Trossenfurt mit Hummelmarter

Trossenfurt: Als sich 38 Frauen gegen den DFB stemmten

1968 war Fußball für Frauen verboten. Im Steigerwald gründete sich dennoch eine Mannschaft. Der sportlichen Premiere wohnten seinerzeit 1200 Zuschauer bei.
Die Gymnastikdamen des SC Trossenfurt  sind  Pioniere im unterfränkischen Frauenfußball. Ihrer Premiere wohnten rund 1200 Zuschauer bei.
Foto: privat | Die Gymnastikdamen des SC Trossenfurt  sind  Pioniere im unterfränkischen Frauenfußball. Ihrer Premiere wohnten rund 1200 Zuschauer bei.

Mit den Frauenrechten war es vor rund einem halben Jahrhundert so eine Sache. Erst seit 1962 dürfen Frauen in Deutschland ein eigenes Bankkonto eröffnen. Auch durften Frauen noch in den 70-er Jahren nur "Waren des täglichen Bedarfs" kaufen, aber keine größeren Anschaffungen wie zum Beispiel Möbel tätigen. Erst seit 1977 dürfen Frauen selbständig einen Arbeitsvertrag unterschreiben, zuvor brauchten sie die Erlaubnis ihres Ehemannes.

Und auch das Fußballspielen war ihnen bis 1970 untersagt –zumindest was den organisierten Fußball im Deutschen Fußball-Bund angeht. Ein 1955 gefasster Beschluss verbot den Frauen nur ein Jahr nach dem legendären Gewinn der Weltmeisterschaft in der Schweiz das Kicken. „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand" lautete die Begründung der obersten Fußball-Funktionäre im Land.

Doch aufhalten ließen sich die Frauen von diesen Verboten nicht – die Zeit war ohnehin voll von gesellschaftlichen Revolutionen. Schätzungen zufolge spielten Ende der 1960-er Jahre in Deutschland zwischen 40 000 und 60 000 Frauen und Mädchen abseits des Verbandes Fußball. Halt nicht um Titel und Punkte oder Auf- und Abstieg, sondern zumeist nur aus Spaß am Fußball.

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So auch beim SC Trossenfurt-Tretzendorf im Steigerwald. Der Sportclub hatte eine Frauen-Gymnastik-Gruppe, und die hatte sich den Zusammenhalt im Dorf und vor allem im Sportverein auf die Fahne geschrieben. Als 1968 das Kirchendach renoviert werden musste, aber das nötige "Kleingeld" fehlte, kam Gertrud Wanner auf die Idee: "Lasst uns Fußball spielen".

Dieser Plan kam bei den knapp 40 Turnerinnen und in der Vorstandschaft des Sportclubs gut an. Dass Fußball spielende Frauen von den männlichen Verbands-Funktionären nicht gerne gesehen wurden, wussten damals weder sie noch ihre Mitstreiterinnen. Und selbst, wenn sie es gewusst hätten, es wäre ihnen egal gewesen. Auch im Dorf selbst hätte es keinerlei Proteste der Männer gegeben, betonten Gertrud Wanner (90), Rosa Bühl (84) und Carola Kornherr (87) im Gespräch gut 50 Jahre später. 

Rosa Bühl, Carola Kornherr und Gertrud Wanner (von links) scherten sich 1968 nicht um das Frauenfußball-Verbot. Um die Reparatur des Kirchendachs in Trossenfurt finanzieren zu können, gründeten sie vor über 50 Jahren eine Fußballmannschaft.
Foto: Matthias Lewin | Rosa Bühl, Carola Kornherr und Gertrud Wanner (von links) scherten sich 1968 nicht um das Frauenfußball-Verbot.

Flugs wurden damals zwei Sätze Trikots besorgt, die Turnerfrauen in zwei Mannschaften aufgeteilt. "Ins Tor mussten die Frauen, die nicht so viel rennen wollten", erinnert sich Gertrud Wanner an Rosa Barthelmes und Hedwig Schaf zwischen den Pfosten. "Wir hatten schon welche dabei – so wie die geschrien haben, haben die auch geschossen", weiß Carola Kornherr noch genau, wer damals heraus stach. Und Gertrud Wanner ergänzt: "Wie ein Bulldog sind die los." Sie selbst führte die Mannschaft "Rot-Weiß" auf den Platz.

