WÜRZBURG

Zehn Betten für die letzten drei Wochen

Eine Frau, die gerade im Hospiz wohnt, genießt es, jeden Tag den Fischen zuzuschauen.
Foto: PAT CHRIST | Eine Frau, die gerade im Hospiz wohnt, genießt es, jeden Tag den Fischen zuzuschauen.

Ein blumengeschmückter Tisch im Eingangsbereich, drum herum drei lustige bunte Patchworksessel. Weiter hinten schwimmen einige Fische im Aquarium. Die Ruhe nimmt sofort ein. „Das ist ja hier wie im Paradies!“ entfährt es einem Gast, der zum ersten Mal das vor einem Jahr eröffnete, stationäre Hospiz des Juliusspitals in der Sanderau betritt. Von wegen „Sterbehaus“! Das Hospiz lebt. Hier wird, in den letzten Lebenstagen, noch gemalt und musiziert. Und es finden tief gehende, bereichernde Begegnungen statt.

Im Hospiz können Schwerstkranke die letzten Tage ihres Lebens sinnerfüllt verbringen. Zehn Betten gibt es. Die Nachfrage ist groß. „Wir haben eine Warteliste“, sagt Hospizleiterin Sibylla Baumann. Aus der gesamten Region Würzburg und darüber hinaus kommen die Menschen ins Hospiz, um hier zu sterben: „Wir hatten schon Gäste aus Meiningen, Heidelberg, Bad Tölz und Hamburg.“ Der erste Gast zog knapp zwei Wochen nach der Eröffnung, am 23. Juli, ein.

Nach einer langen Zeit zwischen Hoffen und Bangen, nach einem Diagnose- und Therapiemarathon kommen die Gäste im Hospiz endlich zur Ruhe. Die Allermeisten leiden an Krebs. Sie und ihre Angehörigen haben viel hinter sich: Chemotherapie, Bestrahlungen, manches alternative Heilangebot. Doch nichts half.

Von 29 bis 94 Jahren

Nun wird kein Blutbild mehr gemacht, müssen keine unangenehmen Behandlungen mehr durchlitten werden. Die Altersspanne der Beherbergten ist breit. Baumann: „Unser jüngster Gast war bisher 29, der älteste 94 Jahre alt.“

Einfach mal im Hospiz vorbeischauen, das ist nicht. Mit gutem Grund, wie die gelernte Palliativkrankenschwester erläutert: „Wir fragen bei jedem einzelnen Besucher nach, ob unser Gast ihn auch wirklich sehen möchte.“ Dass sehr oft „Nein“ gesagt wird, liegt daran, dass die Menschen, die im Hospiz leben, wissen, wie sehr sie auf die Einteilung ihrer Kräfte achten müssen. Die Meisten haben noch höchstens zwei, die Wenigsten länger als drei Wochen zu leben.

In dieser kurzen Zeit möchten sie sich an der Ruhe erquicken, die das Hospiz überall, wo immer man sich befindet, ausstrahlt. Manchen ist es wichtig, in der Kunsttherapie noch einmal ein Bild zu malen. Oder ein allerletztes Duftbad zu nehmen.

Die Aufnahme ist unabhängig vom Geld, das man auf der Bank hat. „2009 entfiel der Eigenanteil der Patienten“, erläutert Walter Herberth, Leiter der Stiftung Juliusspital. Ihm selbst bereitet das Thema „Geld“ allerdings reichlich Kopfzerbrechen. Die Pflegesätze sind zu niedrig. Statt der kalkulierten 100 000 Euro muss die Stiftung darum jedes Jahr 250 000 Euro zuschießen. Herberth: „Doch es ist uns wichtig, dieses Geld aufzubringen.“ Stolz sei man im Übrigen, dass das Juliusspital die deutschlandweit einzige Gesundheitseinrichtung ist, in der es sowohl Palliativstationen als auch einen ambulanten Palliativdienst, eine Palliativakademie und ein stationäres Hospiz gibt.

Haustiere sind nicht verboten

Manchmal miaut eine Katze oder bellt ein Hund im Hospiz. Dies immer dann, wenn Angehörige den Liebling des Sterbenden mitbringen. Haustiere sind also alles andere als verboten, so Baumann: „Wenn Angehörige länger bleiben und sich um das Tier kümmern, kann zum Beispiel ein Hund auch viele Tage bei uns sein.“ Anders als auf Palliativstationen, wo dies zum Leidwesen von Sterbenden, denen das Haustier der beste Freund war, aus Hygienegründen verboten ist, gibt es im Hospiz keine hygienischen Bedenken. Überhaupt wird versucht, den Sterbenden jeden Wunsch zu erfüllen. Gegängelt werden soll am Ende des Lebens niemand mehr.

Auf ihre Aufgabe musste sich Sybilla Baumann nicht sehr lange seelisch vorbereiten. Die aus Oberbayern stammende 47-Jährige war auf der Palliativstation des Juliusspitals tätig. Dass sie von Berufs wegen mit Menschen zu tun hat, die, kaum lernt sie sie kennen, versterben, erschreckt oder bedrückt sie nicht. Baumann: „Die Begegnungen sind so intensiv, ich erlebe das immer wieder als Geschenk.“

Ihr größter Wunsch wäre es, wenn Hausärzte schwerstkranke Patienten schneller ins Hospiz vermitteln würden. Ein paar wenige Tage dauert der Aufnahmeprozess nämlich schon. Doch manche Patienten werden so spät angemeldet, dass sie in dieser Zeit sterben.

Im Würzburger Hospiz: In jedem Gästezimmer hängt ein Kranichmobile. Stirbt ein Gast, wird sein Name auf einen der Kraniche geschrieben. Demnächst werden die Kraniche in der Schale verbrannt.PAT CHRIST
Foto: Foto: | Im Würzburger Hospiz: In jedem Gästezimmer hängt ein Kranichmobile. Stirbt ein Gast, wird sein Name auf einen der Kraniche geschrieben. Demnächst werden die Kraniche in der Schale verbrannt.PAT CHRIST
Im Raum der Stille steht dieser Stumpf eines gestorbenen Kirschbaumes von den Ritaschwestern mit hölzernen Handschmeichlern, die jeder Gast, der das möchte, erhält.
Foto: Pat Christ | Im Raum der Stille steht dieser Stumpf eines gestorbenen Kirschbaumes von den Ritaschwestern mit hölzernen Handschmeichlern, die jeder Gast, der das möchte, erhält.
Erinnerung: In dieses Buch trägt Hospizleiterin Sibylla Baumann die Verstorbenen ein.PAT CHRIST
Foto: Foto: | Erinnerung: In dieses Buch trägt Hospizleiterin Sibylla Baumann die Verstorbenen ein.PAT CHRIST
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