Leichtathletik

Sein schwerster Kampf

Der lange Schatten des Hermann Strauß: So weit wie er sprang in Unterfranken seit 1958 kein zweiter. Foto: Archivfoto Willi Paulus

Rank und schlank wie zu seinen besten Zeiten als Leichtathlet ist Hermann Strauß auch noch mit 77 Jahren. Doch mit der Gesundheit ist es nicht mehr zum Besten bestellt, er muss wegen seiner Krankheit immer wieder zur Spezialbehandlung in die Medizinische Poliklinik nach Würzburg.

Im Gespräch zum fünfzigsten Jahrestag seines deutschen Rekordes im Dreisprung (zweimal 1958) blickt der weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannte Kitzinger noch einmal auf seine von Siegen und Triumphen geprägten Zeiten in der Leichtathletik. 1958 war sein erfolgreichstes Jahr als Dreispringer. Zweimal gelang dem Kitzinger sein deutscher Rekord. Auf dem Pfingstsportfest in Fürth erzielte Strauß mit 15,59 Meter die neue Bestleistung – und nur wenig später, am 2. August 1957, stellte der Kitzinger bei den internen deutschen Ausscheidungskämpfen für die Europameisterschaft seinen Rekord ein: vor 20 000 Zuschauern im Leipziger Zentralstadion.

Hermann Strauß kam über Fußball und Handball erst als 17-Jähriger zur Leichtathletik – „ein Zufall“, wie der Sportler der TG Kitzingen sagt. Seine erste Weitsprungleistung waren 4,50 Meter, noch im selben Jahr sprang er sechs Meter. Der ehemalige Kitzinger Bierbrauer und spätere Sportartikelhändler brachte es auf insgesamt 23 Länderkämpfe, bei denen er dreimal im Weitsprung und danach im Dreisprung eingesetzt wurde. Den ersten Länderkampf bestritt er im Mai 1957 in Madrid – er siegte auf Anhieb mit 14,39 Meter. Im gleichen Jahr wurde Strauß mit 14,90 Meter süddeutscher Meister.

Am 26. Mai 1958 stellte er dann in Fürth bei sonnigem, warmem Wetter und mit 9,6 Meter Rückenwind auf „sehr harter trockener Asche“ einen neuen deutschen Dreisprung-Rekord auf. So ist dem Antrag des Deutschen Leichtathletikverbands (DLV) zur Anerkennung des Rekordes zu entnehmen. Die Meisterleistung wurde am 19. September 1958 offiziell bestätigt. Bei der Euromeisterschaft der Leichtathleten im August 1958 im schwedischen Stockholm kam der Dreispringer mit 15,11 Meter auf Rang sieben. 26 Länder waren seinerzeit am Start. Deutschland gewann sechs goldene Medaillen. Armin Hary siegte in 10,3 Sekunden über die 100 Meter. Martin Lauer gewann die 110 Meter Hürden. Die 4 x 100-Meter-Staffel der Männer mit Manfred Mahlendorf, Hary, German und Folterer, alles Athleten von Weltklasse, wurde ebenfalls Europameister.

1960 war Hermann Strauß für die Olympischen Spiele in Rom im Dreisprung qualifiziert. Ein Knocheneinriss bei einem Länderkampf in Warschau beendete aber den Traum von einem Start im Zeichen der fünf Ringe. Überhaupt hatte Strauß des öfteren mit Verletzungen zu tun, die seine Karriere behinderten – ebenso auf der dreiwöchigen Japanreise des Jahres 1959, wo man auch Hiroshima besuchte oder den Fujijama, den Heiligen Berg der Japaner, bestieg. Länderkämpfe gab es dort gegen die japanische Nationalmannschaft der Leichtathleten sowie gegen die japanische Studenten-Nationalmannschaft. Auf der Japanreise war Strauß mit Charly Kaufmann auf dem Zimmer. „Der hat immer auf dem Zimmer lautstark gesungen.“ Der spätere Olympiazweite über 400 Meter von Rom (Weltrekord 44,9 Sekunden) wurde später Opernsänger. „Mit dem wollte niemand auf das Zimmer. Mir hat die Singerei aber nichts ausgemacht“, erzählt der Kitzinger.

