Fussball: 2. Bundesliga

Eine Mannschaft in labiler Verfassung

6:0 und 0:6 binnen vier Tagen: Mal wieder hat der 1. FC Nürnberg etwas geschafft, was im deutschen Profifußball einmalig ist. Nun droht eine unliebsame Saisonverlängerung.
Am Boden: Club-Spieler Fabian Nürnberger nach dem Abpfiff am Sonntag.
Am Boden: Club-Spieler Fabian Nürnberger nach dem Abpfiff am Sonntag. Foto: Daniel Karmann

Lange Rekordmeister, längst aber Rekordabsteiger: Am Sonntag hat der 1. FC Nürnberg mal wieder etwas geschafft, was im deutschen Profifußball einmalig ist. Nach einem 6:0-Sieg das nächste Spiel mit 0:6 zu verlieren, das hat es laut der Datenbank des Senders Sky noch nicht gegeben. Wenn man nach Erklärungen für diese Extreme binnen von vier Tagen sucht, dann kann man mit der unterschiedlichen Güte der beiden Gegner beginnen.  Der SV Wehen-Wiesbaden hatte am Dienstag letzter Woche einfach nicht die Klasse des VfB Stuttgart und auch nicht das Spielglück der Schwaben, die am Sonntag zudem höchst effizient in ihrer Chancenverwertung waren.   

Klar konnte man gegen den VfB verlieren, aber nicht so. Was einen zur labilen Verfassung der Nürnberger Mannschaft bringt, die sich durch die ganze Zweitliga-Saison zieht und nun ihren negativen Höhepunkt erreicht hat. Der Neuaufbau nach dem Bundesliga-Abstieg ging komplett in die Hose. Baustellen, wohin man blickt. Es fehlt an Tempo, an fußballerischer Klasse, an verlässlichen Leitfiguren und an einem Stürmer, der knipst. Ohne die zehn Treffer von Mittelfeldspieler Robin Hack sähe es noch düsterer aus, als es ohnehin ist. Ein funktionierendes Spielsystem, in dem sich alle wohlfühlen und zurechtfinden, konnte weder Damir Canadi noch sein Nachfolger Jens Keller installieren. Entsprechend statisch ist das Aufbauspiel, mit dem der Club eine leichte Beute für gegnerisches Pressing und Umschaltspiel wird, wie es vom VfB exzellent demonstriert wurde.  

Aber natürlich erhärtete sich auch der Vorwurf der mangelnden Einstellung. Nach dem Derby-0:1 gegen Greuther Fürth war er  schon laut geworden, Keller dementierte, schien durch den Kantersieg in Wiesbaden bestätigt zu werden. Nun musste er beispielsweise erleben, wie die beiden aus der Not zu Stammspielern beförderten Nachwuchskräfte Tim Handwerker und Fabian Nürnberger so lässig an der eigenen Eckfahne herumstanden, als warteten sie auf einen sonntäglichen Coffee-to-go.  Den schenkte Stuttgarts Sasa Kalajdzic aber nicht aus, vielmehr flankte er ungehindert zum vierten VfB-Treffer. "Viele Spieler sind einfach weggebrochen, das darf nicht passieren", sagte Keller. Das ließ sich auch nicht damit rechtfertigen, dass das Selbstvertrauen durch zwei schnelle Gegentore "schon nach 20 Minuten weg" gewesen sei. Torwart Christian Mathenia sagte, er schäme sich für die Leistung der Mannschaft.

"Wir haben es in der eigenen Hand, aber wir müssen ein anderes Gesicht zeigen."
Club-Trainer Jens Keller

Gleich am Montag wollte Keller die höchste Heimniederlage in der Bundes- und Zweitliga-Geschichte des FCN - neben einem weiteren 0:6 aus dem Jahr 1984, ebenfalls gegen Stuttgart -  "knallhart analysieren". Ab diesem Dienstag soll die Konzentration dann dem letzten Spiel am Sonntag in Kiel gelten. Wenn der Club dort nicht gewinnt, kann der Karlsruher SC mit einem Sieg in Fürth noch für eine unliebsame Nürnberger Saisonverlängerung in der Relegation gegen den Tabellendritten der 3. Liga sorgen.

Während sich der Club das Torverhältnis verdarb, holte der KSC einen 0:3-Rückstand gegen Meister Bielefeld mit Hilfe von zwei verwandelten Elfmetern auf. Worauf Kellers Ansprache an die eigene Mannschaft zielen wird, nahm er am Sonntag schon vorweg: "Wir haben es in der eigenen Hand, aber wir müssen ein anderes Gesicht zeigen." Wenn das so einfach wäre. Der Club muss tatsächlich aktiv versuchen, es selbst zu richten. Ob ihm das auch gelingt, ist seit Sonntag sehr fraglich.  Auf das pikante  Thema, dass ausgerechnet Lokalrivale Fürth das Zünglein an der Waage sein könnte, wollte Keller nicht einsteigen. Personell bleiben ihm zwei Varianten, die vielleicht mehr Stabilität in und vor die Abwehr bringen könnten. Konstantinos Mavropanos könnte bis Sonntag fit werden, Patrick Erras ist nach seiner Gelb-Sperre wieder dabei.   

Gegensätzliche Gefühlswelt: Der Stuttgarter Trainer Pellegrino Matarazzo (links) jubelte nach dem Abpfiff mit seiner Mannschaft über den Aufstieg. 
Gegensätzliche Gefühlswelt: Der Stuttgarter Trainer Pellegrino Matarazzo (links) jubelte nach dem Abpfiff mit seiner Mannschaft über den Aufstieg.  Foto: Daniel Karmann

Die Gefühlswelt beim VfB Stuttgart war am Sonntag eine ganz andere als die des FCN. Die Gesänge aus der Kabine waren im leeren Stadion gut zu hören. Der Busfahrer musste ein paar Mal auf die Hupe drücken, bis die Mannschaft endlich zur feucht-fröhlichen Rückfahrt einstieg. Das späte Heidenheimer Siegtor gegen den Hamburger SV hatte Stuttgart nach der verlorenen Relegation gegen Union Berlin vor einem Jahr urplötzlich sicher zurück ins Oberhaus gebracht.  Drei Punkte und elf Tore Vorsprung gegenüber Heidenheim sind nur noch theoretisch zu verspielen. "Ich bin sehr stolz darauf, was die Mannschaft in den beiden letzten Spielen geleistet hat", sagte Trainer Pellegrino Matarazzo, der mit seinen Profis tanzte. Bei den beiden klaren Siegen gegen Sandhausen und Nürnberg legte der VfB im richtigen Moment urplötzlich allen Wankelmut ab und zeigte jenen "Spirit", den sich der US-Amerikaner wünscht. Sein erster Cheftrainer-Vertrag war allen Zweiflern zum Trotz schon vor dem geglückten Saisonfinale verlängert worden.      

Elf Jahre lang hat Matarazzo beim Club gearbeitet, für die Amateure gespielt und verschiedene Jugend-Mannschaften trainiert, bis er 2017 wegging. Von ihm gefühlige Aussagen zum FCN-Situation zu erwarten, war dennoch zu viel erwartet. "Natürlich möchte man, dass der Club in der zweiten Liga spielt", sagte er nur. Sein Kopf war voll mit anderen Emotionen. 

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