Würzburg

„Würzburg liest ein Buch“: Zuhause in zwei Nationen

Bei der Eröffnung zu „Würzburg liest ein Buch“ sprachen (von links) Josef Schuster, Rainer Appel und Oberbürgermeister Christian Schuchardt über die Bedeutung der nach wie vor vorherrschenden Präsenz des jüdischen Schriftstellers Jehuda Amichai in Würzburg.
Foto: Thomas Obermeier | Bei der Eröffnung zu „Würzburg liest ein Buch“ sprachen (von links) Josef Schuster, Rainer Appel und Oberbürgermeister Christian Schuchardt über die Bedeutung der nach wie vor vorherrschenden Präsenz des ...

Die Veranstaltungsreihe „Würzburg liest ein Buch“ dreht sich in diesem Jahr rund um Jehuda Amichais Roman: zu Beginn der Eröffnung am Donnerstagabend ist es im Falkenhaus mucksmäuschenstill. Nur das Cello von Richard Verna ist zu hören. Nachdem der junge Musiker sein Stück beendet hat, betritt Moderator Rainer Appel die Bühne. Kurze Zeit später durchzieht Gelächter die Reihen des Publikums und der Abend erwacht zum Leben.

Gemeinsam mit den Schirmherren der Veranstaltung, Oberbürgermeister Christian Schuchardt und dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, startete Appel zunächst in eine informative und gleichzeitig amüsante Gesprächsrunde. „Ich muss zugeben, ich bin erst auf Seite 151“, sagte Schuchardt verlegen über seinen Lesestand des Romans „Nicht von jetzt, nicht von hier“. Einen Draht zu dem Schriftsteller und Lyriker Amichai hat er trotzdem schon.

Verwurzelt in zwei Nationen

„Amichais Blickweise ist eine ganz Besondere. Wie viele Menschen, die aktuell nach Deutschland kommen, stand auch er zwischen zwei Nationen“, so Schuchardt. Auch Josef Schuster hat seit seiner Kindheit eine besondere Bindung zu dem Schriftsteller: „Amichai vermittelt in seiner Lyrik und seinem Roman das Empfinden vieler jüdischer Menschen, die nach Palästina oder Israel auswandern mussten. Die Wurzeln schlagen zum einen bereits im neuen Zuhause, sind zum anderen aber immer noch in der alten Heimat.“

Leseaktion gegen Rassismus und Antisemitismus

Heutzutage könne man sich das, vor allem in einem Städtchen wie Würzburg, nur noch schwer vorstellen. „Da weiß man gar nicht, ob der gegenüber Jude ist oder nicht“, so Schuster. Er weist aber auch darauf hin, dass in größeren Städten der Antisemitismus zu Teilen fortwährt.

Veranstaltungen wie „Würzburg liest ein Buch“ sollen nicht nur das Leseinteresse fördern, sondern auch dazu aufrufen, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. „Wir müssen fortlaufend gegen Fremdenfeindlichkeit jeglicher Art ankämpfen“, sagt der Oberbürgermeister.

Ein professioneller Poet ist wie ein professioneller Liebhaber

Im Laufe des Abends wurde weiter über Jehuda Amichai, seine Werke und seine Beziehung zu Würzburg gesprochen. Höhepunkt der Veranstaltung war der Auftritt seiner Witwe, Hana Amichai. Sie bedankte sich zunächst beim Publikum und den Veranstaltern für die Ehrung ihres Mannes. „Ich bin zutiefst berührt und habe das Gefühl, wenn ich heute hier stehe, dass Jehuda lebt. Er lebt unter den Würzburgern durch seine Bücher.“

Jehuda Amichai hingegen sah sich selbst nicht als Lyriker oder Schriftsteller. „Jehuda hat immer zu mir gesagt: Ich bin kein professioneller Poet. Das wäre so, als sei ich ein professioneller Liebhaber“, scherzte Hana Amichai. Als Würzburger ließ sich ihr Ehemann jedoch sehr wohl betiteln. „Wenn wir in der Vergangenheit in Würzburg waren, zeigte Jehuda mir und später unseren Kindern die Orte, an denen er als Kind spielte und aufwuchs.“

Schulen erinnern an Amichai

So gerne Amichai sich an seine alte Heimat erinnerte, so gerne möchte auch Würzburg heute noch an Amichai erinnern. Zu der Aktion „Würzburg liest ein Buch“ fand ein Schreibwettbewerb für Schulen in und um Würzburg statt. Schüler überlegten sich in dessen Rahmen moderne und unkonventionelle Methoden, den Roman von Jehuda Amichai zu interpretieren.

Und weil so viel Engagement und gute Ideen gelobt werden wollen, wurden bei der Preisverleihung statt der geplanten drei gleich sechs Plätze vergeben: ein erster, zwei zweite und drei dritte. Den ersten sowie einen der dritten Plätze, holte die Montessori Fachoberschule aus Würzburg. Die Schüler verglichen den Roman „Nicht von jetzt, nicht von hier“ mit dem Theaterstück „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert. Sie erstellten einen siebenminütigen Film zum Thema „Heimkehr in eine Welt, die es nicht mehr gibt.“

Veranstalter und Publikum waren sichtlich begeistert von den Ideen der Schüler, die die Erinnerung an Jehuda Amichai auch in Zukunft in Würzburg am Leben erhalten werden.

 

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Bei dem Schreibwettbewerb zu „Würzburg liest ein Buch“ gewann die Montessori-Schule gleich zwei Preise. Den ersten und einen der dritten Plätze gab es für ihre kreative Interpretation des Romans „Nicht von jetzt, nicht von hier“.
Foto: Thomas Obermeier | Bei dem Schreibwettbewerb zu „Würzburg liest ein Buch“ gewann die Montessori-Schule gleich zwei Preise.
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