Fussball: 2. Bundesliga

Unangenehmer Gang in die Nordkurve

Der 1. FC Nürnberg rutscht durch das 0:2 gegen Wehen auf den Relegationsplatz und läuft Gefahr, in die 3. Liga durchgereicht zu werden.
Früher Anfang vom Ende: Wehens Torjäger Manuel Schäffler (rechts) überlupfte den Nürnberger Torwart Felix Dornebusch. Foto: Daniel Karmann, dpa

Jens Keller kannte kein Pardon. Mit energischen Gesten beorderte er die zögernden Profis des 1. FC Nürnberg nach der 0:2 (0:1)-Niederlage gegen den bisherigen Tabellenletzten SV Wehen-Wiesbaden vor die Nordkurve und schritt selbst voran. Kein angenehmer Gang, aber ein für den Trainer selbstverständlicher. "Wir müssen den Fans zeigen, dass wir uns der Situation stellen. Wenn wir uns verpissen, machen wir alles nur noch schlimmer. Wir brauchen ihre Unterstützung", erläuterte Keller sein Vorgehen.

Vorerst ist der Kredit bei den lange geduldigen Ultras aufgebraucht. "Wir ham' die Schnauze voll", sangen sie voller Zorn. Spieler und Trainer bekamen in den zehn Minuten am Zaun noch deutlich Härteres zu hören. "Jeder muss das für sich verarbeiten. Aber natürlich findet es keiner toll, beschimpft zu werden", gab Außenverteidiger Tim Handwerker zu, der für den verletzten Oliver Sorg in die Startelf gerückt war.

Kein Zweifel, der Club ist im Abstiegskampf der 2. Bundesliga angekommen. Und er läuft Gefahr, in die 3. Liga durchgereicht zu werden. Das besagt nicht nur der Relegationsplatz, auf den die Nürnberger nach dem siebten Spiel ohne Sieg gerutscht sind, das verdeutlichte auch die erschreckend schwache Leistung vor 28 167 Zuschauern.

Die schöne Marketingidee, ein Trikot herauszubringen, das der Kleidung des weltbekannten Nürnberger Christkinds nachempfunden ist, ging auf dem Rasen nach hinten los. Das Christkind gilt als Symbol für Reinheit und Unschuld; die Club-Profis agierten in ihrem weißen Jersey, das neun Silbersterne für die neun deutschen Meisterschaften des FCN ziert, mit Naivität und Nervosität. Und sie verteilten, wie das Christkind, Geschenke.

Zwei Mal ein schnelles Gegentor

Zwei schnelle Gegentore zu Beginn beider Halbzeiten verkraftete die Mannschaft nicht. Einen Pass durch die Nürnberger Abwehr nutzte Wehens Torjäger Manuel Schäffler in der vierten Spielminute per Lupfer zu seinem elften Saisontreffer. Das zunächst aberkannte Tor zählte nach Videobeweis, weil Enrico Valentini nicht reagiert und das Abseits aufgehoben hatte. Grotesk mutete das 0:2 in der 48. Minute an: Erst irritierten sich Johannes Geis und Hanno Behrens gegenseitig, dann lief der neue Torwart Felix Dornebusch unnötig heraus und Wehens Daniel Kofi Kyereh hob den Ball von der Seite weit ins verlassene Gehäuse.

"Unser Spiel war viel zu fehlerhaft", fasste Trainer Keller zusammen. Eine Reaktion fiel dem Club ungemein schwer. 66 Prozent Ballbesitz brachten nichts, weil der Spielaufbau meist von bedrückender Schlichtheit war. Krasse Fehlpässe und missratene Flanken legten das angegriffene Nervenkostüm vieler Spieler offen. Automatismen? Fehlanzeige. Erst in der Schlussphase beider Spielhälften kam  Nürnberg zu wenigen Chancen, die Michael Frey (39., 77., 89.) und Sebastian Kerk (43.) aber nicht verwerteten. "Wir haben die Tore nicht erzwungen", wusste Keller.

Ich bin überzeugt, dass die Qualität da ist - aber wir zeigen sie nicht.
Jens Keller, Trainer des 1. FC Nürnberg

Schiedsrichter Sascha Stegemann nahm nach Videobeweis sogar einen Strafstoß für Wehen zurück, weil Lukas Mühl zunächst von Kyereh gefoult worden war, bevor er selbst hinlangte (63.). Nicht einmal das gab dem Club Auftrieb. "Wir haben die Basics der Liga auf den Platz gebracht", sagte Wehens Trainer Rüdiger Rehm nach dem zweiten Auswärtssieg für den Aufsteiger. Diese Grundtugenden, Zweikampfstärke und Aggressivität, vermisste Keller bei seiner Mannschaft.

