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Dem 1. FC Nürnberg fehlt es an Kaltschnäuzigkeit und Klasse

Da schien der Club auf der Siegerstraße (von links): Matheus Pereira (links, Nr. 27) trifft zum 1:0, die Stuttgarter Emiliano Insua, Marc Oliver Kempf und Ozan Kabak kommen zu spät.  Foto: Heiko Becker

Die Hoffnung stirbt zuletzt: Natürlich kann der 1. FC Nürnberg mit einem Sieg am Freitag gegen Schalke 04 bis auf einen Zähler an den VfB Stuttgart heranrücken. Und, jawohl: In den letzten fünf Saisonspielen sind rechnerisch noch weitere 15 Punkte drin. Aber das Kellerduell in Stuttgart vor 58757 Zuschauern zu gewinnen, war Pflicht für den Club,  der es trotz bester Chancen vergeigt hat. Der neue Sportchef Robert Palikuca mag ja zweigleisig planen, das Hauptaugenmerk aber gilt es wohl oder übel auf Liga zwei zu richten.

Der Klassenerhalt rückt in immer weitere Ferne, die Diskussion erscheint müssig, ob dieser nun eine Überraschung oder ein Wunder wäre.  "Gefühlt haben wir heute zwei Punkte verloren", merkte Boris Schommers zurecht an. Und gefühlt, so der Club-Trainer, hatte seine Elf in der Schlussviertelstunde drei, vier ganz große Möglichkeiten, hätte nach dem glücklichen Stuttgarter Ausgleich das 2:1 machen müssen. "Bei den Kontern, wo wir sogar Überzahl hatten, wurden mal falsche Entscheidungen getroffen, mal kam der letzte Pass nicht, oder es war zu überhastet", listete Schommers auf. "Und dann hält Zieler den Kopfball von Misidjan auch noch überragend."  

Eine gute Entwicklung

Letztlich hat der 1. FC Nürnberg nicht gewonnen, das zählt. Nicht: wenn, wäre, hätte. Gleichwohl hat die Mannschaft eine gute Entwicklung genommen, seit Schommers am 12. Februar Aufstiegstrainer Michael Köllner abgelöst hat: Die Abwehr steht dank Abräumer Ewerton und dem erneut bärenstarken Keeper Christian Mathenia, das Umschaltspiel gelingt häufiger, es ergeben sich mehr Torchancen. Kurzum: Das Spiel ist besser und ansehlicher geworden, die über 5000 mitgereisten Fans dankten es mit frenetischem Beifall und Dauergesängen. 

Dass Ecken und Freistöße auf Hanno Behrens ein gutes Mittel sind, wusste man schon vorher und bestätigte sich beim Nürnberger Führungstor erneut: Der Club-Kapitän stieg nach einer Ecke hoch Richtung Ball, berührte ihn, Steven Zuber verlängerte unfreiwillig - und den Abpraller verwertete Mattheus Peireira (42.) entschlossen zur Gästeführung.

Bedient: Club-Kapitän Hanno Behrens nach dem 1:1 in Stutgart.  Foto: Heiko Becker

Der schöne Plan, im zweiten Abschnitt aus sicherer Abwehr Nadelstiche zu setzen, das 2:0 nachzulegen, er ging nicht auf: "Wir hätten höher verteidigen müssen, haben zu viele Flanken aus dem Halbfeld zugelassen", kritisierte Schommers. Aber es war schlicht unglücklich, dass nach so einer Flanke der zeitweise fast schon verzweifelten Gastgeber der Ball von Donis zu Kabak prallte, der mühelos einschoss (75.). Ob Donis dabei im Abseits stand, wurde im Kölner Videokeller nach Ausfall der Hilfslinien minutenlang beratschlagt und brachte VfB-Trainer Markus Weinzierl gefühlt zwei Herzinfarkte ein. "Wenn es so lange dauert, muss es sehr knapp gewesen sein", fand Kollege Schommers. "Wenn eine richtige Entscheidung herauskommt, ist die Zeit okay. Pech für uns wäre, wenn es dann trotzdem falsch gewesen sein sollte."  

Pech für den Club wäre auch gewesen, wenn der ansonsten unauffällige Mario Gomez (89.) freistehend aus spitzem Winkel sogar noch das Stuttgarter Siegtor erzielt hätte. Doch Mathenia war auf dem Posten, parierte glänzend. Überhaupt waren die Schlussminuten mit beiderseits offenem Visier nichts für schwache Nerven. Club-Verteidiger Lukas Mühl wollte vielsagend lachend lieber nicht sagen, was ihm durch den Kopf ging, als vorne die Kontermöglichkeiten fahrlässig vergeben wurden. "Rumheulen hilft da jetzt auch nichts. Jetzt gilt es gegen die Schalker, die mit Sicherheit verunsichert sind."   

"Es ist wieder ein Spiel weniger, bei gleichem Abstand wie vorher"
Club-Trainer Boris Schommers

Schommers unterstrich ebenfalls, dass er seinen Offensivkräften nicht böse ist. "Es macht ja keiner absichtlich." Er hätte sich gleichwohl schon "sehr gefreut", wenn in der gleichen Zeitspanne wie zuvor beim 3:0 gegen Augsburg mit dem Treffer zum 2:1 der Sack zugemacht worden wäre. "Es war klar, dass wir hinten raus physisch stark sind".

Unter dem Strich aber bleibt: Dem 1. FC Nürnberg fehlt es an Kaltschnäuzigkeit, an Klasse, auch wenn in Stuttgart Vieles gut aussah. "Es ist wieder ein Spiel weniger bei gleichem Abstand wie vorher", bilanzierte Boris Schommers. Von verlängerter Leidenszeit zu reden, schien ihm dann aber doch seltsam. "Es ist ein Privileg, vor ausverkauftem Haus zu spielen, die Mannschaft hat aufopferungsvoll gekämpft. Und es motiviert mich umso mehr, das kleine Rädchen noch zu drehen, dass es beim nächsten Mal klappt."

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