Unterpleichfeld

Unterpleichfelder Gemeinderat stimmte gegen Logistikzentrum von s.Oliver

Bürgermeister Alois Fischer auf seinem Rathaussessel in Unterpleichfeld. Er hätte es gern gesehen, wenn der Gemeinderat für das Bauvorhaben der s.Oliver Group auf Gemeindegebiet gestimmt hätte.
Bürgermeister Alois Fischer auf seinem Rathaussessel in Unterpleichfeld. Er hätte es gern gesehen, wenn der Gemeinderat für das Bauvorhaben der s.Oliver Group auf Gemeindegebiet gestimmt hätte. Foto: Irene Konrad

"Spannender und unterhaltsamer als jeder Fernsehkrimi" war eine Gemeinderatssitzung in Unterpleichfeld für viele Zuhörer, die eine historische Stunde des Dorfes miterleben wollten. Rund 100 Gäste waren vor Ort, als es um die Entscheidung ging, ob die s.Oliver Group am Ortsrand ein Logistikzentrum bauen darf. Das Ratsgremium hat sich dagegen entschieden.

"Mit 8:8 Stimmen abgelehnt", stellte Bürgermeister Alois Fischer (Freie Wähler) fest, als der Punkt zur Aufstellung eines Bebauungsplans und die Aufnahme von Änderungen des Flächennutzungsplans entschieden wurde. Gemeinderätin Martina Wild (CSU) war befangen und durfte an der Abstimmung nicht teilnehmen.

Dass sowohl die CSU-Riege als auch die Mitglieder der SPD/Ökologische Liste komplett gegen das Vorhaben der s.Oliver Group stimmten und alle acht Freien Wähler einschließlich des Bürgermeisters dafür waren, stimmte nachdenklich. "Solche Abstimmungsergebnisse werden wir in Zukunft öfter bekommen", mutmaßten Zuhörer, die noch lange vor der Tür der Mehrzweckhalle diskutierten.

Zwiespältige Meinungen im Dorf

"Wir machen keine Blockadepolitik, das ist überhaupt nicht in unserem Sinn", wehrt sich CSU-Fraktionssprecher Robert Wild gegen diese Missbilligung. Die Ansiedlung von s.Oliver sei im ganzen Dorf zwiespältig diskutiert worden – von eindeutig dafür bis eindeutig dagegen. Für ihn war das Vorhaben dieser Tragweite "zu wenig konkret" und die Zeit vom Vorstellen in der nichtöffentlichen Sitzung am 9. Juni bis zur Entscheidung am 7. Juli zu kurz.

Gemeinderat Wild hätte gern "in einer Art Workshop" gemeinsam diskutiert, wo in Unterpleichfeld das Logistikzentrum mit seinen knapp neun Hektar Landverbrauch sinnvoll gebaut werden könnte. "Nicht an dieser Stelle". "Nicht unter diesem Zeitdruck". "Nicht mit der Maßgabe friss oder stirb". Wo genau würden die Ausgleichsflächen liegen, wie groß wären sie und welche Aufwertungen der Natur wären konkret vorgesehen?

600 Arbeitsplätze im Ort

Für Heiko Schneider (Freie Wähler) sind das fadenscheinige Gründe der Ablehnung. Zunächst sei es nur um einen Aufstellungsbeschluss des Bebauungsplans für ein neues Gewerbegebiet und die Änderung des Flächennutzungsplans gegangen. S.Oliver hätte sämtliche Kosten dafür übernommen und damit die Haushaltskasse der Gemeinde nicht belastet. Schneider war "das positive Signal" wichtig.

Eine Firma mit Weltruhm, 600 Arbeitsplätze im Ort und Ausbildungsplätze für die Schulabgänger der ansässigen Mittelschule: Da könne man doch nur dafür stimmen, auch wenn es Nachteile wie ein höheres Verkehrsaufkommen oder Flächenversiegelung gegeben hätte. Das Logistikzentrum wäre ein moderner, CO²-neutraler Bau mit Dachbegrünung und Bäumen ringsum geworden.

Vor der 8:8-Entscheidung bekam Werner Hortig im Ratsgremium das Wort. Der Managing Director der Freier Group Logistics erörterte im öffentlichen Teil, dass s.Oliver "schlicht und einfach seine Logistik erweitern will". Neben dem Hauptsitz in Rottendorf sollte im Landkreis Würzburg ein zweites Standbein entstehen.

