Paris

Kehrer: „Der Kopf ist im Sport ein wichtiges Instrument”

Thilo Kehrer       -  Nur vor Bildschirmen sitzen, ist schlecht für das Gehirn, stellt Thilo Kehrer fest.
Nur vor Bildschirmen sitzen, ist schlecht für das Gehirn, stellt Thilo Kehrer fest. Foto: Marius Becker/dpa

Nationalspieler Thilo Kehrer ist ein ungewöhnlicher Fußballprofi. In der Corona-Auszeit studiert der 23 Jahre alte Abwehrspieler von Paris Saint-Germain verstärkt über das „Football Institute for Education and Performance” BWL.

Das Institut hat das seine Berater-Agentur (Rogon) mit der Lunex Universität in Luxemburg gegründet. Warum er das lieber tut als an der Konsole zu zocken und wieso ihm das Studium sogar direkt für sein Spiel nutzen kann, verrät er im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Herr Kehrer, Sie sind aktuell nicht nur Fußballprofi, sondern auch Student. Was genau machen Sie da?

Thilo Kehrer: Ich absolviere unterschiedlichste Seminare. Diese finden momentan, bedingt durch die Condora-Pandemie, online statt. Trotz erschwerter Bedingungen klappt das ziemlich gut.

Also haben Sie durch die Corona-Pause ein eigentlich geplantes Unterfangen vorgezogen?

Kehrer: Nein, nur intensiviert. Angefangen habe ich schon vor Corona, im Oktober. Da hatte ich leider auch viel Zeit wegen einer hartnäckigen Verletzung. Gerade verfasse ich eine Abschluss-Arbeit mit der Analyse von Business-Modellen. Danach habe ich mein erstes offizielles Zertifikat.

Wieso machen Sie das neben der Karriere?

Kehrer: Ich möchte so früh wie möglich so viel wie möglich lernen. Ich will nicht bis zu meinem Karriere-Ende nichts machen außer Fußballspielen. In der Zeit, in der ich frei habe und körperlich regenerieren kann, will ich im Kopf aktiv bleiben.

Aber Sie spielen in der Champions League und der Nationalmannschaft. Außerhalb von Corona haben Sie ein volles Programm.

Kehrer: Das stimmt. Aber wenn man auf Reisen ist, bleibt immer noch Zeit. Viele schauen im Flugzeug oder im Hotel Serien und Filme. Ich habe für mich herausgefunden, dass ich etwas für meinen Kopf tun und mich weiterbilden will. Ich denke, es ist wichtig für junge Fußballer, sich nie auszuruhen und nur auf den Sport zu konzentrieren. Denn der Kopf ist auch im Sport ein wichtiges Instrument. Wenn man in der Regenerationszeit nur vor Bildschirmen sitzt, wenn man nur Playstation spielt, an der Glotze hängt oder aufs Handy und in die sozialen Medien schaut, ist das schlecht für das Gehirn. Weil es immer dieselben Reize sind. Ich bin überzeugt, dass peripheres Sehen im Fußball unabdingbar ist. Einfach, weil du den Ball und das gesamte Spielfeld jederzeit erfassen musst. Wenn du stundenlang immer nur auf Bildschirme schaust, hast du das nicht drin.

Also nutzt es auch Ihrer sportlichen Karriere?

Kehrer: Ja. Das ist nicht meine Hauptintention. Aber ein schöner Nebeneffekt. Man investiert in die Karriere so viel Zeit - insbesondere in Training, Pflege und Regeneration sowie Ernährung und Schlaf. Da sollte man in der restlichen Zeit so wenig wie möglich tun, was kontraproduktiv ist.

Okay, das ist ein Nebeneffekt. Aber was ist der Haupt-Antrieb?

Kehrer: Mir geht es auch darum, andere Themen zu verstehen und abseits des Platzes auf bestimmte Situationen und Problemstellungen vorbereitet zu sein. Es ist bekannt, dass Fußballprofis bei großen Vereinen Geld verdienen. Also werden viele Ideen und Investitionsmodelle an einen herangetragen. Ich habe schon einige Geschichten gehört von Kollegen, bei denen solche Dinge komplett in die Hose gegangen sind. Wenn man seine eigene Analyse machen kann, statt alles in fremde Hände zu geben, sinkt das Risiko, am Ende ein Eigentor zu schießen. Deshalb ist es wichtig, die Faktoren, die das beeinflussen, zu kennen und zu verstehen. Natürlich werde ich auch in Zukunft nicht alles alleine entscheiden. Ich habe ein Umfeld, das mich berät und werde mir auch die Meinung von Experten einholen.

Ist das für Sie in erster Linie ein zweites Standbein oder eine echte Berufs-Alternative für die Zeit nach der Karriere?

Kehrer: Das weiß ich noch nicht. Ich bringe erst mal die Seminare zu Ende und werde ganz sicher auch weitere Fortbildungen machen, um auch für die Zeit nach der Karriere bestmöglich vorbereitet zu sein. Aber bis dahin ist ja auch noch ein bisschen Zeit. (lacht)

Tauschen Sie sich mit Julian Draxler aus? Er ist im Verein wie im DFB-Team Ihr Kollege und hat ebenfalls die Seminare gestartet.

Kehrer: Schon. Aber eher allgemein, weniger über die konkreten Inhalte. Julian ist, so weit ich weiß, noch eher am Anfang der Seminare und ich will ihm nicht alle Antworten vorsagen. Er ist nämlich ein helles Köpfchen und stellt seine Fragen so, dass er alles rauskriegt. Aber er soll das schon alles selbst lernen. (lacht)

Wie reagieren die Kollegen, wenn man sich dem Zocken an der Playstation verweigert und sich stattdessen in ein BWL-Buch vertieft?

Kehrer: Es kommt schon vor, dass man komisch angeschaut wird. Aber eigentlich sehr selten. Ich muss auch sagen: Bei PSG oder in der Nationalmannschaft wird relativ wenig Playstation gezockt.

Und Sie spielen gar nicht?

Kehrer: Ich hatte mal eine Konsole. Aber beim Umzug nach Paris hat sie es nicht aus dem Karton geschafft. Wenn ein Freund oder Kollege fragt, spiele ich mal ein oder zwei Spiele mit. Das war es dann aber auch. Zu Hause habe ich zuletzt zu Schalke-Zeiten gespielt.

Außerdem nutzen Sie die unerwartete Freizeit auch, um Sprachen zu lernen.

Kehrer: Ja. Sprachen haben mich schon immer interessiert. Sie waren schon in der Schule meine besten Fächer. Mittlerweile spreche ich fließend Englisch und Französisch. Dazu interessieren mich Spanisch, Italienisch, Portugiesisch und auch Arabisch sehr.

ZUR PERSON: Thilo Kehrer (23), ist geboren in Tübingen. Im Alter von 15 Jahren wechselte er vom VfB Stuttgart zum FC Schalke 04 und schaffte dort den Sprung zum Profi. Im Sommer 2018 verpflichtete ihn Paris Saint-Germain für 37 Millionen Euro. Wenige Wochen später gab Kehrer sein Debüt in der A-Nationalmannschaft, wo er bisher auf sieben Einsätze kommt.

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