FUSSBALL: A-KLASSE

Wie Goßmannsdorf die Kurve kratzt

Nur ein Jahr ist vergangen, seit der TSV Goßmannsdorf mit Pauken und Trompeten in die A-Klasse eingezogen ist. Sogar Ochsenfurts Bürgermeister Peter Juks (stehend rechts) gratulierte den Fußballern zur Meisterschaft in der B-Klasse. Unser Gesprächspartner Sascha Hillebrand ist der Fünfte von rechts in der hinteren Reihe.
Nur ein Jahr ist vergangen, seit der TSV Goßmannsdorf mit Pauken und Trompeten in die A-Klasse eingezogen ist. Sogar Ochsenfurts Bürgermeister Peter Juks (stehend rechts) gratulierte den Fußballern zur Meisterschaft in der B-Klasse. Unser Gesprächspartner Sascha Hillebrand ist der Fünfte von rechts in der hinteren Reihe. Foto: Walter Meding

Sascha Hillebrand ist auf dem Weg zum Training, als wir ihn telefonisch erreichen. „Ein paar Minuten“ habe er Zeit für ein Gespräch. Es wird dann doch etwas länger, und irgendwann sagt er, er wolle nicht drängen. Aber er habe jetzt Training und müsse langsam Schluss machen. Vor Kurzem ist der 28-Jährige beim TSV Goßmannsdorf vom Sportleiter zum Trainer mutiert – eine Art letztes Aufbäumen gegen das sowieso Unvermeidliche? Der Verein ist nach 25 Niederlagen in 25 Spielen längst dem Abstieg in die B-Klasse geweiht – sportlich ist da also nichts mehr zu retten. Hillebrand und dem Klub geht es mit dem Schritt denn auch mehr um den Fortbestand der Abteilung Fußball, die in diesen Wochen auf dem Spiel stand. Wie lebt es sich mit der Rolle als ständiger Verlierer? Wie geht man um mit der chronischen Erfolglosigkeit? Und wie konnte es überhaupt so weit kommen? Fragen an den Stimmungsaufheller.

Frage: Schauen Sie eigentlich noch auf die Tabelle?

Sascha Hillebrand: Ja, aber die Tabelle sagt natürlich alles über unsere Situation. Wir haben mit der A-Klasse abgeschlossen. Was uns wichtig war: Spaß zu haben und die Jungs bei der Stange zu halten. Das haben wir ganz gut hinbekommen. Im Training sind es in den letzten vier Wochen wieder zwischen zwölf und achtzehn Mann gewesen.

Erstaunlich.

Hillebrand: Ja, wirklich erstaunlich. Da muss ich den Hut ziehen vor den Jungs, die immer wieder bereit sind, zum Training und zu den Spielen zu kommen – trotz dieses miserablen Tabellenbilds.

Es heißt, die Tabelle lügt nicht. Ist denn die Mannschaft wirklich so schlecht, wie sie derzeit steht?

Hillebrand: Ganz so schlecht ist sie nicht. Sie ist ja voriges Jahr Meister in der B-Klasse geworden. Schon damals ahnten wir, dass es schwierig werden würde. Dass es aber so schlimm kommen würde, hätte keiner gedacht. Die Mannschaft könnte eigentlich mehr, aber uns fehlen zwei bis drei erfahrene Jungs, die in der Lage sind, die anderen mitzureißen. Hätten wir die, würde auch der Rest auf anderem Niveau spielen.

Von 25 Spielen hat der TSV Goßmannsdorf 25 verloren. Wie reagieren die anderen Klubs, wenn Sie am Wochenende irgendwo hinkommen?

Hillebrand: Die meisten, gegen die wir spielen, haben den größten Respekt vor uns. Die wissen ja auch: Es ist nicht selbstverständlich, dass man sich Woche für Woche auf den Platz stellt und auf die Mütze geben lässt. Die erkennen an, dass wir überhaupt noch antreten.

Wie ist eine solche Serie zu ertragen: nur mit Galgenhumor?

Hillebrand: Sicherlich ist auch Galgenhumor im Spiel. Wenn man alles nur mies redet, hätte vermutlich keiner mehr Lust, sich da hinzustellen. So komisch es auch klingt: Die Stimmung in der Mannschaft ist nach wie vor gut, und die Jungs wollen spielen. Wir hatten vor dem letzten Spiel die Situation, dass wir gerade so einen Kader zusammen bekamen. Dann haben wir am Samstag noch einmal herumgefragt, und es haben sich doch noch einige gefunden. Wie man es erträgt? Na ja, besonders prickelnd ist es nicht, Sonntag für Sonntag zur Schießbude zu werden.

Sie wurden Meister der B-Klasse, gingen sicherlich mit gewissem Hochgefühl die Saison an. Wann war der Zeitpunkt, als Ihnen klar, dass das in einem Fiasko enden würde?

Hillebrand: Zur Winterpause hatte sich die Lage ja abgezeichnet. Da kapierte es auch der Letzte. Von da an ging es darum, die Stimmung hochzuhalten. Die größte Gefahr besteht in solchen Momenten ja darin, dass der ganze Laden komplett auseinanderbricht. Ziel des Vereins war es, die Sache sauber zu Ende zu bringen und auch für nächste Saison eine Mannschaft zu stellen – beides werden wir schaffen.

Gab es Spiele, in denen Sie den Eindruck hatten: Heute könnte es was werden mit einem Erfolg?

