München

Langer Lockdown: Nachwuchsfußball sehnt Neustart herbei

Nachwuchsfußball       -  Nachwuchsfußball findet derzeit nicht auf Vereinsebene statt.
Foto: Christian Kunz/dpa | Nachwuchsfußball findet derzeit nicht auf Vereinsebene statt.

Auch Philipp Lahm und Sohn Julian vermissen dieser Tage den Nachwuchsfußball. „Es fehlt was”, sagt der Weltmeister von 2014.

„Unser Sohn hat zweimal Fußball-Training unter der Woche, einmal geht er zum Tennis, am Wochenende ist noch ein Spiel. Das fällt auf einmal alles weg”, berichtet der frühere Bayern-Kapitän, Vater eines Sohnes (8) und einer Tochter (3).

Der Fußball könne Werte, Regeln und soziale Kompetenzen vermitteln, bringe viele Erlebnisse. Wenn das über Monate nicht möglich sei, mache man sich auch Sorgen. „Aber wir haben eine absolute Ausnahmesituation”, sagt Lahm mit Verweis auf die schwierige Pandemie-Zeit. „Es ist wichtig, man muss drüber sprechen und sich Gedanken machen.” Man dürfe nicht zu viele verlieren.

Eine solch „privilegierte Situation”, wie Lahm sie für sich und seine Familie ausmacht, haben nur die allerwenigsten Kinder. Viele sind ungleich härter getroffen. Seit Monaten bremst der Lockdown die Nachwuchssportler im Hobby- und Leistungsbereich. Viel mehr als ein bisschen Kicken zu zweit im Park oder auf dem Bolzplatz ist nicht möglich. Seit Anfang November darf nicht mehr gespielt, weitestgehend nicht einmal mehr trainiert werden.

Die Hoffnung auf erste Schritte zurück auf die Plätze ist groß, wenn Bund und Länder an diesem Mittwoch über das weitere Vorgehen in der Pandemie sprechen. In einem Beschlussentwurf, der den Stand von Montagabend 19.10 Uhr wiedergibt und der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, werden mögliche Öffnungsschritte für den Breiten- und Amateursport genannt. Zunächst wird der „kontaktfreie Sport in kleinen Gruppen (max. 10 Personen) im Außenbereich, auch auf Außensportanlagen” in einem Öffnungsschritt aufgeführt. Die Verhandlungen sind allerdings noch nicht abgeschlossen.

„Die gesamte Gesellschaft, alle Branchen sehnen derzeit Lockerungen herbei. Sobald diese im Falle weiter sinkender Infektionszahlen und anlaufender Impfungen möglich sind, müssen vor allem unsere Kinder und Jugendlichen auf die Plätze an der frischen Luft zurückkehren dürfen, zunächst zum Training, später wieder im Spielbetrieb”, appellierten DFB-Präsident Fritz Keller und der Vizepräsident Rainer Koch in einem offenen Brief. Der Wunsch, den Keller auch noch einmal in einem Schreiben an Bundeskanzlerin Angela Merkel vortrug, steht stellvertretend für Millionen Sportbegeisterte in Deutschland.

Der Lockdown trifft natürlich nicht nur den Fußball. Marco Troll, Präsident des Deutschen Schwimm-Verbandes, warnte, dass es nicht nur einen Jahrgang, sondern im Falle weiter schließender Schwimmhallen nach der Pandemie gar Generationen von Nichtschwimmern geben könne. Ganz so drastisch sind die Hilferufe aus dem Fußball als mitgliederstärkste Sportart nicht. Aber eine Umfrage des Bayerischen Fußball-Verbandes, in der 79,4 Prozent der Vereinsfunktionäre aus dem Freistaat den Verlust von Kindern und Jugendlichen als großes Problem sehen, drückt viel Sorge aus.

„Ich glaube, dass der Sport in unserem System eine sehr hohe gesellschaftliche Relevanz hat”, sagt der Sportliche Leiter Nationalmannschaften des DFB, Joti Chatzialexiou. „Ich glaube, dass es gerade für die Kinder sehr wichtig ist, dass sie sich bewegen, dass sie an der frischen Luft sind. Und das wirkt sich nicht nur körperlich, sondern auch auf die Psyche aus.”

Die negativen Folgen von Bewegungsmangel bestätigt auch die Wissenschaft. „Das kann zu vielfältigen gesundheitlichen Auswirkungen führen oder dazu beitragen: Etwa Übergewicht, ungünstige Veränderungen im Stoffwechsel und Herz-Kreislaufsystem und anderen organischen Strukturen”, sagt Oliver Faude von der Universität Basel. „Individualsport in Eigenregie ist gut, kann den Verlust an aktiver Zeit aber nicht ganz aufheben und systematisches, strukturiertes Mannschaftstraining nicht ersetzen.” Der Lockdown führe zu mehr Sitz- und Bildschirmzeit. Und das in einer Generation, die sowieso liebend gerne an der Konsole zockt.

Gerade Fußball als Sportart stimuliere sehr viele Ebenen, sagt Faude. Kinder würden dem natürlichen Bewegungsdrang nachgehen, viel für die Gesundheit tun und Freunde treffen. „Vor dem Hintergrund, dass das Infektionsrisiko beim Spielen sehr gering ist, spricht die Nutzen-Risiko-Abwägung eindeutig für Lockerungen im Jugendfußball”, sagt der Sportwissenschaftler, Spezialist auf diesem Gebiet.

In den 56 Nachwuchsleistungszentren sind die Auswirkungen unterschiedlich. Nur die U19 mit Zugehörigkeit zum Berufsfußball darf trainieren. Spiele fallen aber auch hier weg, Kontakte zwischen den verschiedenen NLZ sind nicht erlaubt. Das Streben nach Spielpraxis brachte 18 Jahre junge Talente wie Torben Rhein, Jamie Lawrence oder Armindo Sieb schneller als gedacht in den Drittliga-Kader des FC Bayern. Doch die meisten Spieler wurden ausgebremst. Vor allem für hoffnungsvolle Kicker, die an der Schwelle zum Männerfußball stehen, ist der Lockdown hart. Ihnen fehlt auf einer entscheidenden Entwicklungsstufe über Monate der Wettkampf.

„Eine Phase von ein paar Monaten beeinträchtigt nicht die gesamte Karriere. Fahrrad fahren verlernt man ja auch nicht”, sagt Bayerns U17-Trainer Danny Schwarz. Wenn es wieder losgeht, ist eine dosierte Steigerung des Pensums wichtig. „Rückblickend hatten wir in den ersten Spielen nach dem Frühjahrs-Lockdown physisch und im Bereich Konzentration etwas zu kämpfen. Ein Wettkampf ist eben ein anderes Level. Es kam auch zu mehr Verletzungen als davor”, sagt Schwarz.

Während seine Talente angetrieben vom Traumziel Profi-Fußball vermutlich in guter körperlicher Verfassung nach dem Lockdown loslegen werden, wird es im Breitensport anders aussehen. Gerade in Großstädten, wo Kinder nicht in Gärten ausweichen können und in den Wohnungen weniger Platz als in ländlichen Gebieten ist.

Dazu kommt die Frage, wie viele Kinder und Jugendliche tatsächlich zurückkehren. Zahlen aus Bayern machen da Mut. Während des ersten Lockdowns im vergangenen Frühjahr meldeten sich rund 20 Prozent weniger Kinder in den Vereinen an als üblich. Als dann endlich wieder gekickt werden konnte, war der Run so groß, dass das fast wieder aufgeholt wurde. Eine Austrittswelle blieb hier aus.

© dpa-infocom, dpa:210302-99-652615/3

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