begabung der Mutter nicht. Das ist in anderen Familien manchmal anders, erläutert Psychologin Nicole von der Linden: Die Hochbegabung kann zu Schwierigkeiten im familiären und schulischen Alltag führen. So ecken manche Kinder in der Gruppe an, weil sie alles immer sofort und weil sie alles besser wissen. Probleme können sich auch ergeben, weil die Kinder zwar intellektuell sehr weit sind, in ihrer emotionalen Entwicklung jedoch ein alterstypisches Niveau aufweisen. „Sie interessieren sich zum Beispiel für Nachrichten und fragen gezielt nach, können allerdings Probleme bekommen, das, was sie erfahren, auch zu verarbeiten“, erläutert die Psychologin.

Für Eltern, die sich durch die Hochbegabung ihres Kindes vor Herausforderungen gestellt sehen, entwickelte das Team der Beratungsstelle das Training „Kommunikations- und Lösungsstrategien für die Interaktion mit klugen Kindern“ (KLIKK). Im Oktober beginn ein zweiter, dreitägiger KLIKK-Durchlauf, für den sich interessierte Familien bereits anmelden können.

Neben Familien mit hochbegabten Kindern wenden sich Abiturienten und Studierende in Anfangssemestern an die Beratungsstelle. Insgesamt 136 junge Leute nahmen im vergangenen Jahr die Möglichkeit der Orientierungsberatung wahr. Etliche Studieninteressierte nutzten außerdem den Online-Interessentest, den das Team der Beratungsstelle entwickelt hat. „Seit Jahresbeginn gibt es darüber hinaus Online-Selbsttests für bestimmte Fächer“, so Wolfgang Schneider. Mit diesen Tests wollen die Psychologen der Beratungsstelle dazu beitragen, die nach wie vor hohe Zahl an Studienabbrüchen gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern zu senken.

Die Entwicklung der Tests wurde vom Bundesforschungsministerium finanziell unterstützt. Die Beratungsangebote für Familien, Studieninteressierte und Gymnasiasten mit Interesse an einem Frühstudium kosten laut Psychologin Sandra Schmiedeler nichts. Allerdings wird um eine Spende gebeten, da die Beratungsstelle nicht vollständig von der Uni Würzburg finanziert wird.

Die Einrichtung kann unter Tel. (09 31) 3 18 60 23 oder begabungsberatungsstelle@uni-wuerzburg.de kontaktiert werden.

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