WÜRZBURG

Würzburg liest ein Buch: Reise mit Leonhard Frank

Illumination: Auf den Grafeneckart wurde am Freitagabend das Porträt eines nachdenklichen Leonhard Frank projiziert, das der Maler Ernst Ludwig Kirchner im Jahr 1917 schuf.
Foto: T. Müller | Illumination: Auf den Grafeneckart wurde am Freitagabend das Porträt eines nachdenklichen Leonhard Frank projiziert, das der Maler Ernst Ludwig Kirchner im Jahr 1917 schuf.

Die Festungsmauer wird im Abendlicht schwach von einer Straßenlaterne angeleuchtet. „Zu Leonhard Franks Zeiten waren hier eigentlich nur Kasernen“, erklärt Hans Steidle bei der Nachtführung. „In seinen Geschichten kennen die Jugendlichen geheime Gänge, schleichen sich hinter die Mauern und stehlen für die Armen. Dass Erwachsene sich damals fragen sollten, was sie falsch machen, warum es so weit kommen muss – das haben früher viele nicht verstanden.“

Ob bei einem Gang durch die Gassen der Stadt, die Leonhard Frank in seinen Büchern mit Geschichten füllte, oder beim Blick über die Dächer Würzburgs – die Aktion „Würzburg liest ein Buch“ bietet den Bürgern am ersten Lese-Samstag ein umfangreiches Bild des ehemals hier beheimateten Autors.

Mit einem Blick aus dem neunten Stock über die Weinberge, die Bahngleise und die Talavera genießen etwa 15 Besucher im Regionalstudio Mainfranken des Bayerischen Rundfunks Hörproben aus Leonhard Franks Buch „Die Jünger Jesu“.

Eberhard Schellenberger vom Regionalstudio freut sich über die Aktion. „Wir beurteilen oft vorschnell etwas, von dem wir nicht viel wissen“, sagt er. „Deshalb ist es wichtig, sich mit den Dingen kritisch auseinanderzusetzen, so wie Leonhard Frank mit Würzburg.“

Unschöner Anblick

Die Stadt in der Nachkriegszeit – ein unschöner Anblick, den Frank mit anschaulicher Sprache beschreibt. Der graue Himmel unterstreicht die Stimmung des Buches.

Am Fuß des BR-Hochhauses geht die Reise mit Leonhard Frank weiter. Vom Hauptbahnhof aus fährt der Schoppen-Express bis in die Sanderau. Alte Polsterstühle laden die Fahrgäste ein, bei einer gemütlichen Fahrt den Mitgliedern des Autorenkreises zuzuhören.

Fahrgast Anette Schmitt aus Neubrunn ist eigens hierfür angereist und genießt auf der Fahrt ein Glas Frankenwein. „Mir war es ganz wichtig, hier mitzufahren“ sagt die 56-Jährige. „Die Atmosphäre ist genial!“

Nicht nur Lesefreunde, auch Neugierige werden an jeder Haltestelle eingeladen mitzufahren. Ulrike Sosnitza, die Sprecherin des Autorenkreises Würzburg, ist begeistert. „Bei Lesungen kommen nur die Interessierten, hier hat jeder einmal die Möglichkeit, auch spontan zuzuhören.“

Steigt man am Sanderring aus, ist die Buchhandlung „Neuer Weg“ nur ein paar Meter entfernt. Hier liest Michael Henke, Vorsitzender der Leonhard-Frank-Gesellschaft, aus dem in Berlin spielenden Roman „Fremde Mädchen“.

Als Michael Henke beginnt zu lesen, versetzt er viele der älteren Zuhörer zurück in die Nachkriegszeit. Sie nicken, schmunzeln oder schütteln den Kopf. Leonhard Frank beschreibt das Umfeld seines Protagonisten Emil Müller in Berlin teils humorvoll und ironisch, und doch ist einem jeden der Ernst bewusst.

Eine Haltestelle weiter haben Neugierige im Anschluss die Möglichkeit, den Autor besser kennen zu lernen. Am Vierröhrenbrunnen beginnt Stadtheimatpfleger Hans Steidle seinen literarischen Rundgang durch das alte Mainviertel.

Autoritärer Vater

Steidle erzählt, wie die Familie Frank sich in Würzburg etablierte, wie die liebevolle Mutter und der autoritäre Vater und Lehrer ihn zu dem „rebellischen Gefühlssozialisten“ machten, als den Frank sich selbst bezeichnete. „Leonhard Frank war der einzige bedeutende Autor im 20. Jahrhundert, der keine weitere Bildung als die der Volksschule genossen hat“, erklärt Steidle. Das merke man an seiner Schriftsprache.

„Andere Autoren seiner Zeit waren distanziert und wählten eine schwierige Sprache. Leonhard Frank drückt sich hingegen in seinen Figuren aus.“ So sind wichtige Orte aus Franks Jugend nun auch Schauplätze verschiedener seiner Romane: Die Alte Mainbrücke, das Spitäle, die Festungsmauer, ein ehemaliges Fischlokal in der Felsengasse. Die Burkarderstraße 16 und die Felsengasse 2, wo er aufwuchs.

Steidle beendet die Führung an der Don-Bosco-Kirche. „Auch heute sind die Fragen noch aktuell, mit denen Leonhard Frank sich damals auseinandersetzte“, erklärt er. Die Frage um das Böse und die Auseinandersetzung damit in der Gesellschaft – es sei wichtig, sich weiterhin mit dem literarischen Handwerker Leonhard Frank und seinem kritischen Blick zu beschäftigen und die Stadt so einmal etwas anders zu betrachten.

Bilder, Videos und Beiträge aus den sozialen Medien von vielen Veranstaltungen bei "Würzburg liest ein Buch" finden Sie in unsererm ScribbleLive zu der Aktion.

 
Am Abend: Hans Steidle führte zu Orten von Franks Jugend.
Foto: Werner | Am Abend: Hans Steidle führte zu Orten von Franks Jugend.
In der Straba: Ulrike Sosnitza.
| In der Straba: Ulrike Sosnitza.
In der Buchhandlung: Michael Henke las im „Neuen Weg“.
Foto: L. Werner | In der Buchhandlung: Michael Henke las im „Neuen Weg“.
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