Wiesentheid

Herr Ganzinger, wären Sie auch zu den Kickers gekommen?

Es gab bislang nur zwei Vereine in seinem Leben: Andreas Ganzinger ist im Sommer nach neuneinhalb Jahren beim Würzburger FV zu seinem Heimatklub nach Wiesentheid zurückgekehrt. Foto: Hans Will

Für einen Fußballer, der in neuneinhalb Jahren zum Publikumsliebling und Leistungsträger avanciert war, verschaffte sich Andreas Ganzinger im Winter 2018 einen ungewöhnlichen Abgang beim Fußball-Bayernligisten Würzburger FV. Über die Gründe möchte der 31-Jährige nicht mehr groß reden. Dafür hat er sonst eine Menge zu erzählen: über seine Herkunft, die immer Stoff für Erzählungen birgt, seine Ankunft in Deutschland, seinen besonderen Spitznamen und darüber, warum er wohl nie eine Fußballschule auf Madagaskar eröffnen wird.

Sie haben neun Jahre für den Würzburger gespielt, mussten sich dabei ständig als Fußballer beurteilen lassen. Nun wollen wir Sie nach Ihren Erfahrungen mit uns Journalisten fragen. Wann haben Sie sich zuletzt so richtig über einen Artikel geärgert?

Andreas Ganzinger: Als ich weggegangen bin vom Würzburger FV. Der Artikel hat mich gestört.

Was konkret?

Ganzinger: Dass meine Suspendierung zum Gegenstand der Öffentlichkeit gemacht wurde.

Immerhin war es noch ein Thema: wenn jemand nach so vielen Jahren einen Verein verlässt – und dann im Streit.

Ganzinger: Ja, aber ich finde, solche Dinge gehören nicht in die Öffentlichkeit. Das ging nur den WFV und mich an. Schade, dass es so gelaufen ist, aber: Ich habe weiter Kontakt zu den Jungs.

Sie schauen also auf Ihre Zeit beim WFV weitgehend im Glück zurück?

Ganzinger: Auf jeden Fall. Das waren meine besten Jahre – angefangen bei den Fans und den Leuten im Umfeld bis zur Atmosphäre und der Stimmung. Der WFV ist ein schwieriger Verein, da brauchen wir nicht drumherum zu reden . . .

Was meinen Sie mit "schwierig"?

Ganzinger: Du hast als es halt schwer, dich als Nummer 2 in Würzburg zu etablieren. In der Zeit, als Marc Reitmaier hier Trainer war, haben wir das überragend gemacht. Wir waren in der Bayernliga immer unter den Top drei, hatten im Schnitt 400, 450 Zuschauer. Als ich angefangen habe, waren es mal 800, aber das war in der eingleisigen Bayernliga. Damals standen wir sogar noch vor den Kickers.

Wie oft wird diese Rolle als Nummer 2 thematisiert? Täglich?

Ganzinger: Nein, auf Facebook liest man ja immer Sticheleien. Aber die Rivalität ist nicht ständig Thema.

Gab es mal Angebote von den Kickers an Sie?

Ganzinger: Nein.

Hätten Sie sie angenommen?

Ganzinger: Nein.

Wenn enge Weggefährten Sie beurteilen müssten, wie fiele das Urteil aus?

Ganzinger: Torjäger Mogli – das genügt. So haben die Fans in Würzburg mich genannt. Es gab ein Spiel, da legte mir Fazdel Tahir den Ball quer – und ich habe es geschafft, ihn aus einem Meter übers Tor und über den Zaun zu schießen.

Trotz des unseligen Abgangs blickt Andreas Ganzinger auf die Zeit beim Würzburger FV im Glück zurück. Foto: Hans Will

Aber warum Mogli?

Ganzinger: Ich hatte mal eine ähnliche Frisur wie die Figur Mogli. Mein Wiesentheider Mitspieler Jimmy Frazier hat mir den Namen damals verpasst. Bei meinem Ablösespiel für den WFV haben die Würzburger ihn aufgeschnappt.

Mogli ist eine Figur aus dem Dschungelbuch, ein Findelkind, das im Kampf mit Natur und Mensch zum selbstbewussten Jugendlichen reift. Erkennen Sie sich da wieder?

Ganzinger: Ein bisschen, ja. Meine Mutter stammt aus Madagaskar, wo es auch Dschungel gibt. Meine Frisur hat gepasst. Mit manchen Dingen kann ich mich schon identifizieren.

"Für Fremde hört sich meine Vita immer spannend an."
Andreas Ganzinger, der in Spanien geboren ist

Sie sind in Spanien geboren, Ihr Vater arbeitete für die Unesco. Da war Ihnen ja eine gewisse Internationalität in die Wiege gelegt. Wie hat Sie das geprägt?