Fußballschuhe gab es nicht, die Frauen benutzten ihre Turnschuhe. Stollenschuhe waren den Frauen übrigens auch nach der Aufhebung des Verbotes zwei Jahre später noch lange untersagt.

"Ins Tor mussten die Frauen, die nicht so viel rennen wollten."
Gertrud Wanner, Initiatorin des Frauenfußballs beim SC Trossenfurt

Anlässlich der Sportplatz-Einweihung wurden die Trossenfurter Frauen am 23. Juni 1968  von der Jugendblaskapelle vom Vereinslokal hinauf zum Sportplatz begleitet, Schirmherr war Haßfurts Nationalspieler Luggi Müller. Oben am Berg angekommen, staunten sie nicht schlecht: Rund 1200 Zuschauer säumten das Gelände, wollten sich das Spektakel nicht entgehen lassen. 

"Es war eine unheimliche Gaudi, ein riesen ,Hallo'", erinnert sich Gertrud Wanner. Die 1200 Zuschauer - "ein Wahnsinn". Dass am Ende "Blau-Weiß", die Mannschaft von Hildegard Bühl, die Partie mit 6:3 gewann, war schon damals nebensächlich. "Wichtiger waren die gut 3000 Mark, die wir eingenommen haben," betont Wanner. Und das Lob der Männer: "Dumm habt ihr euch nicht angestellt."

Proteste beim Kreisspielleiter

"Das hat den Männern natürlich schon gefallen. Die Trikots haben durch den Schweiß am Körper geklebt", gab es auch den einen oder anderen Kommentar von der Seitenlinie, über die die drei Pioniere des Trossenfurter Frauenfußballs heute noch lächeln können.

So berichtete das 'Haßfurter Tagblatt' Anfang November 1970 über das Ende des Frauenfußball-Verbots.
Foto: Matthias Lewin | So berichtete das "Haßfurter Tagblatt" Anfang November 1970 über das Ende des Frauenfußball-Verbots.

Doch damit war die Geschichte des Trossenfurter Frauenfußballs noch lange nicht zu Ende. "In vielen Freundschafts- und Einlagespielen waren die Fußballdamen noch viele Jahre die Attraktion in der näheren und weiteren Umgebung" lautet ein Eintrag in der Vereinschronik. Kurz nach der Premiere folgte ein weiteres Spiel beim Pokalturnier des FC Knetzgau – ebenfalls vor über 1000 Zuschauern.

Und das, obwohl zuvor beim zuständigen Kreisspielleiter Klaus Dütsch kräftig gegen diese Partie interveniert worden war. Doch der hatte keine Handhabe, dieses Freundschaftsspiel, wie von einigen Herren der Schöpfung verlangt, zu verbieten. Trossenfurt gewann bei den deutlich jüngeren Knetzgauerinnen auf dem damals ungewohnt großen Platz knapp mit 1:0.

"Das hätten unsere Töchter sein können", weiß Rosa Bühl, die Großtante der heutigen Nationalspielerin Klara Bühl, noch heute. "Ich habe meine Gegenspielerin gefragt, wie alt sie sei. 16, hat sie geantwortet. Ich hab' da lieber nichts mehr gesagt", wollte Rosa Bühl, damals 38 Jahre alt, ihre Gegnerin lieber im Ungewissen lassen. Dafür hat die heute 84-Jährige den Ball zum Siegtreffer förmlich "rein geschrien", weiß sie noch heute.

Eine Partie in Bamberg konnten die SC-Frauen ebenfalls mit 1:0 gewinnen. "Wir waren da ja schon alte Weiber, aber wir haben nach dem Spiel gestrahlt wie die glücklichsten Menschen", hat Carola Kornherr den Schlusspfiff und die anschließende Feier noch genau vor Augen.

