GRAFENRHEINFELD

Schleierhaftes Plädoyer für die Atomkraft

Guido Knott, Vorsitzender der Geschäftsführung, von Preussen-Elektra misst der Atomkraft in Deutschland nach wie vor einen großen Beitrag für die Stromversorgung bei. Foto: Josef Schäfer

Ein überraschend offensives Plädoyer für die Atomkraft hat der Chef des Energieunternehmens Preussen-Elektra, Guido Knott, in Grafenrheinfeld (Lkr. Schweinfurt) gehalten. Sie leiste weiterhin einen spürbaren Beitrag zur Stromversorgung in Deutschland und habe dies vor allem im heißen Sommer bewiesen, als „die Windenergie in weiten Teilen schlappgemacht hat“. Das sagte Knott vor Vertretern der regionalen Politik und Verbänden im stillgelegten Atommeiler Grafenrheinfeld (KKG).

Im August hätten nur vier Prozent der Windräder im Norden Deutschlands zur Verfügung gestanden, während das AKW Brokdorf rund um die Uhr Elektrizität produziert habe, sagte Knott. Das zeige, dass die deutschen Atomkraftwerke für den Restbetrieb bis Ende 2022 noch gebraucht würden. „Unser wiedergewonnenes Selbstwertgefühl lassen wir uns nicht nehmen“, sagte Knott vor allem im Hinblick auf die Belegschaften der Kraftwerke.

Grüne: ein Drittel weniger Atomstrom

Widerspruch kommt vom Energieexperten der grünen Landtagsfraktion, Martin Stümpfig (Feuchtwangen). Auf Anfrage der Redaktion verweist er darauf, dass die Atomstrommenge in diesem Jahr in Bayern um zehn auf 21 Terrawattstunden gesunken sei. Der Sommer sei zwar recht windstill gewesen, dafür habe es aber „eine enorme Solarstromproduktion“ gegeben. Dagegen hätten AKW ihre Leistung drosseln müssen, weil nicht genügend Kühlwasser zur Verfügung gestanden habe. Solche Grundlastkraftwerke passten nicht mehr ins Energiesystem, sagt Stümpfig, der Knotts Aussagen schleierhaft nennt. An trüben und windstillen Tagen müssten Gaskraftwerke einspringen; für die Zukunft hofft Stümpfig auf verbesserte Speichermöglichkeiten.

Das bestätigt auch der Bundesverband Erneuerbare Energien. Der Leiter für Strategie und Politik, Carsten Pfeiffer, spricht von „Rekorderträgen der Photovoltaik“. Aus rein ökonomischen Gründen würden längst keine Atomkraftwerke gebraucht. Dieser Trend setze sich fort, weil Solar- und Windstrom immer günstiger werde. Der Mix der Erneuerbaren Energien, so Pfeiffer, bietet die Voraussetzung, dass diese Technologien „Systemverantwortung“ für die Stromerzeugung übernehme.

Derzeit betreibt Preussen-Elektra als Tochter des Energiekonzerns Eon noch drei aktive AKW. Zudem sind noch vier weitere am Netz. „Wir wollen mit unseren Anlagen bis zum letzten Tag produzieren“, kündigte Knott an. Dafür muss das Unternehmen allerdings frei gewordene Reststromkontingente von den Konkurrenten RWE und Vattenfall kaufen. Der Geschäftsführer machte aber auch deutlich, dass der Atomausstieg in Deutschland für ihn endgültig sei.

Engagement in den Emiraten

Dafür schärft Preussen-Elektra den Blick für das internationale Geschäft. Wie Knott sagte, habe man vergangene Woche einen Dienstleistungsvertrag mit dem Betreiber der vier neuen AKW in den Vereinigten Arabischen Emiraten geschlossen, die bald ans Netz gehen sollen. Darin sehe er auch berufliche Perspektiven für 30 bis 40 Fachkräfte aus dem eigenen Unternehmen. Der ehemalige Leiter des KKG, Reinhold Scheuring, ging noch weiter: Weltweit werde die Atomkraft einen „Push“ erfahren, weil ohne sie der globalen Erwärmung nicht zu begegnen sei.

Derweil gehen in Grafenrheinfeld die Vorbereitungen für den eigentlichen Rückbau weiter, von dem auch in den nächsten Jahren von außen kaum etwas zu sehen sein wird. Für das nächste Jahr kündigte Werksleiter Bernd Kaiser an, weitere Teile zu demontieren, die nicht mehr gebraucht werden. Es werden Freiflächen geschaffen, um dort Gerätschaften für den Rückbau aufzustellen und Abbaumaterial lagern zu können. Der intensive Rückbau beginnt Ende 2020, wenn die letzten Brennstäbe aus dem Reaktorgebäude ins Zwischenlager auf dem Werksgelände gebracht worden sind.

Baukräne in Grafenrheinfeld

Jedes Bauteil aus dem nuklearen Bereich wird demnach auf Koffergröße gebracht, damit es in die so genannte Freimessungsanlage passt. Dort wird untersucht, ob daran noch Radioaktivität über den festgelegten Grenzwerten anhaftet. Erst nach der erfolgreichen Freimessung könne das Material recycelt oder deponiert werden.

Trotz der Rückbauplanung gibt es am AKW Grafenrheinfeld große Bautätigkeit. Vor dem Zwischenlager für verbrauchte Brennelemente werden zwei zusätzliche Mauern hochgezogen, die vor terroristischen Anschlägen schützen sollen. Daneben entsteht eine weitere Halle, in der schwach- und mittelradioaktives Material aus dem Rückbau lagern und so lange dort bleiben soll, bis das dafür vorgesehene Endlager in Schacht Konrad aufnahmebereit ist. Dies ist laut Werksleiter Bernd Kaiser in 2027 zu erwarten.

Rückbauende 2040

Insgesamt hat der Mutterkonzern Eon laut Knott zehn Milliarden Euro aus den Rückstellungen freigegeben, um die sieben Preussen-Elektra-AKW abzureißen. 2040 soll der nukleare Abbau beendet sein. Für Grafenrheinfeld plant man dieses Stadium für 2033; die Kosten für den Rückbau werden auf 1,2 Milliarden Euro taxiert.

Rückblick

  1. Monumente der Atomenergie
  2. KKW Grafenrheinfeld: Kritik an Abgabewerten der radioaktiven Belastung von Abwässern
  3. Rückbau im AKW Grafenrheinfeld: Die letzten Brennelemente
  4. Zwischenlager in Grafenrheinfeld: Betreiber will offen sein
  5. Brandschutz im AKW Grafenrheinfeld: Ehrenamtliche gefordert
  6. AKW: Kritik am Abbau der Werksfeuerwehr
  7. KKG Grafenrheinfeld: Zwischenlager ist jetzt in Bundeshand
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  10. Jahresrückblick: Rückbau des AKW hat begonnen
  11. Schleierhaftes Plädoyer für die Atomkraft
  12. Mauerbau am Zwischenlager in Grafenrheinfeld
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  14. Klage soll AKW-Rückbau sicherer machen
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  23. Unbehagen nach Abrissplänen für AKW–Türme
  24. Der Fall der Kühltürme weckt wenig Emotionen
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  28. Rückblick 2017: AKW - Transparenz beim Rückbau
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