Fußball im Wandel

Unterschwappach: Fußball ist nicht alles

Die Sportvereinigung ist einer von acht Vereinen im Landkreis Haßberge, die den Sportbetrieb eingestellt haben. Wie der kleine Verein aber das Dorfleben aufrecht hält.
Die Tore stehen noch, doch Fußball gibt es bei der SpVgg Unterschwappach schon seit sieben Jahren nicht mehr. Sportvorstand Martin Etzel glaubt auch nicht, dass sich das so schnell noch einmal ändern wird.
Die Tore stehen noch, doch Fußball gibt es bei der SpVgg Unterschwappach schon seit sieben Jahren nicht mehr. Sportvorstand Martin Etzel glaubt auch nicht, dass sich das so schnell noch einmal ändern wird. Foto: Matthias Lewin

Am 18. Mai 2013 erfolgte gegen 15.45 Uhr der Abpfiff für die SpVgg Unterschwappach. Die beendete die Saison 2012/13 in der B-Klasse 6 auf Platz 11. Die Bilanz: 17 Punkte, 44:99 Tore (fünf Siege, zwei Unentschieden, 17 Niederlagen) – so steht es im Archiv des Bayerischen Fußballverbandes und im Aktenordner, der neben vielen anderen im Büro des Vereins steht. Das Sportheim selbst ist aufgeräumt, der Fußballplatz aktuell nicht gemäht. Bei der Sportvereinigung Unterschwappach ist Stillstand eingezogen. Das liegt allerdings nicht an der Pandemie – zumindest nicht ausschließlich. Der kleine Verein aus dem Haßßbergkreis, über viele Jahre "Abonnement-Letzter" in der A- und früheren C-Klasse, hat das Fußballspielen schon längst eingestellt.

Die Vitrine im Sportheim lässt aber bessere Zeiten erahnen. Pokale, Mannschaftsfotos sowie eine "Ahnengalerie" spiegeln den regen Betrieb wider, den es in Unterschwappach seit 1948 gab. An der Wand hängt eine Torjägerliste. Deren letzter Eintrag stammt aus dem Jahr 2013 und führt Evren Cenk als treffsichersten Kicker der SpVgg auf. Auch Edmund Volk hätte seinen Platz auf dieser Tafel verdient. Immerhin erzielte er das letzte Tor für den Fußballverein aus der Gemeinde Knetzgau bei der 4:7-Niederlage beim SSV Gädheim II. Acht Minuten später war diese Partie, die Saison und der Fußball überhaupt in Unterschwappach Geschichte.

Lange her: Die Pokalesiege der SpVgg Unterschwappach.
Lange her: Die Pokalesiege der SpVgg Unterschwappach. Foto: Matthias Lewin

"Es ging einfach nicht mehr, hatte keinen Sinn mehr. Wir haben uns schon länger künstlich am Leben erhalten," erinnert sich Martin Etzel, als Sportvorstand einer von sieben Mitgliedern, die sich aktuell um das Fortbestehen des Vereins kümmern, an das sportliche Ende der SpVgg. Der Verein hatte, um überhaupt noch eine Mannschaft melden zu können, in den 2010-er Jahren auf auswärtige Kicker gesetzt, zuletzt trugen etliche Spiele aus dem Raum Schweinfurt das Wappen der Sportvereinigung auf der Brust. "Wir hatten immer wieder eine Rennerei, um genügend Leute zusammen zu trommeln, haben die noch per Fahrdienst eingesammelt", klagt Etzel. Als die auswärtigen Spieler das kleine 155-Seelen-Dorf dann wieder verließen, war es vorbei. Versuche, mit dem SV Hainert eine Spielgemeinschaft einzugehen, scheiterten. Der Fußball in Unterschwappach war nur noch etwas für die Chroniken.

Selbst die Gründung einer Alt-Herren-Mannschaft hatte letztlich nicht funktioniert, Unterschwappach hat mit dem Fußball und dem Wettkampfsport im Allgemeinen abgeschlossen. Die wenigen Fußballer, die der Verein noch als Mitglieder führt, haben sich längst anderen Vereinen angeschlossen. Etzels Sohn Lukas kickt in Donnersdorf, Fabian Amend als Spielertrainer in Steinsfeld, Martin Etzel selbst bei den Alten Herren in Steinsfeld. Lediglich Wolfgang Glos ist fußballerisch noch für die SpVgg unterwegs. Der 67-Jährige pfeift als Einziger für Unterschwappach, nachdem Josef Raab im letzten Jahr verstarb und Rudi Langhans sowie Herbert Friedrich ihre Schiedsrichter-Karriere beendet haben.

"Wenn sich natürlich die Möglichkeit ergeben würde, wieder eine Fußballmannschaft zu stellen, machen wir das."
Martin Etzel, Sportvorstand SpVgg Unterschwappach

Martin Etzel führt offiziell den Titel "Abteilungsleiter Sport", doch viel zu tun hat er in dieser Funktion natürlich nicht. "Und das vermisse ich auch nicht", trauert er der Vereinsarbeit an den Sonntagen nicht wirklich hinterher. Denn Arbeit gibt es immer noch zur Genüge: Der 56-Jährige steht des Öfteren hinter der Theke, wenn das Sportheim geöffnet ist. In der Regel freitagabends, wenn der "Vereinsabend" bis zur Corona-Pause von verschiedenen Schafkopfrunden genutzt wurde. Bis vor einigen Jahren gab es zudem noch einen sonntäglichen Frühschoppen und damit Thekendienst für die Vorstandschaft der SpVgg. 

