Buenos Aires

In der Hand Gottes: Argentinien nimmt Abschied von Maradona

Gedenken       -  Der Sarg von Diego Maradona im Regierungspalast in Buenos Aires.
Foto: ---/Presidencia Argentina/dpa | Der Sarg von Diego Maradona im Regierungspalast in Buenos Aires.

Sie kamen zu Tausenden, sie weinten, schrien, jubelten. In Trikots mit der magischen Nummer zehn, mit roten Rosen, alten Fotos. Die Bestürzung hinter Corona-Masken verborgen.

Der Regierungspalast von Buenos Aires wurde am Tag nach dem Tod von Diego Armando Maradona zur Pilgerstätte in skurriler Szenerie. Um zum aufgebahrten Leichnam ihres Idols vordringen zu können, warteten die trauernden Argentinier in abgesperrten Bereichen und langen Schlangen, Kameras übertrugen die Bilder in die ganze Welt. Viele bekreuzigten sich im Vorbeigehen oder warfen ihre Blumen und Trikots neben ihre verstorbene Ikone. Sie riefen: „Danke Diego”, oder „Ich liebe dich, Diego”.

Gegen Ende der Totenwache kam es zu chaotischen Szenen. Weil sie befürchteten, nicht mehr zu dem Sarg ihres Idols vorgelassen zu werden, verschafften sich einige Fans mit Gewalt Zugang zur Casa Rosada. Die Polizei setzte Tränengas ein, um die Menge zu zerstreuen. Im Inneren des Regierungssitzes wurde Maradonas Sarg in einem anderen Raum in Sicherheit gebracht.

Auch auf den Straßen vor der Casa Rosada kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Aufgebrachte Fans schleuderten Steine und Flaschen auf die Polizei, die Beamten feuerten Gummigeschosse in die Menge und setzten Wasserwerfer ein. Schließlich wurden die Pforten des Regierungssitzes geschlossen und der Sarg sollte zur Beisetzung auf einem Privatfriedhof in einem Vorort von Buenos Aires gebracht werden.

„Es ist unheimlich schade, unfassbar traurig. Er war ein begnadeter Fußballer”, sagte Franz Beckenbauer im fernen Deutschland „Sport1”. Die deutsche Fußball-Ikone trauerte um den immerzu auf dem schmalen Grat tänzelnden Argentinier wie die ganze Welt. Weit über den Sport hinaus. Auf der anderen Seite des Atlantiks, in Neapel, wo Maradona ebenso gottgleich verehrt wird, erhellten bengalische Lichter die Nacht zum Donnerstag.

„Er war ein außergewöhnlicher Spieler. Wir stehen für immer in seiner Schuld”, sagte Argentiniens Staatschef Alberto Fernández im Fernsehsender TyC Sports. Im Stadion der Boca Juniors, bei denen Maradona entscheidende Schritte zum Weltstar gemacht hatte, brannte in der Nacht nur ein Licht - in der Loge Maradonas.

„Was Diego für den Fußball und dafür getan hat, dass wir uns alle in dieses schöne Spiel verliebt haben, ist einzigartig”, sagte FIFA-Präsident Gianni Infantino. Der Argentinier, der mit so vielen Höhen und Tiefen eigentlich zu viel für ein einziges Leben erlebt hatte, war am Mittwoch im Alter von nur 60 Jahren in seinem Haus in Tigre an einem Herzinfarkt gestorben.

Fast unmittelbar nachdem die Nachricht die Welt schockiert hatte, waren in Buenos Aires zahlreiche Menschen auf die Straßen geströmt, um gemeinsam zu trauern. Die Sorgen der Corona-Pandemie wurden zurückgestellt. Vor dem Boca-Stadions La Bombonera und dem Obelisken im Stadtzentrum entzündeten sie Kerzen und legten Blumen nieder.

„Er ist eine Legende. Wir werden ihn vermissen”, sagte eine Frau namens Patricia im Fernsehsender TN. Sie saß vor dem Stadion-Eingang auf dem Boden, umarmte ihren Sohn und kämpfte mit den Tränen. „Er wird als der Größte in Erinnerung bleiben.” Auf elektronischen Anzeigetafeln über der Stadtautobahn und in U-Bahn-Eingängen war zu lesen: „Danke Diego”.

