Aue

Die Großzügigkeit von Johannes Geis

Was Johannes Geis (links) und Hanno Behrens nach dem Abpfiff in Aue zu besprechen hatten, ist nicht überliefert. Vielleicht hat Behrens seinen Mitspieler aber gefragt, warum er nicht auch den Elfmeter, der den 4:4-Ausgleich hätte bringen sollen, selbst geschossen hatte. Foto: Sportfoto Zink / Daniel Marr via www.imago-images.de

Der 1. FC Nürnberg und seine vergebenen Elfmeter, das ist eine lange Geschichte. Der Fehlschuss von Michael Frey am Freitagabend in Aue, der die 3:4 (0:0)-Niederlage besiegelte, war aber der erste, seit Tim Leibold im April im Bundesliga-Heimspiel den möglichen Siegtreffer gegen Bayern München vergeben hatte. Freys Fehlversuch in der neunten Minute der Nachspielzeit gegen Aues stark reagierenden Torwart Martin Männel kostete den Club dagegen nur einen Punkt.

Doch diesen Zähler in Unterzahl nach dreimaligem Rückstand mitzunehmen, wäre für die Moral sehr positiv gewesen. Und auch für das Nürnberger Ziel, im vorderen Tabellendrittel der 2. Bundesliga mitzuspielen, dessen Umsetzung auf sich warten lässt. Die wichtigsten Fragen und Antworten nach dem Thriller in Aue:

Warum schoss am Ende nicht wieder Johannes Geis, der bereits einen Strafstoß verwandelt hatte?

Es lag nicht daran, dass sich Geis nicht getraut hätte. „Ich hatte mit Micha (Frey) ausgemacht, dass er schießt, wenn ich schon ein Tor gemacht habe. Und ich hatte schon zwei. Ich weiß, wie wichtig es ist für einen Stürmer, zu treffen, da bin ich kein Egoist“, sagte der 25-Jährige, der nach schwierigem Start ins Spiel der beste Nürnberger war. Verständlich war Geis' Großzügigkeit in dieser zugespitzen Situation  trotzdem nicht, denn auch der Schweizer hatte mit dem 1:0 schon einen Treffer erzielt. Trainer Damir Canadi enthielt sich einer Kritik: „Beide haben die Qualität, um das selbst entscheiden zu können.“ Kapitän Hanno Behrens, früher der Elfer-Schütze vom Dienst, drängt sich nach zwei Fehlschüssen in der Bundesliga nicht mehr vor.

Warum kassierte der Club so viele Gegentore? Lag das auch am neuen Torwart Andreas Lukse?

Der Österreicher, der Christian Mathenia in den kommenden Monaten vertreten wird,  konnte an allen vier Toren nichts machen. Zudem rochen die Gegentreffer drei und vier nach Abseits. Beweisfähige TV-Bilder mit kalibrierten Linien bekam man nicht zu sehen. Aus den Fugen geriet die zuvor sehr gut arbeitende Defensive nach einer Stunde mit der Roten Karte für Asger Sörensen, der den Schuss von Aues Jan Hochscheidt auf der Torlinie abwehren wollte, den Ball aber an den Oberarm bekam. Der Abwehrchef, der vom eingewechselten Lukas Mühl nicht gleichwertig ersetzt werden konnte, wird wohl in den nächsten zwei Spielen gesperrt fehlen.

Ohne Sörensen und in Unterzahl bot der Club zu viele Räume an, verhielt sich zudem ungeschickt in manchen Zweikämpfen. Der junge Linksverteidiger Tim Handwerker etwa, der vorher auch offensiv geglänzt hatte, bekam seine Seite nicht mehr dicht. Canadi wollte wegen der Verrückheit der Ereignisse kein Grundsatzproblem ausmachen: „Beide Mannschaften wollten das Spiel gewinnen, so war es von Emotion geprägt. So sollten wir es auch stehenlassen.“

Nach sechs Spielen ohne Niederlage hat der Club erstmals wieder verloren. Nur dumm gelaufen?

Die Serie hatte niemand richtig glücklich gemacht. Schließlich beinhaltete sie auch vier Unentschieden. „Wir können eine neue starten – mit ein paar Siegen mehr“, sagte Geis. Zu viele Punkte hat der Club nach zehn Spieltagen schon unnötig liegen gelassen. Mangelnde Effektivität? Oder nur fehlendes Spielglück, wie Behrens meint? Canadi sah in Aue einen grundsätzlichen Aufwärtstrend bestätigt: „Wir waren sehr passsicher, haben viel nach vorne gemacht. Wir spielen wenige Bälle zum Torwart oder quer – die Dinge haben sich verändert.“ Aber Canadi weiß, dass Fußball letztlich ein Ergebnissport ist. „Wir werden dran bleiben und versuchen, uns zu stabilisieren. Wir haben die Qualität für das erste Tabellendrittel, auch wenn es eine schwierige Liga ist.“

Hat Erzgebirge Aue das Zeug, in dieser Saison die Überraschungsmannschaft zu werden?

