Rudern

Der Ruderverband fühlt sich falsch bewertet

Der letzte Platz in der Potenzialanalyse der olympischen Sommersportarten wurmt den Deutschen Ruderverband und seinen Schweinfurter Präsidenten Siegfried Kaidel.
Sein Verband ist ein beständiger Medaillenlieferant, steht im nationalen Verbandsvergleich aber plötzlich ganz hinten: Siegfried Kaidel, Präsident des Deutschen Ruder-Verbandes, aus Schweinfurt. Foto: Heiko Becker, imago sportfotodienst

Ein Jahr noch, dann gibt Siegfried Kaidel sein Ehrenamt als Präsident des Deutschen Ruderverbandes (DRV) ab. Das hat er lange angekündigt. Und weil der Schweinfurter deshalb keine weitere Periode als Sprecher der olympischen Spitzenverbände des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)  geschafft hätte, kandidierte er bereits im letzten Jahr nicht mehr für diese wichtige Schnittstelle des Spitzensports, an der er vier Jahre lang gearbeitet hatte. Der letzte Höhepunkt in Kaidels Verbandswirken werden die Olympischen Spiele 2020 in Tokio sein. Dort will der DRV wieder für Medaillen sorgen, diesem Ziel gilt schon jetzt alle Konzentration. Eigentlich. 

Denn seit letzter Woche gibt es eine unangenehme andere Baustelle für die Ruderer. In einem Zwischenergebnis des neu geschaffenen Potenzialanalyse-Systems (Potas) der olympischen Sommersportarten steht der DRV unter 26 Verbänden auf dem letzten Platz.  Die Verwunderung war groß, nicht nur innerhalb des Verbandes, der beständig Olympiasieger und Weltmeister produziert, und glaubte, auch bei der Beantwortung der 113 Fragen an die Potas-Kommission alles richtig gemacht zu haben. "Wir nehmen die Bewertung von Potas mit einigem Erstaunen zur Kenntnis", sagte Kaidel in einer Stellungnahme, die der DRV eilends verschickte.

Der Badminton-Verband steht an erster Stelle

Immerhin, an der Ruder-Basis ist es ruhig geblieben. Rücktrittsforderungen haben Kaidel, der seit seinem Amtsantritt 2008 immer auch mal mit einer verbandsinternen Opposition leben musste, bisher nicht erreicht. Das liegt vielleicht auch daran, dass im Potas-Zwischenranking erstaunlicherweise der Badminton-Verband an erster Stelle steht. So sehr ihm das zu gönnen ist, international sind seine Aktiven in der Regel gegen die aisatische Übermacht chancenlos. Doch ihr Verband hätte sich "viel Mühe gegeben", sagte Urs Granacher, der Vorsitzende der Potas-Kommission und Professor für Trainingswissenschaften an der Uni Potdsam, bei der Veröffentlichung des Ergebnisses.

"Ist die Potentialanalyse kompletter Schwachsinn?" fragte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" sehr direkt. Doch ein "Ja" als Antwort kann sich der Ruderverband, der 83 000 Mitglieder in 600 Vereinen hat, nicht leisten. "Wir nehmen das Ergebnis ernst", versichert Kaidel dieser Redaktion.  Mit gutem Grund: Die Potas soll innerhalb der Spitzensportreform eine wesentliche Grundlage für die Vergabe von Fördergeldern des Bundes in den Jahren 2021 bis 2024 sein. Das Konzept wurde seit der Einführung zwar immer mehr aufgeweicht und Kaidel sieht Potas "eher als Instrument des Qualitätsmanagements". Aber die Gefahr, dass das Rudern dann mit weniger Geld auskommen muss, besteht.

Das zentrale Problem für den Ruderverband sieht Kaidel darin, dass Potas bisher "vorrangig das Produzieren von Papier und Formalismen bewertet". Ein Beispiel: Kaidel und seine Präsidiumskollegen arbeiten ehrenamtlich und stehen trotzdem formal über dem hauptamtlich arbeitenden Sportdirektor. Bei Potas bewirke das Punktabzüge bezüglich der Richtlinienkompetenz: Alle Leistungssport-Angelegenheiten sollen von Hauptamtlichen entschieden werden. Dass der älteste deutsche Sportverband basisdemokratisch organisiert ist, wirke sich ebenfalls negativ aus. In vielen anderen Sportverbänden sind lediglich die Landesverbände Mitglied im Dachverband. Beim DRV reden die Vereine direkt auf Bundesebene mit.

Es ist richtig, dass die Verbände überprüft werden. Aber man muss verschiedene Strukturen akzeptieren, denn am Ende geht es um den Erfolg.
Siegfried Kaidel, Präsident des Deutschen Ruderverbandes

Nicht nachvollziehen kann Kaidel die schlechten Noten für die Nachwuchsförderung. "Im U19-Bereich ist der DRV der weltweit erfolgreichste Ruderverband und Potas wirft ein fehlendes Nachwuchskonzept vor? Da kann ich nur schmunzeln", schrieb der DRV-Präsident in seiner Stellungnahme. Im Rudern sind bei den Kindern noch Vereine und Landesverbände für Sichtung und Entwicklung von Talenten zuständig. Erst Junioren werden in Regionen zusammengezogen. Der DRV nominiert erst nach deutschen Meisterschaften Athleten für die internationalen Titelkämpfe. "Das ist unsere Struktur. Aber für Potas ist es keine, weil nicht überall DRV drübersteht", sagt Kaidel. Man werde aber ein erfolgreiches System nicht kaputtmachen.  

Dabei hat der Ruderverband durchaus schon Forderungen der Leistungssportreform umgesetzt. Die besten Athleten werden künftig gegen große Widerstände an drei Bundesstützpunkten zusammen gezogen, zwei Stützpunkte stehen vor der Schließung. Deshalb wurden dort keine neuen Stützpunktleiter mehr berufen. Was logisch erscheint, brachte in der Potas-Bewertung Abzüge wegen offener Stellen. 

Zeidler und der Achter tragen Hoffnungen für Tokio

"Es ist richtig, dass die Verbände überprüft werden", sagt Kaidel. "Aber man muss verschiedene Strukturen akzeptieren, denn am Ende geht es um den Erfolg." Und der ist Inhalt der letzten von fünf von insgesamt 13 Hauptattributen, die Potas nach den Spielen von Tokio bewerten wird. Sollten etwa die aktuellen deutschen Weltmeister, Oliver Zeidler im Einer und der Deutschland-Achter, in Japan für olympische Medaillen sorgen, wird der Ruderverband den letzten Platz im Potas-Ranking mit Sicherheit verlassen. In den Strukturgesprächen mit dem  DOSB, die im neuen Jahr anstehen, will Kaidel die bereits erreichten sportlichen Erfolge in den Mittelpunkt stellen. Die müssten doch wichtiger sein als die Frage, wer haupt- oder ehrenamtlich arbeite.

Hoffnung macht dem Schweinfurter da der für den Spitzensport zuständigen Innenstaatssekretär Markus Kerber. Ohne Potas als Instrument der Transparenz seien die zusätzlich für den Sport bewilligten Gelder nicht denkbar gewesen, sagte Kerber, "die Verbände sind nun vergleichbarer und wir können Förderniveaus auf dieser Grundlage nun besser steuern."Aber welchen Nutzen Potas wirklich habe, sagte Kerber der "Süddeutschen Zeitung", ob das in der Theorie analysierte Potenzial in der Praxis dann auch ausgeschöpft werde, könne sich frühestens in einer, eher in zwei Olympiaden zeigen.

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