Oberhof

Die Sehnsucht nach der weißen Pracht

Schneemangel und milde Temperaturen stellen beim Oberhofer Biathlon-Weltcup Organisatoren und Sportler vor Herausforderungen. Warum eine Absage keine Alternative war.
Oben der deutsche Biathlet Johannes Kühn, darunter ein wenig Schnee, ansonsten Grau, Braun und Grün: Der Oberhofer Biathlon-Weltcup litt unter Schneemangel. Foto: Hendrik Schmidt

Der Klimawandel macht dem Wintersport zu schaffen. Eine Binse, doch in diesem Jahr so augenfällig wie selten: Gerade in Mittelgebirgen wie dem Thüringer Wald, wo in Oberhof von Donnerstag bis Sonntag der Biathlon-Weltcup stattfand, ist es nicht mehr kalt genug, um genügend Schnee zu haben. Und was tut der Mensch in Sachen Umwelt, wenn Millionen Euro auf dem Spiel stehen? Zum Beispiel Schnee in Lastwagen 400 Kilometer durch Deutschland transportieren, wie nun in Oberhof geschehen.

Die Lage ist verzwickt in der 1600-Einwohner-Stadt am Rennsteig. Zum einen ist Oberhof eines der Deutschen liebsten Wintersport-Kinder, so bekannt wie Olympische Winterspiele, das Skirennen auf der Streif in Kitzbühel oder die Vierschanzen-Tournee. Sagt man Biathlon, denkt man Oberhof. Und hören die Oberhofer Schneemangel, denken sie voller Schrecken an 2016: Da musste der seit 1984 stattfindende Weltcup zum ersten Mal in seiner Geschichte abgesagt werden, weil es schlicht zu warm war. Ein Millionen-Schaden, der sich nicht wiederholen darf.

Rund 65 000 Besucher, mehrere Tausend davon aus Unterfranken, kommen an vier Tagen an den Rennsteig, um die Biathletinnen und Biathleten anzufeuern, das traditionell schlechte, neblige Wetter um diese Jahreszeit ist ihnen meist schnuppe, die Stimmung legendär. Die Fans sind ein echter Wirtschaftsfaktor für die Region, in der es außer Tourismus wenig gibt.

Doch nicht nur deshalb wird alles getan, den Weltcup zu veranstalten, auch wenn die Kriktik an den Schnee-Transporten durch den BUND angebracht war. 2023 nämlich ist Oberhof wieder Ausrichter der Biathlon-Weltmeisterschaft (der ersten seit 2012 in Deutschland) und der Rodel-WM noch dazu. Der Imageschaden wäre wohl kaum zu reparieren, wenn man wegen Schneemangel nun hätte absagen müssen.

Quo vadis Biathlon in Oberhof? Eine Athletin trainiert in der Rennsteigarena. Foto: Martin Schutt

Für die beiden Weltmeisterschaften in drei Jahren wird millionenschwer investiert, der Freistaat Thüringen und der Bund zahlen insgesamt 80 Millionen Euro, um Biathlon-Stadion und Rodelbahn sowie die Infrastruktur darum herum zu erneuern, ein Schwerpunkt dabei die Schneesicherheit. Gebaut wird ein Depot, das so groß ist, dass dort 25 000 Kubikmeter Schnee übersommert werden können. Das reicht dicke, um die Loipen wettkampfgerecht zu präparieren und dauerhaft keine Schneetransporte per Lastwagen zu benötigen.

"Ich glaube, das war eine gute Lösung. Da muss man die Kirche im Dorf lassen, die Belastung hat sich in Grenzen gehalten."
DSV-Präsident Franz Steinle über die Schneetransporte nach Oberhof

Während des Weltcups sah man im Stadion schon die Fundamente für die neuen Tribünen, im Frühjahr rollen die Bagger wieder, es herrscht Zeitdruck, die neuen Gebäude, den neuen Tunnel zum Schießstand und Veränderungen an den Loipen zu bauen. Zum Weltcup 2022 muss alles fertig sein, um für die WM ein Jahr später vom 8. bis 19. Februar 2023 testen zu können.

Genervt vom Thema Klimawandel: Biathlon-Bundestrainer Mark Kirchner fordert angesichts der Schnee-Probleme in Oberhof eine klare Strategie für den Wintersport. Foto: Hendrik Schmidt

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) steht nicht nur hinter den Schneetransporten, sondern vor allem hinter den Millionen-Investitionen für die Weltmeisterschaften: "Man wird noch lange über sie reden, im positiven Sinne." 

Unverständnis ob der Kritik an den Schnee-Transporten äußerte der Präsident des Deutschen Ski-Verbandes, Franz Steinle: "Ich glaube, das war eine gute Lösung. Da muss man die Kirche im Dorf lassen, die Belastung hat sich in Grenzen gehalten." Im übrigen sei der Skiverband nicht Ursache des Klimawandels, sondern müsse mit den Auswirkungen als Leidtragender umgehen.

Altes Maskottchen, neues Logo: Wie schon bei der Biathlon-WM 2004, kommt auch 2023 bei der WM am Rennsteig "Flocke" zum Einsatz. Foto: Hendrik Schmidt

Von Seiten der Sportler und Trainer versucht man der Diskussion über die Folgen des Klima-Wandels aus dem Weg zu gehen, zu groß ist die Gefahr, Sponsoren oder den Weltverband zu verprellen. Bundestrainer Mark Kirchner war bei Nachfragen zum Thema hörbar genervt: "Wenn man Weltmeisterschaften und andere Veranstaltungen in Regionen ausrichten möchte, wo es eher dünn mit Schnee ist, und dann diese Klimathematik in den Vordergrund schiebt, müssen wir sagen: Dann machen wir komplett zu." 

Zugemacht wird in Oberhof in den nächsten Jahren ganz sicher nicht das Biathlon-Stadion, dafür wurde zu viel Geld investiert. Auch die Zuschauer wenden sich bisher nicht ab: Zum Weltcup kamen so viele wie in den vergangenen Jahren, die TV-Einschaltquoten waren für Wintersport nach wie vor sehr gut. Biathlon zieht, egal ob mit oder ohne Klimaschutz-Diskussion.

Die nächste, ganz große Idee, lebt ebenfalls weiter: Eine Initiative möchte 2030 in Thüringen, Sachsen und Bayern Olympische Winterspiele veranstalten, wurde vom Deutschen Olympischen Sportbund aber erst brüsk zurückgewiesen. Am Rande des Oberhofer Weltcups gab es nun doch Gespräche zwischen Verband und Initiatoren.

For Heroes, for Sport, for Life - für Helden, den Sport, das Leben lautet das Motto der Weltmeisterschaften 2023. Bleibt abzuwarten, ob der thüringische Winter 2022/23 da mitmacht.

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