Würzburg

Zentralratspräsident Josef Schuster: "Kein Kind wird als Antisemit geboren"

Welches Bild vom Judentum zeichnen Medien? Was ist denn jüdische Identität? Fragen, die Josef Schuster ständig beschäftigen - und mitunter nerven. Im Interview sagt er, wieso. 
Wünscht sich, dass die Gesellschaft sieht, wie vielfältig jüdisches Leben ist: Josef Schuster, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Würzburg und des Zentralrats der Juden in Deutschland. 
Foto: Daniel Peter | Wünscht sich, dass die Gesellschaft sieht, wie vielfältig jüdisches Leben ist: Josef Schuster, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Würzburg und des Zentralrats der Juden in Deutschland. 

Seit November 2014 ist der Würzburger Arzt Josef Schuster Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Öffentlich in Erscheinung tritt der 67-Jährige vor allem als Mahner, der vor Rassismus, Antisemitismus, Demokratie- und Menschenfeindlichkeit warnt. Darüber hinaus wünscht er sich, dass die Gesellschaft ihre Blicke mehr auf die Vielfalt jüdischen Lebens im Alltag richtet.

Im Interview spricht der Zentralratspräsident über jüdische Identität, Stereotypen und Zerrbilder in den Medien. Und was helfen könnte, der wachsenden Judenfeindlichkeit zu begegnen.

Herr Schuster, welches Stereotyp über Jüdinnen und Juden hat Sie zuletzt am meisten geärgert?

Josef Schuster: Das ist das Stereotyp vom reichen Juden. Das Vorurteil, Jüdinnen und Juden seien alle vermögend, ist völliger Blödsinn, aber es hält sich. Sie finden in der jüdischen Gesellschaft in Deutschland Menschen, die Geld haben. Und Sie finden auch Menschen, die große Geldsorgen haben. Altersarmut ist gerade unter den Zuwanderern in den jüdischen Gemeinden hierzulande ein sehr ernstes Thema.

"Das Vorurteil, Jüdinnen und Juden seien alle vermögend, ist völliger Blödsinn, aber es hält sich."
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
Wo ist Ihnen dieses Stereotyp zuletzt begegnet?

Schuster: Das begegnet einem ständig. Sowohl in Gesprächen, da kann man aber reagieren. Es begegnet einem – mehr oder weniger subtil – in der Berichterstattung der Medien, aber auch in den Sozialen Medien sind solche antijüdischen Ressentiments sehr verbreitet.

Das Bild, das manche Medien von Jüdinnen und Juden zeichnen, sei nicht differenziert genug, haben Sie kürzlich beklagt. Was fehlt Ihnen?

Schuster: Zum einen werden das Judentum und jüdische Menschen häufig nur in der Opferrolle, im Kontext der Schoah, der Zeit zwischen 1933 und 1945, dargestellt. Dabei zeigt das Festjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" doch, dass jüdisches Leben seit Jahrhunderten dazu gehört.

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Und zum anderen?

Schuster: Die Bildsprache auch renommierter Medien arbeitet leider allzu oft mit Stereotypen. Wenn es darum geht, einen Juden zu zeigen, greift man auf Archivfotos von Menschen mit Schläfenlocken zurück, Karikaturen zeigen mitunter auch Menschen mit Hakennase. Sie treffen jüdische Menschen mit Schläfenlocken nur sehr selten in Deutschland. Sie sind eher in ultraorthodoxen Kreisen in Israel zu treffen. Juden pauschal so darzustellen, entspricht einfach nicht der Realität hierzulande. In aller Regel werden Sie auf der Straße einen jüdischen nicht von einem katholischen oder evangelischen Menschen oder auch von einem Atheisten unterscheiden können.

Was empfehlen Sie?

Schuster: Kurzes Nachdenken und mehr Vielfalt bei der Fotoauswahl reichen in der Regel schon, um solche Zerrbilder zu vermeiden.

Josef Schuster (rechts) im Gespräch mit Main-Post-Redakteur Michael Czygan.
Foto: Patty Varasano | Josef Schuster (rechts) im Gespräch mit Main-Post-Redakteur Michael Czygan.
Jüdisch sein ist mehr als die Zugehörigkeit zu einer Religion. Was bedeutet es für Sie?

Schuster: Für mich bedeutet es, dass ich jüdische Eltern hatte, dass ich mit jüdischer Tradition aufgewachsen bin. Wie man Feiertage begeht, das hat natürlich mit Religion zu tun. In Zeitraum um Weihnachten oder im Advent findet das jüdische Lichterfest Chanukka statt. Ebenso wie es Menschen gibt, die an Heiligabend Kerzen am Baum anzünden, ohne gläubige Christen zu sein, so gibt es auch säkulare Juden, die Kerzen am Chanukka-Leuchter anzünden. Und die den Feiertag verbinden mit einem Zusammensein mit der Familie.

