München

Löws Aufruf an die Welt: „Wir müssen uns hinterfragen”

Vorbildfunktion       -  Wird zur moralischen Instanz: Bundestrainer Joachim Löw (l) wurde per Video zur Pressekonferenz des DFB geschaltet.
Wird zur moralischen Instanz: Bundestrainer Joachim Löw (l) wurde per Video zur Pressekonferenz des DFB geschaltet. Foto: Thomas Böcker/DFB/dpa

Keine Länderspiel-Klassiker, kein Trainingslager, keine sommerlichen EM-Festspiele in München: Die größte Krisenlage des professionellen Fußballs zwingt auch Joachim Löw zur längsten Spielpause in seiner 14-jährigen Amtszeit als Bundestrainer.

Die Verschiebung des EM-Turniers im Zuge der Coronavirus-Pandemie um zwölf Monate auf den 11. Juni bis 11. Juli 2021 bezeichnete der 60-Jährige trotzdem als „völlig richtig und alternativlos”.

Die Auswirkungen auf die deutsche Nationalmannschaft sind wie so Vieles in diesen Zeiten nicht konkret abzusehen. Sportlich könnten sie für Löw sogar in ein Happy End münden: Der radikale Umbruch mit der kontrovers diskutierten Ausbootung nahezu aller Weltmeister von 2014 bis hin zu Mats Hummels, Thomas Müller und Jérôme Boateng im März 2019 erscheint plötzlich noch weitsichtiger.

Bis zum EM-Sommer 2021 kann die aufgefrischte DFB-Elf um neue, jüngere Führungskräfte wie Joshua Kimmich (25) und Serge Gnabry (24) sowie aktuelle Langzeitverletzte wie Leroy Sané (24) und Niklas Süle (24) weiter reifen - auch wenn die Spieler das vorrangig im Vereinstrikot tun müssen. Schließlich datiert das letzte Länderspiel, ein rauschendes 6:1 in Frankfurt gegen Nordirland mit dem dreifachen Torschützen Gnabry, vom 19. November 2019.

Löw wies im laufenden Umbruch-Prozess mehrfach darauf hin, dass die Generation Kimmich/Gnabry/Sané wohl erst bei der Heim-EM 2024 „auf dem Höhepunkt der Karriere” stehen werde. „Ich vergleiche das mit der Mannschaft von 2010, die plötzlich entstanden ist”, erinnerte der Bundestrainer. Die Generation um Lahm, Schweinsteiger, Khedira, Boateng oder Müller krönte ihre DFB-Ära 2014 mit dem WM-Titel.

Mitten in der Coronavirus-Krise will sich auch Löw bei einer Video-Pressekonferenz des DFB, zu der er von seinem Wohnort Freiburg zugeschaltet werden soll, zum turnierlosen Fußballsommer 2020 und den Konsequenzen zu Wort melden. In einem Statement hatte er das schon vorab getan: „Unsere Nationalspieler hätten natürlich wahnsinnig gerne die EURO im Sommer gespielt, was sie sich auch erarbeitet hatten. Jeder Sportler lebt doch für diese großen Spiele, für diese großen Turniere, die ein Land, einen ganzen Kontinent oder bei Weltmeisterschaften die ganze Welt begeistern.”

Löw selbst bleibt vorerst ein sehr gut bezahlter Kurzarbeiter. Die Situation, dass Verträge von Nationaltrainern meist nur bis zum nächsten Turnier laufen, betreffen den DFB und ihn nicht. Der ehemalige DFB-Präsident Reinhard Grindel hatte Löws Kontrakt schon vor der WM 2018 bis zum nächsten Weltturnier 2022 in Katar verlängert. Im Tagesgeschäft kann sich Löw aktuell nur mit seinem Stab beraten, wie es irgendwann weitergehen könnte. „Unsere Aufgabe ist es nun, die weitreichenden Folgen einzuordnen und an Lösungen zu arbeiten”, sagte Oliver Bierhoff, der Direktor des DFB-Teams. Das Problem dabei beschrieb der 51-Jährige gleich mit: „Es gibt für die aktuelle Situation kein Handbuch, keine Erfahrungswerte.”

DFB-Präsident Fritz Keller sagte: „Wir müssen nun lernen, in Szenarien zu denken.” Für die Nationalelf heißt das: Frühestens im Juni könnte es - wenn schon nicht EM-Kracher gegen Weltmeister Frankreich und Europameister Portugal in München - wenigstens Freundschaftsspiele geben. Denn die abgesagten Klassiker gegen Spanien und Italien „werden nun vorbehaltlich einer Lagebeurteilung in der Länderspielperiode Anfang Juni ausgetragen”, wie es seitens der UEFA hieß.

Ob es dazu kommt, weiß keiner. Und damit könnte Löw noch später sein 182. Länderspiel als Bundestrainer erleben: Am 3. September startet Deutschland mit einem Heimspiel gegen Spanien in die zweite Auflage der Nations League - sofern es das Corona-Virus zulässt.

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