KICKBOXEN

Glücklich, wenn die Energie auf null steht

Dass der Besuch eines Fast-Food-Restaurants vor einem Wettkampf nicht unbedingt förderlich ist, weiß Manuel Leist inzwischen. Am Anfang seiner Karriere allerdings siegte noch der Hunger über die Vernunft. Mit zu vielen Chicken Wings im Magen ging sein erster Auftritt im Kickbox-Ring in die Hose. Seitdem allerdings hat der 28-Jährige nicht nur in Sachen Ernährung hinzugelernt. Und das mit Erfolg: seit Kurzem ist der Augsfelder als Profi in der Kickbox-Szene unterwegs.

Auf dem flachen Land kommen sportbegeisterte Jugendliche am Fußball kaum vorbei. Das galt auch für Manuel Leist. Schon mit zwölf Jahren aber verließ der Augsfelder den Fußballplatz und kehrte dem Sport komplett den Rücken. Unausgelastet ging er nicht nur seiner Familie auf die Nerven, bis ihn 2010 ein Arbeitskollegen mit zum „Fightclub Schonungen“ brachte – die erste Begegnung mit dem Kickboxen.

Misslungene Premiere

„Ich bin dann sehr schnell süchtig geworden“, erklärte Leist, der anfangs drei bis viermal pro Woche im Ring und an den Kraft gebenden Geräten traininerte. Und schon nach einem Jahr stand der erste Kampf bei den Bayerischen Meisterschaften in Schweinfurt an. Der geriet allerdings – wie eingangs geschildert – komplett zum Fiasko: Die Nervosität war mindestens so groß wie der Hunger. Da im Kampfsport dem eigentlichen Wettkampf das Wiegen vorausgeschickt wird, empfiehlt es sich, mit leerem Magen auf die Waage zu treten, um für die eigene Gewichtsklasse nicht disqualifiziert zu werden. Also hieß die Reihenfolge: Erst auf die Waage und dann ins Restaurant. „Das war aber definitiv eine dumme Entscheidung“, wusste Leist spätestens nach den drei Runden im Ring. Ein voller Bauch ist eher hinderlich, wenn es um sportlichen Erfolg geht. „Ich konnte meine Leistung nicht abrufen und habe nach Punkten verloren.“ Die Handschuhe in die Ecke zu werfen, kam für ihn aber nicht in Frage, ganz im Gegenteil: „Aufgeben war für mich kein Thema. Diese Niederlage hat mich eher richtig motiviert.“

Leist gab seinen Beruf als Metallbauer auf, absolvierte ein Studium zum Sportfachwirt und war nebenbei als Fitness- und Kampfsporttrainer tätig. Im September des letzten Jahres machte er sein Hobby zum Beruf, übernahm das Fitnessstudio in Schonungen und die sportliche Leistung des dort angesiedelten „Fightclubs“. Mittlerweile bildet er – neben dem eigenen Training – selbst rund 150 Kickboxer im Alter von fünf bis 50 Jahren aus.

"In jedem Training kann man, in jedem Wettkampf muss man die Grenzen überwinden"
Manuel Leist, Kickbox-Profi aus Augsfeld

Zweimal täglich steigt Leist zu Trainingszwecken selbst in den Ring, stählt sich am Sandsack oder mit den Hanteln – meistens jeweils eine Stunde. Vor Wettkämpfen wird das Training natürlich intensiviert. Dann arbeitet der 28-Jährige an der Stabilität, der Koordination, der Ausdauer und natürlich an der Technik. Nachdem sein Trainer Sven Kirsten nur noch selten am Ring steht, trainiert Leist sich zumeist selbst, nimmt aber Hilfestellungen von Trainerkollegen gerne an.

Mit der eigenen Karriere und den Erfolgen ging es steil bergauf: Leist gewann in diesem Jahr die German open und den Deutschland-Pokal. Dazu füllen Pokale für drei Deutsche sowie Bayerische Vizemeisterschaften, Platz drei bei den „Austrian Classics“ und mehrere Podestplätze bei Internationalen Deutschen Meisterschaften die Vitrine.

Zudem gehört der Augsfelder zum Kader der Nationalmannschaft, verpasste als Zweiter in der Rangliste der WAKO Deutschland die Teilnahme an der Europameisterschaft in Maribor am 17. November nur knapp.

