Frankfurt/Main

„Leistungsdelle zu erwarten”: Pandemie bremst Talente aus

Dirk Schimmelpfennig       -  DOSB-Leistungssportchef Dirk Schimmelpfennig befürchtet negative Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Nachwuchs im Sport.
Foto: Arne Dedert/dpa | DOSB-Leistungssportchef Dirk Schimmelpfennig befürchtet negative Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Nachwuchs im Sport.

Für Max Hartung war die Junioren-WM ein Sprungbrett zu einer Karriere als einer der besten Säbelfechter der Welt.

„Es war ein Meilenstein meiner Karriere und ein tolles Erlebnis, zumal ich Glück hatte, Weltmeister zu werden”, sagte der 31 Jahre alte mehrfache Europameister aus Dormagen, der seinem dritten Olympia-Start bei den Tokio-Spielen entgegenblickt. „Davon habe ich lange gezehrt - auch auf dem Weg zu den Erwachsenen.” Ein solcher Motivationsschub durch Titelkämpfe fehlt den meisten Sporttalenten in Deutschland in der Pandemie - mit Folgen für die Erfolgschancen in der Zukunft bis hin zu den Olympischen Spielen 2024 und 2028.

„Für U20-Sportler, die große Abenteuer erleben wollen, voller Tatendrang sind und viel trainiert haben, um bei Weltmeisterschaften dabei zu sein, ist das schlimm”, sagte Hartung, der auch Vorsitzender der Interessenvertretung Athleten Deutschland ist. „Das kann einem keiner zurückgeben und ist unheimlich traurig für die Generation, die diese sportlichen Wettkämpfe und Reisen nicht hat.”

Der Deutsche Olympische Sportbund ist besorgt, was im Kinder- und Nachwuchsbereich immer offenkundiger wird. „Es gibt momentan so gut wie keine neuen Mitglieder in den Vereinen. Auf der anderen Seite treten viele aus”, erklärte DOSB-Präsident Alfons Hörmann. „Viele hoffnungsvolle Nachwuchsathleten werden uns verloren gehen. Ganze Jahrgänge werden deutlich geschwächt in die Zukunft gehen.” Und ein Ende des Corona-Stillstandes ist nicht absehbar, auch für den Amateur- und Breitensport wird bis mindestens 7. März verlängert.

Für DOSB-Leistungssportchef Dirk Schimmelpfennig ist zwar noch nicht konkret absehbar, wie umfangreich die Auswirkungen sein werden - aber sicher ist: Ein Nachwuchsproblem wird es geben. „Talentsichtungs- und Talentfördermaßnahmen waren und sind nicht wie gewohnt durchzuführen”, sagte er. Training für den Nachwuchs in den Landeskadern sei seit Monaten sehr eingeschränkt oder gar nicht möglich.

Bei den Bundeskaderathleten sei die Lage etwas besser, aber auch nicht gut. „Hier haben wir mindestens einen Jahrgang schon verloren”, sagte Schimmelpfennig. Man müsse abwarten, was dies für den langfristigen Leistungsaufbau in den Sportarten bedeute: „Aber eine Leistungsdelle ist zu erwarten.”

Auch in den großen Sportverbänden der Leichtathleten und Schwimmer herrscht große Sorge. „Wir versuchen alles, um die jungen Athleten bei der Stange zu halten, aber es ist schwer”, sagte Speerwurf-Bundestrainer Boris Obergföll. Je länger der Nachwuchs kaum Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten bekomme, desto schwerer werde es, sie zu bewegen, wieder Sport zu machen. „Die driften ab, machen Videospiele oder sonst etwas. Dies ist eine große Gefahr”, sagte der Coach, der „mit tränenden Augen in die Zukunft” blickt. Obergföll hofft, dass auch durch das Impfen alles in ruhigeres Fahrwasser komme. „Sonst gibt es durch den ganzen deutschen Sport hindurch einen richtigen Schnitt, den wir bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris oder vielleicht richtig erst 2028 in Los Angeles merken”, prophezeit Obergföll. Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler pflichtet bei: „Das wird im Leistungssport große Lücken reißen.”

Schwimmverbands-Präsident Marco Troll fürchtet ebenfalls langfristige Auswirkungen, wenn der Sport nicht schnell wieder in Gang kommen darf. Es müssten „jetzt Maßnahmen auf den Weg gebracht werden, die uns davor bewahren, langfristig vor Problemen zu stehen, die wir nicht mehr lösen können”, sagte Troll.

Etwas entspannter sieht der deutsche Tischtennis-Weltpräsident Thomas Weikert die Corona-Folgen zumindest für den Nachwuchs in seiner Sportart. „Es ist dramatisch, aber in anderen Sportarten, in denen jüngere Generationen auch im Sport der Erwachsenen teilnehmen, wie im Schwimmen oder Turnen, wird es dramatischer sein”, erklärte er.

Die Hoffnung, das Nachwuchsproblem und die Abkehr von Talenten minimieren zu können, ist mit raschen Corona-Lockerungen für den organisierten Sport verbunden. „Richtige Probleme mit dem Nachwuchs würden entstehen, wenn über Ostern hinaus der Sport in Deutschland lahm liegen müsste”, sagte Ingo Weiss, Sprecher der Spitzenverbände. Wenn es Anfang April wieder losgehen würde, müssten die Verbände die Talente, die brachgelegen hätten, „umso intensiver betreuen”, mehr Sichtungen machen und mehr Trainingscamps veranstalten: „Da ist der deutsche Sport einfallsreich und wird positiv nach vorne denken.”

© dpa-infocom, dpa:210211-99-398742/2

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