In den Feuilletons wurde kürzlich eine Diskussion geführt, wer sich überhaupt Jude nennen darf. Sie haben sich da auch eingemischt.

Schuster: Der Schriftsteller Maxim Biller sprach dem Publizisten Max Czollek ab, sich als Jude zu äußern. Czolleks Großvater war Jude. Laut jüdischem Religionsgesetz aber ist ein Jude, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum übergetreten ist. Wenn Czollek sich Jude nennt, dann ist das nach dem jüdischen Religionsgesetz nicht korrekt. Wenn er sagt, er fühlt sich jüdisch, ist das eine andere Debatte.

"Wer Jude ist, bestimmt die Halacha - das jüdische Religionsgesetz."
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
Aber es gibt auch nicht-religiöse säkulare Juden. Denen würden sie das Jüdisch-Sein nicht absprechen?

Schuster: Wer Jude ist, bestimmt die Halacha - das jüdische Religionsgesetz.

Kann man sein Jüdisch-Sein auch ablegen?

Schuster: Ja. In dem Moment, in dem ein Jude eine andere Religion annimmt, ist er in meinen Augen auch nicht mehr jüdisch. Das ist zum Beispiel die Problematik bei den sogenannten messianischen Juden. Eine Gruppierung, die Jesus als den Erlöser anerkennt, ansonsten aber jüdische Bräuche pflegt und am Sabbat Gottesdienste im Stil des Judentums praktiziert. Das ist für mich ein Segeln unter falscher Flagge. Die Frage, ob Jesus der Erlöser ist, ist der entscheidende Unterschied zwischen Judentum und Christentum. Wenn ich an Jesus als Erlöser glaube, was völlig legitim ist, dann habe ich die Kernbotschaft des Christentums angenommen. Und dann habe ich mich aus dem Judentum entfernt.

Jüdisches Leben ist vielfältig. Das Bild zeigt Rabbiner Jakov Ebert beim Mittagsgebet in der Würzburger Synagoge. 
Foto: Christoph Weiß | Jüdisches Leben ist vielfältig. Das Bild zeigt Rabbiner Jakov Ebert beim Mittagsgebet in der Würzburger Synagoge. 
Dass wir so eine Diskussion führen, dass Sie Jüdisch-Sein immer wieder erklären müssen, nervt Sie das nicht?

Schuster: Ja, ganz ehrlich, mitunter nervt es mich. Zumal diese Diskussion in meinen Augen für die nichtjüdische Öffentlichkeit eigentlich keine Relevanz hat. Das ist in erster Linie eine innerjüdische Debatte.

Wichtiger scheint es, jüdisches Leben in all seiner Vielfalt zu zeigen. Da gibt es die preisgekrönte Talkshow "Freitagnacht Jews", da gibt es jetzt im Jubiläumsjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" einen Podcast, in dem jüdische Menschen in all ihrer Verschiedenheit zu Wort kommen. Da werden Juden gerade auch für die junge Generation sichtbar, oder?

Schuster: Das finde ich auch gut so! So wird deutlich, dass jüdische Menschen nicht anders sind als andersgläubige Menschen. Und sie haben zum großen Teil auch ähnliche Interessen und Sorgen.

Die Late-Night-Show 'Freitagnacht Jews' wurde kürzlich in Köln mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Im Bild Moderator Daniel Donskoy (links).
Foto: Henning Kaiser, dpa | Die Late-Night-Show "Freitagnacht Jews" wurde kürzlich in Köln mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Im Bild Moderator Daniel Donskoy (links).
Es gibt jüdische Musikwettbewerbe wie Jewrovision, es gibt jüdische Sportfeste. Braucht es solche Veranstaltungen wirklich? Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass Juden eben auch Musik machen oder Sport treiben wie alle anderen auch?

Schuster: Die jüdischen Sportfeste, die Makkabiaden, bringen Juden aus aller Welt zusammen. Bei der Jewrovision, dem größten jüdischen Gesangs- und Tanzwettbewerb in Europa, den der Zentralrat der Juden ausrichtet, geht es darum, gezielt junge Menschen aus den 105 jüdischen Gemeinden, die über das Bundesgebiet verstreut sind, zusammenzubringen. Jüdinnen und Juden als Mitglieder der Gesellschaft betreiben natürlich Aktivitäten wie Sport oder Musik auch außerhalb solcher Events.