In Neapel, wo Maradona von 1984 bis 1991 eine Ära geprägt hatte, wurde ein meterhohes Wandgemälde zur Trauerstätte. „Neapel trauert - Ciao Gott des Fußballs”, stand auf einem Schild, das ein Mann an einer Tür anbrachte. Bis heute sind ihm die Menschen in der armen Region dankbar dafür, dass er den SSC Neapel 1987 und 1990 zu den bis heute einzigen Meisterschaften der Vereinsgeschichte und 1989 zum Gewinn des UEFA-Pokals geführt hat.

Vor dem Europa-League-Spiel gegen NK Rijeka liefen am Donnerstagabend alle Spieler des SSC Neapel mit der Nummer 10 auf dem Rücken und dem Namenszug des früheren Napoli-Stars ins Stadion ein. Vor dem Anpfiff gab es zudem eine Schweigeminute für den Argentinier, dessen Bild auf der Anzeigetafel des leeren Stadions zu sehen war.

„Er verlässt uns, aber er geht nicht weg, weil Diego ewig ist”, schrieb Lionel Messi, Maradonas legitimer Nachfolger als Fußballheld, bei Instagram neben einem gemeinsamen Foto. „Ich behalte all die schönen Augenblicke in Erinnerung, die ich mit ihm erlebt habe.”

Die Fehlschläge abseits des Rasens wurden erwähnt, sie spielten aber keine Rolle mehr. Die selbst verschuldeten gesundheitlichen Probleme, der Drogenkonsum, die Dopingsünden, Liebschaften, Verbindungen ins kriminelle Milieu. „Er hatte Probleme, die konnte er ja nicht verbergen. Aber so, wie ich ihn kennengelernt und erlebt habe - Respekt und alle Achtung”, sagte Beckenbauer, den viele gemeinsame Auftritte mit Maradona verbinden. „Ich habe gesagt: Das ist kein Fußballer, das ist ein Künstler! Ein Tänzer!”, berichtete er vom ersten Aufeinandertreffen in den 1970er-Jahren. Das habe er „überhaupt noch nicht gesehen. Er war ein Genie der damaligen Zeit - in den 70er und 80er Jahren der beste Fußballer der Welt!”

Nach dem Ende seiner Profikarriere trainierte Maradona die argentinische Nationalmannschaft, Al-Fujairah SC aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und den mexikanischen Zweitligisten Dorados Sinaloa. Mit mäßigem Erfolg. Im vergangenen Jahr übernahm er schließlich den Erstligisten Gimnasia y Esgrima La Plata in seinem Heimatland Argentinien.

Auch vor dem Stadion seines letzten Clubs kamen Maradonas Anhänger am Mittwoch zusammen, um Abschied zu nehmen. „Wir hatten das Glück, dass das Schicksal uns seine letzten Monate hier bei uns geschenkt hat”, sagte ein Fan im Fernsehen. „Ich verspüre großen Schmerz. Ich kann es immer noch nicht glauben.”

© dpa-infocom, dpa:201126-99-467459/10

Trauer       -  Kerzen und Blumen liegen vor dem San-Paolo-Stadion zum Gedenken an Maradona.
Foto: Alessandra Tarantino/AP/dpa | Kerzen und Blumen liegen vor dem San-Paolo-Stadion zum Gedenken an Maradona.
Trauer in Buenos Aires       -  Argentinische Fußballfans trauern in Buenos Aires mit Fahnen des Clubs Boca Juniors um Diego Maradona.
Foto: Fernando Gens/dpa | Argentinische Fußballfans trauern in Buenos Aires mit Fahnen des Clubs Boca Juniors um Diego Maradona.
Trauer       -  Ein Junge kniet vor einem mit Kerzen dekorierten Wandbild von Diego Maradona in Argentinien.
Foto: Marcos Brindicci/AP/dpa | Ein Junge kniet vor einem mit Kerzen dekorierten Wandbild von Diego Maradona in Argentinien.
Halbmast       -  Die argentinische Flagge auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires weht auf Halbmast.
Foto: Victor Carreira/telam/dpa | Die argentinische Flagge auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires weht auf Halbmast.
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