OBERLEICHTERSBACH

Im Rhöner Velodrom

DSC_9617       -  War mit knapp 130 Kilometern in drei Stunden der Tagesbeste der Einzelwertung: Sebastian Lorenz. Foto: Jürgen Schmitt
War mit knapp 130 Kilometern in drei Stunden der Tagesbeste der Einzelwertung: Sebastian Lorenz. Foto: Jürgen Schmitt

Das Velodrom in Oberleichtersbach hat keine Bahn aus sibirischer Fichte. Keine steilen Kurven. Die Schulturnhalle ist ein Zweckbau. Licht aus Neonröhren-Leisten. Backsteinmauern und Holzvertäfelung. Rad gefahren wird auf einem Kunstrasen-Teppich. Auf der Stelle. In L-Form aufgereiht stehen 14 Räder. Das Vorderrad auf einem Holzgestell fixiert, das Hinterrad mobil auf einer Rolle. Durchweg 26-Zoll-Reifen, um Chancengleichheit zu wahren. Ein Tacho misst die Kilometerleistung. Über 12 1/3 Stunden wird dieses sehr spezielle Rennen gehen. Pro Team vier Fahrer. Gewechselt wird nach exakt 60 Minuten. Drei Stunden insgesamt sitzt also jeder Pedaleur im Sattel. Strampelt, was das Zeug hält, um für sich und das Team möglichst viele Kilometer zu schaffen. In den finalen 20 Minuten wird gesprintet. In kurzen Intervallen investieren die Fahrer die allerletzten Energie-Reserven. Dazu Musik, die in Disco-Lautstärke aus den Boxen kommt. Action.

Sebastian Lorenz sitzt auf seinem Rad wie festgezurrt. Nahezu bewegungslos. Mit Ausnahme der Beine, die im gleichmäßigen und kraftvollen Rhythmus die Rolle zum Surren bringen. Zum ersten Mal nimmt der 37-Jährige an einem Rollenrennen teil, fährt für das Team „Black Mounties“ um Karl Bienmüller, der die Veranstaltung mit Stephan Klaus, Werner Kessler, Dieter Bienmüller, Roland Zehner, Stefan Hahn, Stefan Schaab, Andreas Zink und Andreas Schubert sowie vielen Helfern samt Sponsoren aufgezogen hat. „Ich habe hohe Erwartungen an mich, will die 40 Kilometer packen. Und ich konnte die hohe Frequenz auch halten“, sagt der Anlagen-Bauer. 44,52 Kilometer hatte Sebastian Lorenz in seiner ersten „Schicht“ geschafft. Ein Wert, der an diesem Tag nicht mehr erreicht werden sollte. Erst in den letzten fünf Minuten war der verheiratete Vater zweier Kinder aus dem Sattel gegangen.

Stoiker im Sattel

Sebastian Lorenz neigt nicht zu übertriebener Mimik oder Gestik, sitzt fast stoisch auf seinem Sportgerät. Schaut nur ab und an auf seine Polaruhr oder greift zur Trinkflasche mit isotonischem Inhalt. Je mehr der Schweiß perlt, umso häufiger geht der Griff zum Handtuch zwischen den Lenkergriffen. Ein Ventilator ersetzt den Gegenwind, bringt zumindest ein bisschen Erfrischung. „Ich will nicht abgelenkt werden und auch nicht reden. Die Musik genügt mir gegen die Langweile.“ Der gebürtige Meininger ist ein Hobbyfahrer mit Anspruch. „Ich mache mir selber Druck, weil ich mir was beweisen will. Und ich wollte hier nur dann fahren, wenn ich die 40 Kilometer in der Stunde packe.“ Als Sechsjähriger kam Lorenz zu einem Radsportverein. „Mit neun Jahren hatte ich aber keine Lust mehr. Durch die Gemeinschaft hier in Oberleichtersbach bin ich aber wieder zum Radfahren gekommen.“ Unter der Woche ist der Wahl-Rhöner auf Montage unterwegs, im Großraum Frankfurt für die Firma Minimax. Das Wochenende gehört der Familie – und dem Sport. Die eigene Fitness ist Sebastian Lorenz wichtig. Im März steht sein erstes BraveheartBattle auf dem Programm. „Letztes Jahr hatte ich in Bischofsheim zugeschaut. Dann bin ich heim und habe mich für 2017 angemeldet.“

Langweilig wird es in den Pausen nicht. Man kennt und schätzt sich innerhalb der Rhöner Radsport-Gemeinde. Die gute Verpflegung unterstützt das gemütliche Ambiente. Eine Portion Spaghetti gönnt sich Sebastian Lorenz vor seinen zweiten 60 Minuten, im Sattel gibt es noch ein halbes Energie-Gel. „Ich habe mit einem 44-er Schnitt begonnen, den ich nicht ganz halten konnte. Die ersten fünf Kilometer waren top, dann hat es allmählich weh getan“, berichtet der 37-Jährige. 43,23 Kilometer werden schließlich abgelesen. Ein Wert, den nur Karl Bienmüller (43,4) und Ralf Wiegand toppen konnten (43,31). Um 17 Uhr beginnt Phase drei. „Mit einem 42-er Schnitt will ich anfangen und den auch halten“, kündigt Lorenz an. Qual und Qualität kommen sich immer mehr ins Gehege. Nach 30 Minuten ist das Trikot halboffen, die Schweiß-Perlen werden größer, platzen schneller. Mechanisch wirkt der Griff zur Flasche. Immer wieder Lockerungsübungen für die Arme, den Blick nach unten oder ins Nirgendwo gerichtet.

Wie die Wackeldackel

Während bei anderen Teilnehmern der Oberkörper die der Anstrengung geschuldete Mobilität eines Wackeldackels bekommt, passt die Haltung bei Sebastian Lorenz, und damit die Kraftübertragung. Die finalen sechs Minuten geht es wieder aus dem Sattel. Der Sprint mit den Teamkollegen ist die letzte Zugabe. 42,19 Kilometer hatte Sebastian Lorenz diesmal zurückgelegt. Macht 129,94 Kilometer in 180 Minuten: Tagesbestwert. In drei Stunden ist der 37-Jährige quasi von Oberleichtersbach nach Frankfurt/Main geradelt. „Ich hatte gute Beine und hab durchgezogen. Respekt vor allen Leuten, die das hier organisieren und mitfahren.“ Das Velodrom in Oberleichtersbach ist bestimmt nicht das modernste. Besitzt aber jede Menge Charme – und hat sich für weitere Veranstaltungen dieser Art wärmstens empfohlen.

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