Würzburg

Wenn die Realität die Kunst einholt

Für das filmische Planspiel  „Parlamensch“ ist ein Filmteam der 12. Klasse des Wirsberg-Gymnasiums als eine der Gruppen beteiligt, die aus ganz Bayern stellvertretend ausgewählt worden waren. 
Foto: Wirsberg-Gymnasium | Für das filmische Planspiel  „Parlamensch“ ist ein Filmteam der 12. Klasse des Wirsberg-Gymnasiums als eine der Gruppen beteiligt, die aus ganz Bayern stellvertretend ausgewählt worden waren. 

"Kultur, Wirtschaft und Politik stagnieren. Die Gesellschaft ist unzufrieden und unruhig. Etwas muss sich ändern. Die Regierung fasst einen Notfallplan: Eine Gruppe von zufällig ausgewählten Bürgern wird zu Souveränen erklärt. Sie können entweder ein Gesetz erlassen oder über ein Budget verfügen. Alleinige Bedingung: Ihr Handeln muss der Gesellschaft nutzen. Die „Auserwählten“ sind verpflichtet zu wählen: zwischen Geld oder Gesetz."

So lauten die Vorgaben für „Parlamensch“, ein filmisches Planspiel, das im vergangenen Jahr vom Insititut für Medienpädagogik (JFF) aus München ausgeschrieben wurde. Aus ganz Bayern hatten sich Filmgruppen beworben, von denen zehn ausgewählt wurden – die Filmgruppe vom Wirsberg-Gymnasium war eine davon, heißt es in einer Pressemitteilung der Schule.

Und so verbrachten die vier Oberstüfler Elija Albert, Maximilian Capeller, Jonathan Fulcher und Leandra Romstöck ihre Sommerferien 2019 damit, die erste Episode um ihren „Auserwählten“, dargestellt vom Würzburger Schauspieler Miro Nieselt, zu entwickeln und zu verfilmen. Mit den 200 anderen Filmern konnten sie so insgesamt zehn Filme der ersten Staffel am 25. Oktober im NS-Dokumentationszentrum in München der Öffentlichkeit vorstellen.

Jetzt, ein Jahr später, lief am 13. November die zweite Staffel auf der Internetseite des Projektes (www.parlamensch.de) an. Hier spinnt das Wirsberger Filmteam die Geschichte fort. Wieder mit dabei: Leon Trommler, der Obdachlose, der am Ende der ersten Staffel den Brief erhält, und der sich nun in der zweiten Staffel für eine Option entscheiden muss: ein Gesetz für das Gemeinwohl zu erlassen oder mit einem unbeschränkten Budget für die Gesellschaft zu wirken. 

Niemand hätte zu Beginn des Filmprojektes geahnt, wie schnell das fiktive Szenario in der Realität mündet: Eine Gesellschaft, die verharrt. Eine Gruppe von Entscheidern, die die Geschicke des Volkes lenkt. Mit Auswirkungen für die gesamte Gesellschaft. Und über allem die Frage: Was ist gut für das Gemeinwohl, und wer entscheidet darüber“. Irgendwie gruselig, dass der fiktive Rahmen, den das JFF für alle Gruppen vorgegeben hatte, innerhalb weniger Monate zum bestimmenden Alltag wurde, heißt es in der Mitteilung des Gymnasiums.

Die grundsätzlichen Fragen, ob das Gemeinwohl von Einzelnen entschieden wird oder entschieden werden sollte, war nur eine, mit der sich die Filmgruppe beim Entwickeln des Drehbuchs befassen musste. Aber sie machte klar, dass so abstrakte und theoretische Begriffe wie Demokratie und politische Entscheidungsfindung sehr schnell persönlich relevant werden, wenn man sie in die Petrischale eines Planspiels setzt und beobachtet, wie sich Individuen dann verhalten.

Deshalb stand am Anfang des Projekts auch ganz zentral die Wahl der Hauptfigur. Die Gruppe um den Filmlehrer Frank Findeiß, der die medienpädagogische Begleitung übernahm, entschied sich für einen Obdachlosen, für den eine eigene Vita überlegt und Spielszenen entwickelt wurden. Andere Gruppen wählten als „Auserwählte“ Rentner, Influencerin, Kiffer, Lehrer, Autist, OB-Kandidat, Geflüchtete und Nerd. Damit entstanden völlig unterschiedliche Konfliktfelder und Handlungsräume. Spannend war außerdem die Suche nach geeigneten Drehorten. So lief die Kamera zum Beispiel in der Uniklinik, auf dem Dach der Feuerwehrschule Würzburg, in einer „Amerikanischen Nacht“ vor dem Nachtclub „Chez Wirsberg“ oder in der Schustergasse.

Und nachdem die zweite Staffel nun fertig produziert ist, steht das Team vor der Aufgabe, die Geschichte ihres „Auserwählten“ fertig zu erzählen –  unter Bedingungen, die beim Projektstart so keiner vorausgesehen hatte: in einer verunsicherten Gesellschaft, inmitten von Lockdowns und schwelenden Verschwörungsphantasien – ein unruhiges Feld, das Leon Trommler betritt, und in dem sich die Idee der Demokratie bewähren muss, endet die Mitteilung der Schule.

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