Würzburg

Wo die Ausbildung in Unterfranken unter Corona leidet

Weniger Stellen, weniger Bewerber: Die Folgen der Corona-Pandemie wirken sich auch auf die Ausbildung aus. Mit welchen Problemen Azubis und Betriebe zu kämpfen haben.
Martin Oltmanns (links) und Annika Schillinger absolvieren bei Bosch Rexroth in Lohr eine Mechatroniker-Ausbildung. Ein Ausbildungsplatz gilt als fundierter Einstieg ins Berufsleben.
Martin Oltmanns (links) und Annika Schillinger absolvieren bei Bosch Rexroth in Lohr eine Mechatroniker-Ausbildung. Ein Ausbildungsplatz gilt als fundierter Einstieg ins Berufsleben. Foto: Anna-Lena Heginger

Der Ausbildungsstart am 1. September wird bei Bosch Rexroth in Lohr in diesem Jahr anders ablaufen als sonst: Die Azubis werden kleine Gruppen bilden und Abstands- und Hygieneregeln einhalten. Und ihre Einführung in den neuen Betrieb wird größtenteils per Video stattfinden, sagt Andrea Göbbels, die im Lohrer Unternehmen die Aus- und Weiterbildung leitet.

"Bildet aus – trotz Corona", lautete der Appell von Bundeswirtschaftsminister Hubertus Heil. Bundesweit haben in diesem Jahr laut der Bundesagentur für Arbeit 439.000 Bewerber einen Ausbildungsplatz gesucht. Für sie gab es 495.000 Stellen. Sowohl die Zahl der Bewerber als auch die der Plätze gingen um je neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück.

Es gibt weiterhin mehr Stellen als Bewerber

Zum ersten Mal seit 2013 sei die Zahl der Ausbildungsstellen gesunken, informiert das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Die Wirtschaftsforscher aus Köln weisen aber darauf hin, dass diese Entwicklung abhängig von der Branche sei. In der Gastronomie gebe es 16 Prozent weniger Ausbildungsplätze als im Vorjahr. Im Maschinenbau und in der Logistik seien die Auswirkungen ähnlich drastisch. Dagegen würden sich Betriebe in der Ver- und Entsorgung sowie im Tiefbau als krisenfester erweisen.

Laut Berufsbildungsbericht des vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung bildet im Schnitt nur noch einer von fünf Betrieben aus. Es sind vor allem mittlere und große Unternehmen, die noch Azubis haben. Dagegen bilden  kleine und kleinste Betriebe immer seltener aus. 

Diese Entwicklungen zeigen sich auch auf dem Ausbildungsmarkt in Unterfranken: "Wir liegen bundesweit im Trend", sagt Wolfgang Albert, Sprecher der Agentur für Arbeit im Bezirk Würzburg, der zuständig ist für Stadt und  Landkreis Würzburg sowie die Landkreise Kitzingen und Main-Spessart.  Im Agenturbezirk Schweinfurt, der neben Stadt und Landkreis Schweinfurt auch die Landkreise Rhön-Grabfeld, Bad Kissingen und Haßberge betreut, sieht es laut Sprecherin Tanja Neppe genauso aus: weniger Stellen, noch weniger Bewerber.

Jugendliche halten sich wegen Unsicherheit zurück

Der Grund? Jugendliche seien aufgrund von Berichten über wirtschaftliche Probleme infolge der Corona-Krise zurückhaltender gegenüber einer Ausbildung geworden, beobachtet Marcel Gränz von der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Würzburg. Bislang stellten sie sich die an sich schon schwierige Frage: Welcher Job passt eigentlich zu mir? Jetzt fragen sie zusätzlich: Wie läuft meine Ausbildung weiter, wenn der Betrieb wegen Corona schließen muss? Was passiert, wenn die Firma pleitegeht?

Wolfgang Albert, Sprecher der Agentur für Arbeit in Würzburg, stellt fest, dass vermehrt Alternativen zur Ausbildung gefragt sind. Vor allem Schüler mit einem mittleren Bildungsabschluss liebäugeln  aufgrund der Unwägbarkeiten mit dem Besuch einer weiterführenden Schule.

Betriebe haben Schwierigkeiten, Azubis zu finden

Er könne aber keine Tendenz erkennen, dass das Lehrstellenangebot unter Corona leide, so Albert. Die unterfränkischen Unternehmen seien nach wie vor bereit auszubilden. In drei von vier Betrieben laufe die Ausbildung "größtenteils normal" weiter, teilt auch die IHK mit. 

