Haßfurt

Tray Tuomie: "Mein erstes Spiel in Haßfurt werde ich nie vergessen"

Der Cheftrainer der Augsburger Panther redet im Interview über seine Zeit in Haßfurt und Schweinfurt, seine Heimat Minnesota und Eishockey in den Neunzigern.
Chefcoach in der DEL: Tray Tuomie, ehemals für den ERC Haßfurt und den ERV Schweinfurt auf dem Eis, trainiert die Augsburger Panther in der höchsten deutschen Eishockeyliga.
Foto: Siegfried Kerpf | Chefcoach in der DEL: Tray Tuomie, ehemals für den ERC Haßfurt und den ERV Schweinfurt auf dem Eis, trainiert die Augsburger Panther in der höchsten deutschen Eishockeyliga.

Vor knapp 30 Jahren ist Tray Tuomie von seiner Heimat Minnesota in den USA in Richtung Deutschland aufgebrochen, um hier Eishockey zu spielen - erst beim ERC Haßfurt, dann für den ERV Schweinfurt und zahlreiche weitere Vereine. Zurückgegangen ist er nie. Inzwischen trainiert der 52-Jährige die Augsburger Panther in der DEL - die höchste deutsche Spielklasse startet heute in ihre neue Saison, in den zurückliegenden Tagen hat das Team nach der im März abgebrochenen Runde einige Testspiele absolviert. Tuomie ist bester Laune und freut sich hörbar, über Eishockey in den Neunzigern, seine Heimat im Norden der USA und die Sinnlosigkeit von Grenzen zu plaudern.

275 Tage ohne Eishockey. Wie gut hat es sich trotz leerer Halle angefühlt, wieder an der Bande zu stehen, Herr Tuomie?

Ich habe es richtig genossen. Nach acht, neun Monaten die Jungs wieder auf dem Eis zu sehen, den Wettkampf zu erleben. Klar, vor Zuschauern wäre es noch schöner. Aber viele Branchen haben aktuell überhaupt keine Möglichkeit, zu arbeiten. Wir dürfen wieder Eishockey spielen - das ist großartig.

Im Jahr 2020 als Cheftrainer in der DEL. Was hätte der 23-Jährige Tray Tuomie 1991, seinem ersten Jahr in Deutschland, dazu gesagt?

Der hätte wahrscheinlich gelacht. Der wollte einfach seine erste Station im Ausland genießen und hatte keine Ahnung, wohin die Reise gehen würde. 30 Jahre später bin ich immer noch hier.

Gekommen wegen des Bruders, geblieben wegen der Frau: Eine treffende Umschreibung für Ihre Beziehung zu Deutschland?

Das könnte man so sagen. Mein Bruder Tadd ist vier Jahre älter als ich und wir haben deshalb nie zusammen in einer Mannschaft gespielt. Das wollte ich unbedingt einmal machen, er war da bereits beim ERC Haßfurt. Also bin ich nachgekommen. 

Und haben in Haßfurt ihre Frau Anke kennengelernt.

Genau, sie ist Haßfurterin. Wir sind bis heute zusammen und haben drei Kinder.

Herr Tuomie, ich bin nur ein paar Jahre älter als ihr Sohn Parker. Wie muss ich mir deutsches Eishockey Anfang der Neunziger vorstellen?

Das war einfach genial. Und emotional! Bevor ich nach Haßfurt gekommen bin, habe ich als Jugendlicher in meiner Heimat schon vor 20 000 Fans gespielt. Ausverkaufte Halle, Fernsehteams vor Ort. Aber mein erstes Spiel in Haßfurt, das werde ich nie vergessen. Da waren wahrscheinlich um die 2000 Zuschauer, aber die Stimmung war unglaublich. Vor dem Spiel hatten alle auf den Rängen Wunderkerzen angezündet. Und wie die gesungen haben! Das ganze Spiel über! Das war Nervenkitzel pur, ganz anders als in den USA.

Vermutlich auch, weil die 2000 Augenpaare auf den Neuen aus den USA gerichtet waren.

Natürlich. Damals waren zwei Ausländer pro Team erlaubt, da beobachten dich alle. Zu Hause warst du einfach einer von vielen. Dieser Druck war neu für mich: Du musst liefern.