"Oft werden Jüdinnen und Juden als etwas Exotisches betrachtet." 
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
Wäre jüdisches Leben in Deutschland erst dann eine Selbstverständlichkeit, wenn es nicht extra erwähnt werden müsste? Oder hat die Publizistin Marina Weisband recht, wenn sie sagt: Wenn Jüdinnen und Juden komplett unsichtbar werden, haben die Nazis gewonnen.

Schuster: Ich glaube, dass es wichtig ist, jüdisches Leben in der Gegenwart, aber auch in der Vergangenheit, in den Jahrhunderten vor der Schoah, zu zeigen - so wie jetzt im Festjahr. Um deutlich zu machen, dass das Judentum in der Region, die heute Deutschland heißt, seit vielen Hundert Jahren verwurzelt ist und Politik, Kultur und Wissenschaft entscheidend mitgeprägt hat. Das wissen leider noch viel zu wenige Menschen. Oft werden Jüdinnen und Juden als etwas Exotisches betrachtet. Das befeuert leider häufig auch antisemitische Stereotype.

Was könnte dagegen helfen?

Schuster: Da hilft Bildung, Bildung und noch mal Bildung. Damit kann gar nicht früh genug begonnen werden. Was Judentum bedeutet, dass Jüdinnen und Juden Menschen wie Du und ich sind, kann man mit geeigneten Mitteln schon Vorschulkindern beibringen. Kein Mensch, kein Kind wird als Antisemit geboren. Irgendwo muss es bei Menschen mit antisemitischen Einstellungen zu einer Fehlprägung gekommen sein. Dem kann man frühzeitig entgegenwirken.

Am 1. Oktober bekam Josef Schuster (rechts) im Berliner Schloss Bellevue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen.
Foto: Wolfgang Kumm, dpa | Am 1. Oktober bekam Josef Schuster (rechts) im Berliner Schloss Bellevue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen.
Begegnung wäre die beste Lösung, oder? Wer eine Jüdin oder einen Juden kennt, sollte eigentlich immun sein gegen Antisemitismus.

Schuster: Im Grunde ja. Begegnungsprogramme wie "Schalom Aleikum" oder "Meet a Jew" sind in der Tat sehr erfolgreich. Bei "Meet a Jew" gehen Jugendliche und junge Erwachsene in Schulklassen und Vereine, um dort mit Gleichaltrigen zu reden und sich über ihr Leben als Jude oder Jüdin auszutauschen. Egal ob Jude oder Nichtjude, wir haben ähnliche Sorgen und Freuden. Das hilft, Ängste abzubauen.

Aber?

Schuster: Auf der anderen Seite widersprechen die Erfahrungen vieler Juden auch in Unterfranken dieser These. Gerade hier gab es vor 1933 sehr viele jüdische Gemeinden, in den Dörfern lebten Juden und Nichtjuden scheinbar friedlich miteinander. Man hat sich getroffen, der eine kannte die Gepflogenheiten des anderen. Trotzdem hat all das, als es ernst wurde, auch nicht geholfen. Im Gegenteil: Gerade weil sie dachten, man kennt sich in der Nachbarschaft, man gehöre dazu, sind viele Juden geblieben, als die Zeichen der Zeit schon dagegen sprachen. Ein tödlicher Irrtum.

Das klingt jetzt eher resignativ.

Schuster: Das klingt vielleicht resignativ an. Trotzdem darf man nicht nachlassen in den Bemühungen, mehr voneinander zu wissen.

Josef Schuster

Geboren 1954 im israelischen Haifa, kam Josef Schuster im Alter von zwei Jahren mit den Eltern nach Würzburg. Sein Großvater Julius Schuster war in Bad Brückenau als Stadtrat und Gastronom aktiv gewesen. 1937 wurden Julius Schuster und sein Sohn David inhaftiert. Den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald entkamen sie 1938 unter der Auflage, nach Palästina zu emigrieren. Julius Schuster kehrte 1954 nach Unterfranken zurück, David Schuster mit seiner jungen Familie zwei Jahre später. In Würzburg wurde er von 1958 bis 1996 Vorsitzender der jüdischen Gemeinde.
Josef Schuster, der in Würzburg zur Schule ging und an der Universität Medizin studierte, übernahm die Führung der Jüdischen Gemeinde 1998. Im Jahr 2002 wurde er zum Präsidenten des bayerischen Landesverbands der israelitischen Kultusgemeinden und 2010 zum Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt. Seit 2014 steht er an der Spitze des Zentralrats.
micz
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