Kontakte zur „Miss Leichtathletik“

Mit Armin Hary teilte Strauß während eines Länderkampfs in Moskau das Zimmer. Den späteren 100-Meter-Weltrekordler (10,0 Sekunden) hat er als „einen etwas eingebildeten Pforzknoten“ in Erinnerung. Der Sprinter Manfred Germar (ASV Köln) war für ihn ein „etwas steifer, aber sympathischen Sportlerkollege“. Gut bekannt war ihm auch die damalige deutsche „Miss Leichtathletik“ Jutta Heine, die blonde, langbeinige Sprinterin sowie Silbermedaillengewinnerin von Rom über 200 Meter vom ASV Köln. „Mit der war ich aber net auf'm Zimmer“, sagt Strauß in seinem typisch trockenen Humor. Diese Jahre waren eine goldene Zeit in der deutschen Leichtathletik.

In besonderer Erinnerung behielt Strauß auch die Balkanreise des DLV. In Athen gewann er mit 14,96 Meter den Dreisprung. In Istanbul sprang er ebenfalls. „Sensationell“ war für ihn die Russlandreise mit einem Länderkampf in der Metropole Moskau. Der Besuch der Sowjetunion war zur Zeit des Kalten Krieges „eine irre Sache“. In Budapest schenkten die deutschen Athleten einem Mädchen eine Orange, erinnert sich Strauß. „Die wollte die Frucht glatt mit der Schale essen. Sie hatte so etwas zuvor noch nie gesehen.“ Beim Sechs-Länder-Kampf in Brüssel war er dabei. In London trug er den deutschen Adler auf der Brust. In Finnland sprang er vor 40 000 Zuschauern – für Strauß waren es schö-ne und erlebnisreiche Jahre als Spitzensportler, die 1960 mit einem Länderkampf gegen die USA in Stuttgart endeten.

„Wir waren lupenreine Amateure. Zum Länderkampf wurde einem die Bahnfahrt bezahlt. Bei Auslandsländerkämpfen gab es acht Mark Spesen in Landeswährung“, sagt der 77-Jährige. Seine höchste „Gage“ waren einmal in Mannheim 50 Mark Antrittsprämie für einen Einladungswettbewerb. Von einem Länderkampf ging es oft direkt wieder auf die Arbeit zur Würzburger Hofbräu in der Zellerau. Für keine einzige Stunde gab es Lohnausfallzahlung durch den Deutschen Leichtathletikverband. Heute hätten Spitzenleichtathleten „paradiesische Zustände“.

1960 war für Hermann Strauß mit der internationalen Springerkarriere verletzungsbedingt Schluss – wegen wiederholter Fersenprellungen. Ganz konnte er vom Springen und Laufen aber nie lassen. So brachte er es in der immer populärer gewordenen Senioren-Leichtathletik sogar zu Weltmeistertiteln. 1977 wurde er in Göteborg erstmals Dreisprung-Weltmeister der Senioren. Neun Weltmeistertitel und acht Europameistertitel in den Seniorenklassen brachte er in seine Heimat Kitzingen. 65-Jährig trat er 1996 von der Bühne ab: als Sieger bei der deutschen Seniorenmeisterschaft mit 5,22 Meter in Schweinfurt. Im 100-Meter-Lauf stand seine Bestleistung bei 11,2 Sekunden, im Weitsprung lag sie bei 7,53 Meter, und die nach fünfzig Jahren immer noch grandiose Weite von 15,59 Meter im Dreisprung (ehemals deutscher sowie bayerischer Rekord) bedeuten immer noch Unterfrankenrekord.

Der Methusalem-Rekord

Jahrelang gab Hermann Strauß seine Erfahrung weiter, trainierte immer wieder talentierte Kitzinger Springer, die seinen Rekord überbieten sollten. Allein Thomas Kesselring (TG Kitzingen) kam einmal in die Nähe seines „Methusalem-Rekordes“. Auch starke US-Soldaten, die für unterfränkische Leichtathletik-Vereine starteten, versuchten sich vergeblich daran. Dem sympathischen, heimatverbundenen Kitzinger, der so viele Siege im Leben errungen hat, ist zu wünschen, dass er auch seinen schwersten Kampf besteht: den gegen die Krankheit. Hermann Strauß war immer ein echtes Vorbild für die ihm folgenden jüngeren Leichtathleten. Er gehört zum Urgestein des unterfränkischen Sports, ist eine Legende. Ein echter Typ halt, eine Art von Sportler und Persönlichkeit, wie es sie heutzutage kaum noch gibt.

Hermann Strauß bei einer seiner rar gewordenen öffentlichen Auftritte, 2002 bei einer Ehrung im Kitzinger Rathaus. Foto: FOTO Ralf Weiskopf

Schlagworte

Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!