Ganzinger: Wir lebten nach meiner Geburt in Malaga noch zwei Jahre in Spanien. Bis ich sechs war, waren wir in Grenoble, Frankreich. Erst danach kam ich nach Deutschland. Die Familie meines Vaters stammt aus Heidenfeld und Röthlein. Wir zogen nach Greuth, einen Ortsteil von Castell. Und da fängt die Erinnerung erst so richtig an. Für Fremde hört sich meine Vita immer spannend an. Sie macht es mir leicht, in Gespräche zu kommen – mehr ist es aber nicht. Ich sehe mich als komplett Deutscher.

Waren Sie mal auf Madagaskar?

Ganzinger: Einmal, als ich 14 war mit meinem besten Freund und der ganzen Familie in den Ferien. Die Familie meiner Mutter lebt immer noch dort. Meine Schwester reiste die vergangenen Jahre öfters hin. Ich habe weniger Kontakt, aber sie kriegen schon mit, was ich hier so treibe.

Im Hause Ganzinger wurde französisch gesprochen?

Ganzinger: Ja, mit meiner Mutter. Aber nur damit ich die Sprache nicht verlerne. Mit meinem Papa und meinen Geschwistern wurde deutsch gesprochen. Meine Mutter ist inzwischen zurück in Madagaskar, und wenn wir miteinander telefonieren, sprechen wir französisch.

Und wann machten Sie Ihre ersten Gehversuche als Fußballer?

Ganzinger: Als ich nach Deutschland kam. Ein Nachbar in Castell, Sascha Kümmel, hat mich zum Fußball gebracht. Zuvor hatte ich mit Fußball nichts am Hut. Die Familie Kümmel half uns bei allem, damit wir uns schnell integrieren konnten, lernte auch Deutsch mit uns – und sie war für mich so etwas wie ein zweites Elternpaar, nachdem mein Vater gestorben war.

"Ich fühlte mich zu jung für den Schritt."
Andreas Ganzinger über ein früheres Angebot der Stuttgarter Kickers

Wann haben Sie gemerkt, dass Ihnen Fußballspielen nicht nur Spaß macht, sondern dass Sie auch begabt dafür sind?

Ganzinger: Es gab so gewisse Anzeichen. Als ich aus der E-Jugend rauskam, wurde ich in die U13-Regionalauswahl eingeladen. Aber so richtig klar war es mir, als sich die Stuttgarter Kickers bei meinem Vater meldeten. Damals gab es ein kleineres Turnier in Wiesentheid, bei dem zufällig jemand von den Kickers da war – die Stuttgarter waren zu der Zeit ja noch eine etwas größere Nummer. Er fragte, ob ich mal in Stuttgart mittrainieren würde. Da war mir zum ersten Mal klar: So schlecht kann ich nicht sein.

Sie standen mit 13, 14 Jahren vor der Entscheidung, nach Stuttgart zu gehen und die Heimat zu verlassen.

Ganzinger: Ich fühlte mich zu jung für den Schritt. Mein Papa hatte hier sein Geschäft, ich war hier in der Schule, hatte meine Freunde hier, die auch noch nicht so lange kannte. Ich wäre aus einem vertrauten Umfeld gerissen worden.

Haben Sie die Entscheidung mal bereut?

Ganzinger: Früher dachte ich öfter mal, was wäre gewesen, wenn . . .? Mit viel Glück und mehr Ehrgeiz hätte ich es vielleicht schaffen können. Aber ich bin glücklich, so wie meine Fußballer-Laufbahn verlaufen ist. Ich bin froh und stolz, dass ich bislang nur für zwei Vereine gespielt habe – und dies jeweils für lange Zeit.

Entspricht das auch Ihrem Charakter: dieses Bodenständige?

Ganzinger: Es gab immer Anfragen – auch vor dieser Saison. Aber das stimmt schon: Die Vertragsverhandlungen beim WFV dauerten nie länger als fünf Sekunden. Man hat mich gefragt: Machst du weiter? Ich sagte: Ja! Hand geschüttelt, und ich war wieder draußen. Der Nächste bitte!

War für Sie klar, dass Sie eines Tages nach Wiesentheid zurückkehren würden?

