Gambach

Olympiadackel Waldi spendet Corinne Kohlmann Trost

Ein Screenshot von einem Gespräch nach Oregon: Corinne Kohlmann aus Gambach und der bunte Olympiadackel Waldi.
Foto: Corinne Kohlmann | Ein Screenshot von einem Gespräch nach Oregon: Corinne Kohlmann aus Gambach und der bunte Olympiadackel Waldi.

Eigentlich sollten die Tage um Ostern herum für Corinne Kohlmann ein Wiedersehen in mehrfacher Hinsicht sein: mit der so sehr vermissten Familie im heimischen Gambach (Landkreis Main-Spessart), mit Sportkameradinnen, die als Testpersonen für ihre Projekt beim amerikanischen Sportausrüster Under Armour und die Masterarbeit bereitstanden, und nicht zuletzt der Deutschen Sporthochschule in Köln, wo eine Abschlussklausur anstand.

Doch Corona durchkreuzte wie bei so vielen Menschen auf der Welt die Pläne der in der erweiterten nationalen Spitzenklasse laufenden 800-Meter-Läuferin der LG Main-Spessart ganz beträchtlich. Stattdessen sitzt die 24-jährige Bachelor-of-Engeneering-Absolventin in Portland im US-Bundestaat Oregon in einem 15-Quadratmeter-Zimmer nahe des Betriebsgeländes ihres im Weltmarkt aufstrebenden US-Sportartikel-Herstellers, für den sie in der Biomechanik-Forschung für Laufschuhe seit vergangenen September im Rahmen eines "Research Fellowships" der Deutschen Sporthochschule Köln tätig ist, und bearbeitet Daten. Besser gesagt, ein Teil der erforderlichen Daten, die sie in einer Studie mit US-Läuferinnen über Monate erhoben hat und die eigentlich just in diesen Tagen mit rund einem Dutzend Daten von deutschen Läuferinnen ergänzt werden sollten.

"Ich hatte im Handumdrehen über meine persönlichen Sportkontakte und einem Facebook- Aufruf mehr bereitwillige Testläuferinnen aus meiner Heimat an der Hand, als ich sie in Portland rekrutieren konnte", berichtet Kohlmann. Was für den Laien auf den ersten Blick etwas verwunderlich wirken mag angesichts der Tatsache, dass am Laufparadies Portland nicht nur zwei Weltmarktführer der Sportartikelbranche ihren Sitz haben, sondern auch sehr viele Spitzenläuferinnen aus aller Welt beheimatet sind.

Aber die mit Bestzeiten von 54,55 Sekunden über 400 Meter und 2:06,55 Minuten über 800 Meter immer noch der deutschen Spitzenklasse angehörende Kohlmann erklärt: "Die meisten Läuferinnen sind bei den beiden Branchen-Riesen unter Vertrag und daher für Forschungsergebnisse unserer aufstrebenden Marke nicht zu haben."

"Tierisches Heimweh"

So wollte sie die Zeit um Ostern nicht nur privat für den längst überfälligen Heimatbesuch („Ich habe tierisches Heimweh.“) bei der Familie nutzen, sondern nebenbei die Abschluss-Klausur in Köln für ihren Master "Human Technology in Sports and Medicine" schreiben und eben die noch fehlenden Test- und Forschungsdaten für ihr Laufschuh-Projekt, aus der sich wiederum die Master-Arbeit ergeben sollte, durchführen. "Ich habe keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen soll, wir sind alle im Homeoffice und haben unsere Laptops aus der Firma mitgenommen, so kann ich wenigstens die vorhandenen Daten und einige andere kleinere Dinge abarbeiten“, so Kohlmann schulterzuckend.

Der schon geplante Heimflug vor zwei Wochen stand unmittelbar bevor, aber aufgrund der von US-Präsident Donald Trump verhängten Einreisesperre für Ausländer wäre eine Rückkehr in die USA und an ihren Arbeitsplatz anschließend nicht mehr möglich gewesen. "Mein Visum wäre ungültig geworden, ich hätte dann meinen Job verloren und meine Masterarbeit zusätzlich in den Wind schreiben können. Deshalb habe ich mich schweren Herzens für das Verbleiben in Portland entschieden, weil der Job mir ja auch großen Spaß macht", sagt die Mainfränkin.

Geschenk vom früheren Abteilungsleiter Erwin Pfaff

Ein bisschen Trost findet sie zumindest bei dem Gedanken an die Heimat auch bei Olympiadackel "Waldi". Die Symbolfigur der Olympischen Spiele 1972 in München war ihr kurz vor der Abreise im vergangenen Jahr von ehemaligen Leichtathletik-Abteilungsleiter Erwin Pfaff und dessen Gattin Anni vermacht worden, um sie in der Ferne an ihre Heimat zu erinnern.

"Mein Blick geht nun von Woche zu Woche", sagt Corinne Kohlmann. Im März habe sich alles so schnell verändert, wie man es nie erwartet habe. Ihre Masterarbeit stehe still, da sie weder in Portland noch in Deutschland ihre Datenerhebungen fortführen könne. "Wie die Entwicklung sein wird, wird sich zeigen", legt sie Zweckoptimismus an den Tag.

Weil Corinne Kohlmann derzeit wichtige Daten für ihre Masterarbeit nicht erheben kann, packt sie wieder täglich ihre Laufschuhe aus.
Foto: Corinne Kohlmann | Weil Corinne Kohlmann derzeit wichtige Daten für ihre Masterarbeit nicht erheben kann, packt sie wieder täglich ihre Laufschuhe aus.

Ansonsten empfindet Kohlmann die Auswirkungen von Corona in den Staaten "nicht schlimmer als bei uns zu Hause“. Das öffentliche Leben sei ebenso lahmgelegt. „Klar, die Straßen sind leergefegt, aber die Menschen sind sehr diszipliniert und halten ihre 'six feet' Abstand fein säuberlich ein." Auch die Stimmung unter ihren Arbeitskollegen sei gut, "die haben alle eine vernünftige Denkweise ähnlich wie die Menschen in Deutschland".

In einem unterscheiden sich nach Ansicht von Kohlmann die Amerikaner von den Deutschen: "Alle legen großen Wert darauf, sich von Anfang an richtig zu schützen wegen des Gesundheitssystems", so Kohlmann, weswegen Desinfektion, Handschuhe, Masken und nur eine bestimmte Anzahl von Personen im Supermarkt sowie Abstand halten von Beginn der Corona-Krise zum Alltag gehörten.

Etwas Gutes kann sie in sportlicher Hinsicht der Corona-Krise dennoch abgewinnen. „Ich kann endlich wieder mehr trainieren“, so die ehrgeizige Schwester der einzigen "Sub 2"-Läuferin Unterfrankens und bayerischen Rekordhalterin, Fabienne Kohlmann. So steht statt der durch die aufwändige Forschungsarbeit eingeschränkten drei bis fünf Trainingseinheiten pro Woche nun wieder tägliches Training an. Und nachdem kürzlich eine amerikanische Topläuferin bei ihrer Firma angefangen hat, hat sie jetzt auch wieder eine Trainingspartnerin auch während Corona: "Wir halten peinlichst genau unsere six feet ein, und dann ist das hier kein Problem."

Ob sie allerdings im August ihr einjähriges Forschungspraktikum abschließen wird können, steht ebenso in den Sternen, wie derzeit niemand eine Aussage darüber treffen mag, wann wieder einigermaßen Normalität einkehren wird.

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