Spielerisch hat die Mannschaft von Trainer Dirk Schuster keine Wunderdinge zu bieten, aber eine sehr gute Mentalität und im Erzgebirgestadion mächtigen Rückhalt durch die Fans. „Wir haben ein gutes Fundament für die Saison gelegt. Aber jede Woche stehen die Spiele Spitz auf Knopf. Da sind wir gut beraten, die Fehlerquote zu minimieren“, blieb Schuster nach dem glücklichen Sieg der "Veilchen" gegen Nürnberg zurückhaltend. Dazu hatte er allen Grund, wie FCN-Kapitän Behrens verdeutlichte: „Wir waren nahe dran, das 2:0 zu machen. Dann hätten wir es runter gespielt.“

Was hat es mit der Kritik von Aues Torwart Männel am Nürnberger Benehmen auf sich?

„Was ich so mitbekommen habe, sind die Nürnberger in ihrem Hotel in Bad Schlema ziemlich durchgedreht und haben die Angestellten dort als Bauern bezeichnet“, sagte Männel nach dem Spiel in der Mixed Zone. Damit hätten sie „eine ganze Region verunglimpft“, es sei Zusatzmotivation für das Spiel gewesen. Die Quelle des 31-jährigen Erzgebirge-Kapitäns blieb unklar, aber offenbar war sie nicht die beste. Von der „Bild“-Zeitung mit Aussagen von Hoteldirektorin Katja Kießig konfrontiert („Ich habe mit fast allen Angestellten gesprochen, niemand hat etwas entsprechendes zu berichten gehabt“), zog Männel am Tag nach dem Spiel seine Vorwürfe zurück und entschuldigte sich.

Rückblick

  1. Der Club wirkt gezeichnet vom Abstiegskampf
  2. Die Nürnberger Talfahrt geht weiter
  3. Keller sieht keinen Anlass für Panik
  4. Unangenehmer Gang in die Nordkurve
  5. Ein 0:0, das niemand richtig glücklich macht
  6. Geis hat keine Angst vor Pfiffen
  7. Rachid Azzouzi: "Wir haben  hohe Ansprüche an uns selbst"
  8. Wo Jens Keller beim Club ansetzen muss
  9. Das Maß war einfach voll
  10. Marek Mintal springt beim Club ein
  11. Nürnberger Krise verschärft sich in Bochum
  12. Der Club und die nervigen Achterbahnfahrten
  13. Pokal-Drama endet mit Club-Aus
  14. Der Club kann kein Ergebnis sichern
  15. Die Großzügigkeit von Johannes Geis
  16. Aues Torwart nimmt Vorwürfe an den Club zurück
  17. Club verliert ein verrücktes Spiel
  18. Eine Premiere für Georg Margreitter
  19. Trotz des verpassten Sieges: Auf dem Weg zum Canadi-Club
  20. Club bringt sich um Lohn für starken Auftritt
  21. Der Club auf dem Weg aus der Krise: Geis trifft zum Sieg
  22. Die Nürnberger Baustelle
  23. Erschreckend schwacher Club
  24. Wie Michael Köllner Spieler entwickelt
  25. Die Nürnberger Schwäche liegt im System
  26. Warum Johannes Geis zum Club ging
  27. Der Club holt Mittelfeldspieler Johannes Geis
  28. Fast alles neu beim 1. FC Nürnberg
  29. Nürnberger Fans nehmen dem Club Abstieg nicht übel
  30. Damir Canadis Auftrag: Zurück in die Bundesliga
  31. Ein Österreicher als neuer Coach des 1. FC Nürnberg?
  32. Ein Nürnberger Abstieg in Harmonie
  33. Kommentar zum Club: Warum der Wiederaufstieg das Ziel sein muss
  34. Nach 0:2 in Wolfsburg: Dem Club helfen nur noch zwei Siege
  35. 1. FC Nürnberg: Verhängnisvolle Zentimeter
  36. FC Bayern: Kovac sieht noch drei Endspiele
  37. Der Club verpasst die Derby-Sensation
  38. Warum Robert Palikuca auf noch sieben Club-Spiele hofft
  39. Die Leistung gegen Schalke gibt Nürnberg Mut
  40. Club-Kapitän Hanno Behrens als tragische Figur
  41. Dem 1. FC Nürnberg fehlt es an Kaltschnäuzigkeit und Klasse
  42. 1. FC Nürnberg findet endlich einen neuen Sportchef
  43. FCN: Was kann der 3:0-Erfolg gegen Augsburg noch bewirken?
  44. 1. FC Nürnberg: Erfolgsmeldung aus der Stadtbücherei
  45. Heißer Kandidat für den Club-Sportvorstand
  46. 0:1 gegen Leipzig: Der Club-Abstieg rückt näher
  47. Christian Mathenia: Die Leiden des Leidenschaftlichen
  48. Adam Zrelak verletzt sich schwer
  49. Der Club in Düsseldorf: Wie im falschen Film
  50. Neuer Club-Trainer Schommers: Zwei Fäuste für ein 0:0

Schlagworte

  • Hans Strauß
  • 1. FC Nürnberg
  • Egoistinnen und Egoisten
  • Elfmeter
  • Emotion und Gefühl
  • Erzgebirge Aue
  • FC Bayern München
  • Handwerker
  • Johannes Geis
  • Landwirte und Bauern
  • Niederlagen und Schlappen
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!