Jedoch verzögerte sich die Auswahl und Einstellung von Bewerbern. Kontaktbeschränkungen, Kurzarbeit, Schulschließungen und verschobene Abschlussprüfungen führten dazu, dass es für die Betriebe schwieriger war, Auszubildende zu finden. Der direkte Kontakt auf Jobmessen und Berufsinformationstagen fehlte, Praktikas waren nicht möglich und Auswahlverfahren mussten sich den Vorgaben anpassen.

Getroffen hat das vor allem das Handwerk. "Jungen Menschen konnten sich nur online informieren, aber sich praktisch nicht ausprobieren. Aber gerade das praktische Arbeiten macht das Handwerk aus", sagt Daniel Röper von der Handwerkskammer (HWK) für Unterfranken. Die Folge: "wesentlich weniger neue Ausbildungsverträge".

Gastgewerbe von Corona am heftigsten getroffen

Für Hotels, Gaststätten und im Lebensmittelhandwerk sei die Lage "besonders dramatisch", sagt Ibo Ocak, der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Unterfranken, denn "Corona hat Hotels und Gaststätten am heftigsten getroffen".

Dadurch habe sich die Situation für eine der Branchen verschärft, die ohnehin seit Jahren kaum noch Nachwuchs findet. Viele Betriebe hätten lange Zeit erfolglos gesucht und einige nun womöglich ganz aufgegeben, befürchtet der Verbandsvertreter aus Würzburg.

Ausbildung in einer Bäckerei: Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) fordert Betriebe dazu auf, auch in Krisenzeiten weiter auf Ausbildung zu setzen. 
Ausbildung in einer Bäckerei: Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) fordert Betriebe dazu auf, auch in Krisenzeiten weiter auf Ausbildung zu setzen.  Foto: NGG

Zwar werde die Ausbildung weiterhin als Investition in die Zukunft des eigenen Betriebs gesehen, doch wüssten viele Inhaber nicht, was auf sie durch Corona und bei einer möglichen zweiten Infektionswelle noch alles zukomme, sagt Ocak.

Staatliches Programm soll Ausbildungsplätze sichern

Unterstützen soll sie das am 1. August gestartete Bundesprogramm "Ausbildungsplätze sichern" für kleine und mittlere Unternehmen. 500 Millionen Euro stehen bereit:  Es gibt Prämien für Firmen, die ihre Ausbildungsplätze erhalten oder neue schaffen, Zuschüsse, wenn Auszubildende und Ausbilder nicht in Kurzarbeit gehen, und Übernahmeprämien, wenn ein Betrieb den Azubi einer insolventen Firma übernimmt. Hilfe beantragen können Betriebe, die im ersten Halbjahr mindestens einen Monat Kurzarbeit oder im April und Mai im Schnitt 60 Prozent weniger Umsatz als in den Vorjahresmonaten hatten.

Seitdem bekannt ist, dass Ausbildungsbetriebe finanzielle Hilfe erhalten könnten, gingen beim Arbeitgeberservice der Schweinfurter Arbeitsagentur Anfragen dazu ein, sagt Tanja Neppe. In Würzburg, so ihr Kollege Wolfgang Albert, sei diese Nachfrage "im Moment noch verhalten".

Fachkräftemangel bleibt trotz Corona ein Thema

Das Programm soll verhindern, dass als Folge der Pandemie weniger ausgebildet wird und sich dadurch der Fachkräftemangel weiter verschärft. "Vor Corona war es vielerorts nicht gelungen, die benötigten Fachkräfte zu finden", sagt Albert. "Daran dürfte sich auch nach Corona nichts ändern." 

Daniel Röper von der Handwerkskammer geht mit Blick in die Zukunft noch weiter: "Das Handwerk leidet besonders unter dem Fachkräftemangel und der wird sich durch Corona verschärfen." Wenn heute weniger junge Menschen eine Ausbildung im Handwerk absolvierten, werde es morgen weniger Gesellen und Meister geben.

Wer jetzt noch einen Ausbildungsplatz sucht, hat durchaus Chancen: Nicht aufgeben, Augen und Ohren offen halten und sich weiter bewerben, raten die Experten. Auf der Lehrstellenbörse der Handwerkskammer sind derzeit noch rund 1300 Stellen unbesetzt. Auch die Arbeitsagenturen melden zusammen fast 3000 offene Stellen in der Region.

Anträge für das Bundesprogramm "Ausbildungsplätze sichern" finden Betriebe im Internet unter www.arbeitsagentur.de/unternehmen

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