Was noch geht in Unterschwappach, ist das Frauenturnen. Etwa zehn Frauen aus Unter- und Oberschwappach treffen sich einmal pro Woche im Sportheim, um sich im zur Turnhalle umfunktionierten Saal bei Übungsleiterin Evelyn Lindner fit zu halten. Und auch dem Tischtennis halten die Unterschwappacher die Treue, wenn auch nur zu den Vereinsmeisterschaften. Ein "Stammtisch der Ehemaligen" kommt ebenfalls ein paar mal im Jahr im Sportheim zusammen, wie auch die anderen örtlichen Vereine, die das SpVgg-Heim für ihre Jahreshauptversammlungen nutzen. Das Kesselfleischessen im Januar, der Kinderfasching, der Pizza-Abend, das Maibaumaufstellen und die Weihnachtsfeier füllen das Sportheim das Jahr über mit Leben. Aber: "Da braucht es dann natürlich auch immer einen ,Wirt', der sich um Getränke kümmert, einen Imbiss managt," so Etzel. Wenigstens mit der Kirchweih hat die SpVgg mittlerweile nichts mehr zu tun. "Da haben wir uns zur Vorbereitung immer einen Ast abgerannt", ist Etzel darüber aber nicht unglücklich.

Gäste aus dem Nachbarort

Und der Sportplatz? Der wurde nach dem Aus des Unterschwappacher Spielbetriebs von den Spfr. Steinsfeld genutzt, als der Nachbarverein seine eigene Sportanlage sanierte. Auch der TSV Westheim trainierte geraume Zeit in den Wintermonaten bei der SpVgg. Mittlerweile nutzt nur noch Kreisligist DJK Oberschwappach den Platz. In diesem Jahr sollte immerhin ein FC Bayern-Fanclub-Turnier in Unterschwappach ausgetragen werden, das aber fiel dem Corona-Virus zum Opfer. "Vielleicht klappt das ja nächstes Jahr", hofft Etzel. 

Das Vereinsleben indes wird aufrecht erhalten. Zum 70-jährigen Bestehen des 1948 gegründeten Vereins gab es einen Ehrenabend in einem damals voll besetzten Sportheim. Ob in drei Jahren zum 75. Geburtstag erneut gefeiert wird, ist indes noch nicht klar. "Geplant haben wir da noch nichts. Es wird auch darauf ankommen, wie sich das Engagement in der Vorstandschaft darstellt", hofft Etzel, dass dieses Jubiläum nicht ohne Feier verstreicht. "Momentan hängt allerdings sehr viel an mir und am Vereinsvorsitzenden Willibald Schmitt", wirbt der Angestellte um Hilfe – und das gilt auch für sämtliche Baumaßnahmen am oder im Sportheim.

Es geht weiter, auch ohne Fußball

"Wir gehen davon aus, dass es mit dem Verein weiter geht, auch ohne Fußball", zeigt sich Etzel, seit gut 45 Jahren Vereinsmitglied und seit 35 Jahren ehrenamtlich für den Verein tätig, aber durchaus hoffnungsvoll. Eher pessimistisch ist er, wenn es um die Rückkehr der SpVgg in den aktiven Sport geht: "Wenn sich natürlich die Möglichkeit ergeben würde, wieder eine Fußballmannschaft zu stellen, machen wir das. Im Tischtennis hatten wir zumindest mal eine Vierer-Mannschaft im Blick, aber da waren letztlich doch zu wenige Interessierte da." Wettkampfsport steht in Unterschwappach also nicht mehr auf der Tagesordnung.

Tischtennis und Frauenturnen: Das Sportheim der SpVgg Unterschwappach wird noch regelmäßig als Turnhalle genutzt.
Tischtennis und Frauenturnen: Das Sportheim der SpVgg Unterschwappach wird noch regelmäßig als Turnhalle genutzt. Foto: Matthias Lewin

Das hat aber auch einen Vorteil, zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht: "Finanziell geht es uns jetzt besser als zu der Zeit, in der wir noch aktiv waren", weiß Martin Etzel. Zuschauer habe man vor allem in den letzten Jahren, als Unterschwappach in Schweinfurter Gruppen spielte, ohnehin nur wenige gehabt. Die laufenden Kosten während der Saison für Schiedsrichter, Passanträge, Trainer, Wasser, Heizung etc. hätten die Einnahmen immer wieder "aufgefressen". Doch auch das ist inzwischen Geschichte.

Fußball im Wandel - die Serie

Verwaiste Sportplätze, verlassene Vereinsheime und ein grassierender Bedeutungsverlust bei Jung und Alt: Was ist aus unserem Fußball geworden? Stirbt hier, in den Dörfern und Städten, ein Kulturgut, das einmal emotionaler Halt und sozialer Kitt dieses Landes war? Dieser Frage will die Sportredaktion nachspüren in ihrer großen Serie "Fußball im Wandel". Wandel bedeutet Veränderung, nicht selten unter Druck und Zwang. Aber Wandel bietet stets auch Chancen für Neues, für bisher Unentdecktes. Zwischen diesen beiden Polen, Tradition und Moderne, Umbruch und Aufbruch, werden wir uns in den nächsten Monaten bewegen. Wir wollen wissen: Wie hat sich der uns so vertraute Fußball verändert? Was macht der Wandel mit Vereinen und Verband? Weshalb gelingt der Umbruch im einen Dorf besser als im anderen nebenan? Was tun mit Vereinsheim und Sportgelände, wenn der Fußball nicht mehr rollt? Wir hören Experten, diskutieren mit Trainern über die wahre Lehre, über Taktiken und Strategien – und gerne auch mit Ihnen. Wenn Sie Ideen und Anregungen für diese Serie haben, melden Sie sich bitte:  Main-Post, Sportredaktion, Berner Straße 2, 97084 Würzburg, Tel.: (0931) 6001 - 237, Fax (0931) 6001 - 368. E-Mail: red.sport@mainpost.de

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