Hillebrand: Es gab zwei, drei Spiele, in denen wir uns wirklich teuer verkauft haben. Auch am vergangenen Sonntag in Ippesheim haben wir 60 Minuten gut mitgehalten, dann passiert so ein Lapsus und setzt im Kopf eine Spirale in Gang – die Angst, dass es jetzt also wieder losgeht und so endet wie viele Male vorher. Am Schluss verlieren wir 0:4. In Winterhausen kriegen wir kurz vor der Halbzeit das 0:1, und dann fällt alles zusammen. Der Knackpunkt in dieser Saison war oft die Halbzeit. Danach brachen alle Dämme.

Da spielt also auch die Psychologie eine große Rolle?

Hillebrand: Ja. Der Kopf. Wenn wir das erste Tor kriegen, ist es um uns geschehen. Da noch einmal die Kurve zu kriegen, sich nicht von den trüben Gedanken runterziehen zu lassen ist schwer.

Mitte April hat sich der Verein von Trainer Andre Thierfeldt getrennt und Sie als Nachfolger eingesetzt. Eine Konsequenz der Misserfolgsserie?

Hillebrand: Ja. Das hatte sportliche Gründe.

Hat Ihr Vorgänger die Mannschaft nicht mehr erreicht, wie es in derlei Fällen oft heißt?

Hillebrand: Zu dieser Zeit sackte die Trainingsbeteiligung ab. Einige Einheiten mussten sogar ganz abgesagt werden, weil nicht genügend Spieler da waren. Gleichzeitig ging es darum, diese Saison in halbwegs guter Stimmung durchzukriegen. Da musste der Verein reagieren und ein Zeichen setzen. Ziel war es, emotional die Kehrtwende einzuleiten. Die hat sich zwar nicht in nackten Ergebnissen niedergeschlagen, aber noch wichtiger war, dass die Leute wieder zum Training kamen.

Und Sie armer Teufel mussten als Trainer einspringen?

Hillebrand: Ich war zuvor schon als Sportleiter immer nah an der Mannschaft. Deswegen habe ich gesagt: Ich mache das für die letzten fünf Spiele, um die Runde gut über die Bühne zu bringen.

Aber man muss schon leidensfähig sein und am Besten noch viel Liebe zum Verein mitbringen, oder?

Hillebrand: Ja, aber seitdem ich vier Jahre bin, spiele ich Fußball für den TSV Goßmannsdorf. Ich war die ganze Jugend über dort, kam dann in die erste Mannschaft und habe mir vor vier Jahren das Kreuzband gerissen. Das war das Ende meiner aktiven Karriere. Aber die große Verbundenheit zum Verein ist geblieben. Schon mein Vater war ja für den TSV Goßmannsdorf tätig.

Was halten Sie von dem gerne gehörten Satz, dass einen Niederlagen nur stärker machen?

Hillebrand: Da ist sicherlich etwas Wahres dran. Aber wenn du 25 Spiele nacheinander verloren hast, ist es ein bisschen schwierig, an so einen Satz zu glauben. Wir müssen jetzt sehen, dass es nächste Saison in der B-Klasse wieder aufwärts geht und wir voll angreifen können.

Bereiten Sie sich eigentlich noch individuell auf jeden Gegner vor, oder gilt die Devise: Wir spielen Fußball und schauen mal, was geht?

Hillebrand: Der Knackpunkt war sicherlich das Spiel gegen Bütthard II. In diesem Spiel hatte ich mir wirklich etwas ausgerechnet, und da hatte ich auch die Jungs heiß gemacht und gesagt: Das ist das Spiel, auf das wir hinarbeiten, das ist unsere Kragenweite. Und dann kriegen wir gegen die zehn Stück.

Und nun?

Hillebrand: Sagen wir: Lasst uns zumindest Spaß haben, lasst uns noch ein ordentliches Bild abgeben, dann ist alles gut. Nach so langer Zeit ist es normal, dass man resigniert. An diesem Sonntag haben wir den Zweitplatzierten zu Gast. Wir wollen noch einmal alles geben, um für eine Überraschung zu sorgen. Aber reell ist das nicht, wenn man sich die Tabelle anschaut.

Dann wird diese Saison für Goßmannsdorf also tatsächlich sieg- und punktlos zu Ende gehen.

Hillebrand: Davon müssen wir ausgehen. Ich bin ja von Haus aus Optimist, aber auch ein Stück weit Realist. Gaukönigshofen will seine Titelchance wahren und wird uns sicher nicht unterschätzen. Wir werden alles reinhauen, und dann sehen wir mal, was passiert.

Werden Sie auch in der nächsten Saison noch Trainer sein?

Hillebrand: Nein.

Ist es für den Verein nicht schwierig, mit dieser Bilanz einen neuen Mann zu gewinnen?

Hillebrand: Wir haben sogar schon einen Trainer für die nächste Saison. Ich möchte aber noch keinen Namen nennen.

Was wird die Mannschaft in der B-Klasse erwarten?

Hillebrand: Ich hoffe, dass wir wieder oben mitspielen werden und die Erfahrung aus dieser Runde mitnehmen können. Wie Sie vorhin sagten: Man muss das Positive aus jeder Niederlage ziehen und sehen, dass man dieser Erfahrung – so schmerzhaft sie auch war – etwas abgewinnen kann. Als ich aus der U19 kam – damals waren wir in der Spielgemeinschaft mit Tückelhausen –, hatten wir, alles junge Kerle, eine ähnliche Chaos-Saison in der Kreisklasse mit insgesamt vier Punkten.

Goßmannsdorf war auch schon mal in der Kreisliga.

Hillebrand: Ja, aber das ist doch Urzeiten her. Wir haben jetzt schon in der A-Klasse gesehen, dass das Niveau ein ganzes Stück höher ist als in der B-Klasse.

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