Ein Punkt, kein Tor in zwei Spielen - der Trainerwechsel in Nürnberg hat keinen schnellen Effekt gebracht. "Ich bin überzeugt, dass die Qualität da ist - aber wir zeigen sie nicht", sagte Keller. Die Aufräumungsarbeiten nach der Trennung von seinem Vorgänger Damir Canadi sind längst nicht beendet. Die Doppel-Sechs mit den beiden Leitfiguren Geis und Hanno Behrens schwächt die Mannschaft eher, als sie sie stärkt. Defensiv sind beide anfällig, offensiv fehlten ihre Gestalter-Qualitäten. Kapitän Behrens sollte zurück hinter die Spitzen; Geis bräuchte einen stärkeren Zweikämpfer neben sich, als er es selbst ist.

Viel Zeit bleibt nicht mehr, wenn der Club nicht schon wieder eine Winterpause auf einem Abstiegsplatz erleben will. "Es ist eine sehr schwere Situation, wir müssen jetzt zusammenstehen", sagte Geis. "Wir spielen jetzt in Stuttgart und haben dann zwei Heimspiele gegen Kiel und Dresden. Da müssen wir alles reinhauen, keine Frage."

Rückblick

  1. Jens Keller und sein Matchwinner Robin Hack
  2. Robin Hack macht den Unterschied
  3. Kieler Ausgleich sorgt für Entsetzen beim Club
  4. Der Club wirkt gezeichnet vom Abstiegskampf
  5. Die Nürnberger Talfahrt geht weiter
  6. Keller sieht keinen Anlass für Panik
  7. Unangenehmer Gang in die Nordkurve
  8. Ein 0:0, das niemand richtig glücklich macht
  9. Geis hat keine Angst vor Pfiffen
  10. Rachid Azzouzi: "Wir haben  hohe Ansprüche an uns selbst"
  11. Wo Jens Keller beim Club ansetzen muss
  12. Das Maß war einfach voll
  13. Marek Mintal springt beim Club ein
  14. Nürnberger Krise verschärft sich in Bochum
  15. Der Club und die nervigen Achterbahnfahrten
  16. Pokal-Drama endet mit Club-Aus
  17. Der Club kann kein Ergebnis sichern
  18. Die Großzügigkeit von Johannes Geis
  19. Aues Torwart nimmt Vorwürfe an den Club zurück
  20. Club verliert ein verrücktes Spiel
  21. Eine Premiere für Georg Margreitter
  22. Trotz des verpassten Sieges: Auf dem Weg zum Canadi-Club
  23. Club bringt sich um Lohn für starken Auftritt
  24. Der Club auf dem Weg aus der Krise: Geis trifft zum Sieg
  25. Die Nürnberger Baustelle
  26. Erschreckend schwacher Club
  27. Wie Michael Köllner Spieler entwickelt
  28. Die Nürnberger Schwäche liegt im System
  29. Warum Johannes Geis zum Club ging
  30. Der Club holt Mittelfeldspieler Johannes Geis
  31. Fast alles neu beim 1. FC Nürnberg
  32. Nürnberger Fans nehmen dem Club Abstieg nicht übel
  33. Damir Canadis Auftrag: Zurück in die Bundesliga
  34. Ein Österreicher als neuer Coach des 1. FC Nürnberg?
  35. Ein Nürnberger Abstieg in Harmonie
  36. Kommentar zum Club: Warum der Wiederaufstieg das Ziel sein muss
  37. Nach 0:2 in Wolfsburg: Dem Club helfen nur noch zwei Siege
  38. 1. FC Nürnberg: Verhängnisvolle Zentimeter
  39. FC Bayern: Kovac sieht noch drei Endspiele
  40. Der Club verpasst die Derby-Sensation
  41. Warum Robert Palikuca auf noch sieben Club-Spiele hofft
  42. Die Leistung gegen Schalke gibt Nürnberg Mut
  43. Club-Kapitän Hanno Behrens als tragische Figur
  44. Dem 1. FC Nürnberg fehlt es an Kaltschnäuzigkeit und Klasse
  45. 1. FC Nürnberg findet endlich einen neuen Sportchef
  46. FCN: Was kann der 3:0-Erfolg gegen Augsburg noch bewirken?
  47. 1. FC Nürnberg: Erfolgsmeldung aus der Stadtbücherei
  48. Heißer Kandidat für den Club-Sportvorstand
  49. 0:1 gegen Leipzig: Der Club-Abstieg rückt näher
  50. Christian Mathenia: Die Leiden des Leidenschaftlichen

Schlagworte

  • Hans Strauß
  • 1. FC Nürnberg
  • Bundesligen
  • Deutsche Meisterschaften
  • Elfmeter
  • Fußball
  • Gefahren
  • Happy smiley
  • Jens Keller
  • Johannes Geis
  • Nervosität
  • Trainer und Trainerinnen
  • Videobeweis
  • Zorn
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!