Ganzinger: Ein Kumpel erinnerte mich daran, dass ich das gesagt hätte, wenn mal beim WFV Schluss sein sollte. Eigentlich wollte ich im Sommer eine Pause machen. Wäre nicht Hassan Rmeithi als Trainer gekommen, hätte ich für mindestens ein halbes Jahr ausgesetzt. Als ich im Winter beim WFV aufgehört habe, habe ich erst einmal gemerkt, wieviel Zeit ich habe. Ich hätte mir auch wirklich gut überlegen müssen, ob ich weitergemacht hätte, wäre der WFV in die Regionalliga aufgestiegen. Ich weiß nicht, ob ich diese Motivation aufgebracht hätte.

Sie gelten als Spaßmacher, als lockerer Vogel. Ist das eine Rolle, die Sie sich zurechtgelegt haben, oder sind Sie wirklich so?

Ganzinger: Ich bin so. Vieles sehe ich locker. Manches müsste ich ernster sehen, das weiß ich. In Wiesentheid haben sie mich jetzt zum Mannschaftskapitän gewählt – da muss ich mich natürlich ein bisschen umstellen. Aber ich habe auch gesagt: Jungs, so, wie ihr mich kennengelernt habt, so bin ich. Dass ich gewählt wurde, habe ich schon als große Ehre empfunden.

"Das vergisst niemand, der dabei war."
Andreas Ganzinger über einen seiner schönsten Momente in Wiesentheid 

Wäre Ihre Fußballer-Laufbahn anders verlaufen, hätte Wiesentheid im Jahr 2008 den Aufstieg in die Landesliga geschafft?

Ganzinger: Ich gehe schon stark davon aus. Wir hatten damals eine brutale Mannschaft, sportlich, charakterlich. Da passte alles. Als Fußballer war das mein schönstes Jahr – zwei Prozent über der ganzen FV-Zeit. Das war einmalig.

Sie haben damals im vorletzten Saisonspiel der Bezirksoberliga vor 1000 Zuschauern gegen den TSV Abtswind in letzter Minute das Siegtor geschossen.

Ganzinger: Das vergisst niemand, der dabei war. Ich wurde so oft darauf angesprochen. Daran werde ich mich mein Leben lang erinnern. Es war alles schön, aber ich bin einer, der dann auch sagt: Wir müssen jetzt nach vorne schauen. Mit Hassan Rmeithi als Trainer haben wir jetzt ein schönes Projekt, aber die Mannschaft muss auch mitziehen. Nach allem, was ich weiß, war das die letzten Jahre oft das Problem. Andererseits darf man auch nicht erwarten, dass wir jetzt alle Gegner in Grund und Boden spielen. Wir müssen uns Zeit geben.

Sie sind als Teammanager für die U17-Junioren des 1. FC Nürnberg im Einsatz. Was genau machen Sie da?

Ganzinger: Ich organisiere das Training und die Spieltage. Ich bin dafür zuständig, dass das Drumherum passt. Bei Auswärtsspielen muss ein Bus bestellt oder bei weiteren Fahrten ein Hotel gebucht werden. Ich bin dann derjenige, der über Preise und Angebote verhandelt, denn es gibt ja ein begrenztes Budget. Das ist viel Detailarbeit, die Spaß macht, aber auch anstrengt. Es ist fast ein Vollzeitjob. Letzte Saison bei der U19 war ich bei jedem Auswärtsspiel dabei.

Wie kommt man zu so einem Job?

Ganzinger: Durch Zufall. Ich hatte ja zuvor nie Kontakt zum 1. FC Nürnberg. Kurz bevor ich mein Fernstudium an der IST-Hochschule in Düsseldorf angefangen habe, traf ich Baris Altuz aus dem Trainerstab des 1. FCN. Im Dezember fuhr ich das erste Mal mit nach Stuttgart, habe aber nur 15 Minuten vom Spiel gesehen, weil sich dann ein Spieler die Schulter auskugelte und ich den ganzen Tag mit ihm im Krankenhaus zubrachte. Danach sagte ich: Ich mache es. Aber das Studium geht vor. Ich habe im Januar angefangen und möchte es in zwölf Monaten durchziehen. Das ist ein anerkannter Abschluss zum Sport- und Fußball-Manager.

Ist das Kapitel höherklassiger Fußball für Sie abgeschlossen?

Ganzinger: Ich würde es gerne mit Wiesentheid noch einmal schaffen, aber ich denke, nach meiner Zeit in Wiesentheid wird nichts mehr kommen.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Ganzinger: Ich hoffe, an der Seite meiner Freundin, dann Frau, die gerade eine Ausbildung zur Polizistin macht. Vielleicht bauen wir ein Haus. Auf jeden Fall muss ein Kind da sein.

Wie wäre es mit einer Fußball-Schule auf Madagaskar?

Ganzinger: Nein, das würde, so fürchte ich, nicht hinhauen. Dafür bin ich zu sehr Deutscher.

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