Sie haben abgeliefert. Fast 200 Scorerpunkte stehen in der Bayernligasaison 91/92 auf ihrem Konto. Waren Sie einfach zu gut für diese Liga?

Nein, ich habe gleich gemerkt, dass die Jungs hier auch spielen können. Aber das Collegeniveau in den USA ist einfach richtig hoch, da kann eine vierte, fünfte Liga in Deutschland nicht mithalten. Für einen Ausländer war es aber trotzdem schwierig, immer zu liefern. Du musst dein Spiel total umstellen. Du weißt ja nie, ob du deinen Pass rechtzeitig zurück bekommst.

Oberliga-Eishockey in Schweinfurt: Tray Tuomie (links) im Trikot der Mad Dogs Schweinurt in der Saison 2004/2005.
Foto: Wetterich | Oberliga-Eishockey in Schweinfurt: Tray Tuomie (links) im Trikot der Mad Dogs Schweinurt in der Saison 2004/2005.
Draisaitl, Stützle, Seider: Aktuell drängen ungewöhnlich viele deutsche Talente in die Northamerican Hockey League, die unangefochtene Spitzenliga NHL. Woher kommt dieser Aufschwung des deutschen Eishockeys?

Das ist eine gute Entwicklung, hängt aber von vielen Faktoren ab. Einerseits von Toptalenten wie Leon Draisaitl, zu dem die jungen Spieler aufschauen. Natürlich auch von der Nationalmannschaft, die überragend die Silbermedaille bei Olympia geholt hat. Außerdem ist das gesamte Niveau in Deutschland gestiegen, auch bei uns in der DEL.

Sowohl in Deutschland als auch in den USA ist Eishockey Nischensport. Woran liegt das?

Das stimmt. Hier ist Fußball riesig, dort Football. Vielleicht ist Eishockey einfach zu schnell für manche Leute.

Stört Sie das?

Stören ist das falsche Wort. Aber ich denke schon, dass Spieler, Trainer und auch die Liga mehr Anerkennung verdienen. 

Ihr Heimatstaat Minnesota ist die große Ausnahme in den USA und hat den Spitznamen "State of Hockey". Eishockey ist dort, genau wie in Kanada, die Nummer eins. Welche Verbindungen haben Sie noch zu Minnesota?

Meine Familie wohnt immer noch dort, ich bin dort geboren und deswegen ist Minnesota immer in meinem Herzen. Wer sich überlegt, Minnesota einmal zu besuchen: Geht im Winter! Sonst versteht ihr es nicht. 

Wie Minnesota tickt?

Genau. Im Winter spielen alle verrückt. State of Hockey, that's what it's called. Es gibt Tage, da finden zigtausende Spiele statt. "Pond Hockey", wenn auf einem gefrorenen See zwanzig Eisflächen präpariert werden. Es gibt Eishallen mit acht Eisflächen. Stell dir das mal vor! Dann fährst du fünf Kilometer weiter, dann steht da die nächste Arena mit drei, vier Eisflächen. Und überall spielen alle: Männer, Frauen, Kinder. Es gibt Turniere mit Leuten, die sind über 80 Jahre alt.

In Minnesota sind also die Minnesota Wild (NHL) wichtiger als die Footballer der Minnesota Vikings in der NFL?

Das kommt wahrscheinlich darauf an, wen du fragst. Die Profiteams sind riesig, aber weil Minnesota der Hockey State ist, ist Profisport nicht unbedingt das größte Ding. Ich war Gophers-Fan, das waren meine Heroes (Tuomie meint die Minnesota Golden Gophers, das Team der Universität von Minnesota, Anm. d. Redaktion). College-Hockey, Highschool-Hockey. Da gibt es ein riesiges Turnier mit 160 Highschool-Mannschaften, zum Schluss spielen die acht besten in einem dreitägigen Turnier gegeneinander. Ausverkauftes Haus, vier Spiele am Tag, 20 000 Zuschauer, Millionen vor dem Fernseher. Wahnsinn.

Stichwort College: Sie haben an der Universität in Wisconsin ihren Abschluss in Geschichte gemacht. Man könnte sagen, Ihr Heimatland macht gerade geschichtsträchtige Zeiten durch.