Viele Splitter-Verbände

Kann man vom Kickboxen leben? „Nein“, antwortet Leist schneller, als er Körpertreffer landen könnte. „Es gibt – wie man es vom Boxen her kennt – zu viele Verbände. Der größter Verband ist die WAKO (World Association of Kickboxing Organizations), sie teilt sich die Mitglieder aber mit rund 20 weiteren Verbänden. „Jeder will eben ein Stück vom Kuchen abhaben“, weiß Leist, dass sich deshalb auch die errungenen Titel relativieren. Und natürlich ist die Kickbox-Szene in Deutschland allgemein zu klein, auch Sponsoren sind eher rar gesät. Und die Gagen deshalb nicht hoch genug, um Kickboxen vollberuflich ausüben zu können.

Immer hin ist die WAKO aber inzwischen in den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) aufgenommen worden, Kickboxen könnte also olympisch werden und den größten Verband so aufwerten. Und das könnten die Kämpfer dann durchaus im Geldbeutel spüren.

Seit acht Jahren stellt sich Manuel Leist mittlerweile seinen Gegnern im Ring, die Faszination für den Kampfsport ist so groß wie am ersten Tag. „Kickboxen enthält einfach alles: Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer, und ganz wichtig: 100-prozentige Konzentration. Außerdem powert man sich total aus. Ich bin praktisch erst richtig glücklich, wenn meine Energieanzeige auf null steht“, weiß Leist, warum ihn diese Sportart nicht loslässt.

Kaum Verletzungen

An die eigenen Grenzen gehen, diese sogar zu überwinden. Was im Grunde für jede Sportart gilt, ist beim Kickboxen für den Augsfelder besonders wichtig. „In jedem Training kann man, in jedem Wettkampf muss man die Grenzen überwinden“, betont Leist, der von größeren Verletzzungen bislang verschont blieb. „Das ist kaum der Rede wert“, sagt Leist. Ein Mittelfußbruch und eine angeknackste Nase – „das ist bei den vielen Treffern, die man abbekommt, doch ein guter Schnitt.“ Und vermutlich auch mit ein Grund, warum die Familie und die Freundin seine Kampfsportbegeisterung mittragen. „Meine Freundin habe ich erst kennengelernt, als ich schon geboxt habe, die kannte meine Leidenschaft“, weiß Leist die Unterstützung aus seinem Umfeld absolut zu schätzen.

Freundin und Familie sind dann auch meistens dabei, wenn Manuel Leist in den Ring steigt. Die Wettkämpfe dauern zwei Minuten je Runde, dazwischen gibt es eine Minute Pause. Im Amateurbereich werden „nur“ drei Runden bestritten, die Profis stehen schon länger im Ring: bei ihnen dauern die Kämpfe zwischen fünf und zwölf Runden.

Erfolgreiches Profi-Debüt

Leist hat bislang 45 Kämpfe bestritten. 35 davon erfolgreich, sieben „Fights“ gewann er durch K.O. Und auch den bislang letzten Kampf – den ersten als Profi – gewann der Augsfelder nach Punkten. Bei der Vogtländer Fightnight in Plauen feierte Manuel Leist Mitte Oktober vor rund 1000 Zuschauern sein Debüt als Profi im Vollkontakt-Kickboxen und bezwang seinen Gegner mit 3:0 Richterstimmen.

Jetzt heißt es, sich „erst einmal einen Namen in der Profi-Szene zu machen und irgendwann einmal einen Titelkampf zu bestreiten“. Bis dahin „nehme ich jede Herausforderung, die sich mir bietet, an“, beschreibt Leist seine Zukunftspläne. Zusammen mit Sven Kirsten werden die europäischen Kickbox-Galas im Vorfeld durchforstet und „Bewerbungen“ verschickt. Seinen nächsten Auftritt als Profi hat der 28-Jährige ohnehin schon vor Augen: Am 1. Dezember ist Leist bei der „Fightpool Fightnight“ in Regensburg gebucht, sein Gegner steht aber noch nicht fest.

Ob es danach dann in ein Fast Food-Restaurant geht, ist noch nicht geklärt. Vor dem Kampf aber ganz sicher nicht.

Kickboxen

Kickboxen ist eine Kampfsportart, bei der das Schlagen mit den Fäusten und das Treten mit den Füßen erlaubt sind, ähnlich als würde man Karate und konventionelles Boxen miteinander verbinden. Ellenbogen- und Kniestöße, Tiefschläge und Schläge auf den Rücken sind verboten, ebenso Schläge auf Gegner, die am Boden liegen.
Ausdauer und Technik sind zwei der Komponenten, die für Manuel Leist im Kickboxen gefragt sind – und natürlich hartes Tr... Foto: Eugen Koch
Das eigene Fitnessstudio als Trainingsraum: Manuel Leist hat in Schonungen alle Möglichkeiten. Foto: Eugen Koch

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