Weitere Bedenkzeit abgelehnt

"Wir wollen in der Region bleiben und massiv neue Arbeitsplätze schaffen", warb er um Zustimmung. Um "gezielt ausgebildetes Personal" zu haben, sei die eigene Ausbildung wichtig. Neben Stellen im Lagerbereich würden auch Führungskräfte und Spezialisten gebraucht.

Gemeinderätin Christina Herbert bat Logistikdirektor Hortig um eine weitere Bedenkzeit von zwei Wochen. Aber Hortig sah darin keinen Sinn. "Wir haben einen straffen Zeitplan", argumentierte er. Wegen der Kommunalwahl und der Corona-Krise sei viel Zeit verloren gegangen.

Bürgermeister Fischer zählte vor der Abstimmung noch einmal die Vorteile auf. Neben den Arbeits- und Ausbildungsplätzen wären das die gute Lage in einem kleinen Tal am Ortsrand mit bester Infrastruktur, jährliche Steuereinnahmen im sechs- bis siebenstelligem Bereich, ein Outlet-Center, bessere Busanbindungen nach Würzburg sowie der Erhalt der Wirtschaftskraft im Landkreis.

Fischer: Einmalige Chance vertan

Nach der knappen Abstimmung war die Enttäuschung beim Bürgermeister, den Gemeinderatsmitgliedern der Freien Wähler und den Vertretern der s.Oliver Chefetage groß. "Das ist sehr unschön für uns. Wir müssen diese Ablehnung erst einmal sacken lassen und uns weiter besprechen", blieb Logistikdirektor Hortig wortkarg.

"Wir haben uns am 4. März und damit kurz vor der Kommunalwahl zum ersten Mal getroffen", blickt Bürgermeister Fischer auf eine aufregende und arbeitsintensive Zeit zurück. Er sei "traurig und enttäuscht", dass das Bauvorhaben von s.Oliver in Unterpleichfeld nicht umgesetzt wird. Sein ausdrücklicher Dank gilt dem Bauamt des Landkreises in Würzburg für die "schnellen und detaillierten Auskünfte und die positive Zusammenarbeit".

"Auf Unterpleichfeld kommen nun wirtschaftlich schwere Zeiten zu", ist Bürgermeister Fischer überzeugt. Für die Dorfbewohner werden Steuererhöhungen ins Haus stehen. Ein "super Angebot dieser Größenordnung" wie das Logistikzentrum der s.Oliver Group käme nur "alle 30 Jahre einmal" vor. Diese einmalige Chance der Ortsentwicklung sei nun vertan.

Unterpleichfeld ist von einem fruchtbaren Ackerland umgeben. Das gewünschte Logistikzentrum hätte Flächen versiegelt, aber es wären Ausgleichsflächen geschaffen worden.
Unterpleichfeld ist von einem fruchtbaren Ackerland umgeben. Das gewünschte Logistikzentrum hätte Flächen versiegelt, aber es wären Ausgleichsflächen geschaffen worden. Foto: Irene Konrad
Nach der spannenden Gemeinderatssitzung standen verschiedene Grüppchen zur Diskussion beieinander.
Nach der spannenden Gemeinderatssitzung standen verschiedene Grüppchen zur Diskussion beieinander. Foto: Irene Konrad
Ein weites, flaches und fruchtbares Ackerland gibt es in Unterpleichfeld. Der Gemeinderat stimmte gegen den Bau eines Logistikzentrums an dieser Stelle auf der Gemarkung Richtung Kürnach.
Ein weites, flaches und fruchtbares Ackerland gibt es in Unterpleichfeld. Der Gemeinderat stimmte gegen den Bau eines Logistikzentrums an dieser Stelle auf der Gemarkung Richtung Kürnach. Foto: Irene Konrad
Das Rathaus in Unterpleichfeld. Bürgermeister Alois Fischer war ein eindeutiger Befürworter des Bauvorhabens von s.Oliver. Er sah darin große Entwicklungsmöglichkeiten der Gemeinde.
Das Rathaus in Unterpleichfeld. Bürgermeister Alois Fischer war ein eindeutiger Befürworter des Bauvorhabens von s.Oliver. Er sah darin große Entwicklungsmöglichkeiten der Gemeinde. Foto: Irene Konrad

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