Gertrud Wanner (rechts vorne) führte ihre Mannschaft 'Rot-Weiß' zur Premiere aufs Spielfeld. Ihre 'Kontrahentin' war Hildegard Bühl (links vorne).
Foto: privat | Gertrud Wanner (rechts vorne) führte ihre Mannschaft "Rot-Weiß" zur Premiere aufs Spielfeld. Ihre "Kontrahentin" war Hildegard Bühl (links vorne).

Aber auch in Punktspielen, die der Fußballverband Ende Oktober 1970 den Frauen erlaubte, machte sich der SC Trossenfurt seinen Namen, die nächste Generation stieg 1992 sogar in die Bayernliga auf. Doch, obwohl sie nun auch offiziell spielen durften, hatten die Frauen nach wie vor mit etlichen Einschränkungen zu kämpfen. Lange Jahre gab es unter anderem auch ein Verbot der Trikotwerbung im deutschen Frauenfußball.

"Verzerrungen durch die Anatomie"

„Aufgrund der Verzerrungen durch die Anatomie kamen wir zu dem Entschluss, dass durch Werbung im Brustbereich der Trikots keine neuen Einnahmequellen für den Damenfußball liquiiert werden können,“ schrieb der Deutsche Fußball-Bund noch 1986. Mittlerweile ist aber auch das längst Geschichte. 

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Gertrud Wanner, Rosa Bühl und Claudia Kornherr waren da schon nicht mehr dabei, verlegten sich in sportlicher Hinsicht wieder aufs Turnen und organisierten zahlreiche Ausflüge. Dass sie auch dabei durchaus selbstbewusst waren, weiß Wanner noch heute: Als die Trossenfurterinnen in den 1980-er Jahren in Berlin weilten, gab es Ärger mit dem beauftragen Reisebüro. "Die hatten uns in einem Stundenhotel untergebracht. Die Böden, die Betten, alles war total verdreckt. Ich hab' da erst mal einen Reinigungsdienst organisiert. Und glauben Sie ja nicht, dass wir nur einen Pfennig dafür bezahlt haben", erzählt die 90-Jährige von ihrem ebenso resoluten wie erfolgreichen Auftreten. 

Dem Fußball blieben Gertrud Wanner, Rosa Bühl und Carola Kornherr treu, halfen als sportbegeisterte Vereinsmitglieder jahrelang noch hinter der Kuchentheke ihres SC Trossenfurt. Und treffen sich unter Corona-Bedingungen noch regelmäßig - auch, um von den damaligen Zeiten zu schwärmen und sich über die Auftritte von Klara Bühl zu freuen. "Sie hat genau den gleichen Laufstil wie ihr Opa", braucht Großtante Rosa nicht lange, um die 19-jährige Nationalspielerin auf dem Bildschirm zu identifizieren.

Die Anfänge des Frauenfußballs in Unterfranken

Beim Bayerischen Fußball-Verband waren 1970 schon 18 unterfränkische Mannschaften im Frauenfußball gemeldet. Dies waren:
VfR Goldbach, FC Einigkeit Rottershausen, FC Großwenkheim, TSV Oberlauringen, SC Trossenfurt-Tretzendorf, SV Amorbach,  FC Hammelburg, TSV Lengfeld, SpVgg Untersteinbach, SV Viktoria Waldschaff, SV Münnerstadt, VfR Großheubach/Main, FV 04 Würzburg, FC 05 Schweinfurt, FC Kickers Kirchzel, BSC Lauter, SV Frankonia Lengfurt, SB-DJK Würzburg.
1971 kamen dann zwölf weitere Mannschaften hinzu:
FC Gerolzhofen, FC Bad Kissingen, SC Schwarz-Weiß Oberbach, TSV Uettingen, FC Gössenheim, DJK Reuchelheim, SV Faulbach, FC Schwarz-Weiß Strahlungen, TSV  Wernfeld/Main, Turn- und SpVgg Mainaschaff, DJK Kleinbardorf, SC Kreuzberg Oberwildfecken.
Quelle: BFV
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