Ja, mit Sicherheit. Ich wohne hier, deswegen bin ich da nicht so stark involviert. Aber der Polizeiskandal in meiner Heimatstadt war natürlich hässlich. (Der Afroamerikaner George Floyd wurde in Minneapolis, Tuomies Geburtsort, von Polizisten getötet. Daraufhin folgten gewaltsame Proteste sowie die "Black Lives Matter"-Bewegung, Anm. d. Redaktion) Es ist einfach traurig, weil ich stolz auf meine Heimat bin. Das passt nicht zu Minnesota.

Auch die DEL hatte kürzlich einen Rassismus-Skandal. Daniel Pietta vom ERC Ingolstadt hatte gegnerische Spieler mit einer "Affen-Geste" rassistisch verunglimpft.

Ja, er wurde für neun Spiele gesperrt. Ich finde so etwas einfach nur schlimm, das gehört nicht in unseren Sport. Jedes Leben zählt. Es geht um Eishockey, es geht um die Mannschaft. Die Hautfarbe ist vollkommen egal.

Sie hatten Mannschaftskollegen aus verschiedensten Nationen, haben für viele Teams gespielt, schon einige trainiert. Hängengeblieben sind sie im Norden, der größte Teil ihrer Familie lebt in Bremerhaven, sie fahren immer wieder dorthin zurück.

Ja, das ist aber eher Zufall gewesen. Ich wäre eigentlich lieber hier im Süden geblieben. Bayern ist die Eishockey-Hochburg Deutschlands. Aber Bremerhaven ist meine Heimat geworden, oder zumindest der Ort, an den ich jetzt immer zurückgehe, wenn ich frei habe. Der Ort, wo auch meine jüngste Tochter geboren ist. 

Von den USA nach Deutschland, hier quer durch die Republik, sogar ein Jahr in Russland. Ihre Vita liest sich wie die eines Menschen, der sich treiben lässt. 

Ich kam hierher, um mit meinem Bruder zu spielen, bin wegen der Liebe geblieben. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt. Dann bin ich Trainer geworden, 30 Jahre später bin ich plötzlich DEL-Cheftrainer hier in Augsburg. Treiben, ja vielleicht. Es ist einfach so passiert.

Und in zehn Jahren dann Trainer in der NHL?

Wieso denn nicht? Ich würde heute nicht sagen, dass das mein unbedingtes Ziel ist. Aber warum denn nicht, wenn es sich ergibt. Ich bin eher der "read and react"-Typ: Situationen erkennen, und dann reagieren.

Eine Eigenschaft, die Ihnen als Trainer während dieser Pandemie helfen dürfte.

Ja, das hoffe ich. Wir müssen flexibel sein, wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Aber man darf keine Angst haben, die Kontrolle zu verlieren. Alles kontrollieren zu wollen, kann gefährlich werden.

Inwiefern gefährlich?

Der Mensch braucht Freiheit. Deshalb ist zu viel Kontrolle sinnlos. Genau, wie sich Grenzen zu setzen. Wenn ein Spieler zu mir sagt: "Ich will nächste Saison 20 Tore schießen!" Dann sage ich: "Warum nur 20? Warum versuchst du nicht, bei jedem Wechsel ein Tor zu schießen?" Grenzen sind uninteressant. Mit solchen Sätzen legst du dir nur selbst Handschellen an.

Dann sage ich, ihrer Philosphie zufolge: Die Augsburger Panther werden Deutscher Meister.

Genau, warum denn nicht? Irgendeine Mannschaft muss ja gewinnen, wieso nicht wir? Jetzt muss ich natürlich aufpassen, was ich hier sage. Aber eigentlich meine ich genau das. Warum denn nicht?

Tray Tuomie

Alter: 52
Geburtsort: Minneapolis, Minnesota, USA
Stationen als Spieler im Herrenbereich: ERC Haßfurt, ERV Schweinfurt, ETC Timmendorfer Strand, ETC Crimmitschau, EC Bad Nauheim, REV Bremerhaven, Fischtown Penguins, Moskitos Essen, Mad Dogs Schweinfurt, Sterzing/Vipiteno (ITA), TEV Miesbach, Weser Stars.
Stationen als Trainer: Weser Stars, DEG Metro Stars, Nürnberg Ice Tigers, Augsburger Panther.
Quelle: eliteprospects.de
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