Karlstadt

Hannah Zimmer und die Kunst der Selbstüberwindung

Vor dem Absprung: Hannah Zimmer aus Veitshöchsheim von der LG Main-Spessart.
Foto: Günther Felbinger | Vor dem Absprung: Hannah Zimmer aus Veitshöchsheim von der LG Main-Spessart.

Stabhochsprung ist keine leichtathletische Disziplin wie jede andere. Die Komplexität aus Anlauf, Absprung, artistischem Aufschwingen und letztendlich turnerischem Geschick beim Überqueren der Latte erfordern neben den athletischen und körperlichen Parametern vor allem Mut und eine Portion Selbstüberwindung.

Umso mehr, wenn nach dem Aufschwung der abrupte Absturz in den Einstichkasten erfolgt, wie ihn Hannah Zimmer (LG Main-Spessart) bei den bayerischen U-20-Meisterschaften in Erding erlebte. Bei dem regnerischen Wetter - und nachdem sie mit übersprungenen 3,00 Metern bereits als Titelträgerin der U 20 feststand - passierte genau ein solcher Absturz in den Einstichkasten bei ihrem zweiten Versuch über die angestrebte Bestleistung von 3,10 Metern. "Ich konnte einfach, trotz dass ich vorher den Stab trocken gerieben habe und mit Magnesia eingestaubt habe, den Druck nach dem Absprung nicht halten, weil der Stab an der Grifffläche rutschig war“, erzählt sie mit versteinerter Miene. Denn oftmals erleiden die "Stabis" wie sie liebevoll im Fachjargon genannt werden, von so einem Vorfall ein richtiggehendes Trauma.

Hannah Zimmer nennt es Blockade. Und sie weiß, wovon sie spricht, denn Blockaden bei den Sportlern sind bei einer so hoch anspruchsvollen Disziplin wie dem Stabhochsprung keine Seltenheit. Im Frühsommer, so die 17-jährige Veitshöchheimerin, hatte sie beispielsweise eine Absprungblockade und ist im Training permanent "durchgelaufen", also erst gar nicht abgesprungen. Wochen hat es gedauert, bis endlich wieder der erste Sprung über die Latte glückte, ausgerechnet beim ersten Saison-Wettkampf nach der langen Corona-Pause in Aschaffenburg, bei dem dann gleich 2,83 Meter zu Buche standen.

Wenn der Sprung selbst mehr wert als die Höhe ist

"Deswegen bin ich gleich nach dem Absturz in Erding auf Anraten meiner Trainer nochmal gesprungen", berichtet die erst seit zwei Jahren sich dem Stabhochsprung verschriebene Zimmer. "Das war ein Sieg über mich selbst, dass ich nach diesem Vorfall wieder gesprungen bin und mich überwunden habe", sagt die Montessori-Fachoberschülerin, die im kommenden Jahr ihr Abitur ablegen will. "Da war der eigentliche Sprung mehr wert als die Höhe selber", ist sie überzeugt. Ein beim Absturz aufgeschundener Rücken blieb ihr dennoch.

Die Außergewöhnlichkeit des Stabhochsprungs ist das, was Hannah Zimmer früh erkennen ließ, dass es genau ihre Disziplin ist. "Ich habe es mal ausprobiert und dann gewusst, das ist es, dieses Gefühl zu Fliegen!" Dabei weiß sie selbst und hat es am eigenen Leib verspürt, wie gefährlich ihr Sport ist. "Viele unterschätzen ihn, und bedauerlicherweise hat es ja schon schlimme Unfälle gegeben", so Zimmer. Aber sie liebt es, sich jedes Mal wieder selbst überwinden zu müssen auf dem Weg zum unbeschreiblichen Fluggefühl.

Schneller Lernprozess

Deswegen trainiert sie auch stets mit Leidenschaft drei- oder viermal die Woche bei ihrem Trainerteam um Freddy Schlund, Eva und Ingo Mühlhofer. Dabei sind ihr auch schon Sprünge über das Seil gelungen, die weitaus höher sind als ihre derzeitige Bestleistung und gar nicht mehr so weit weg sind von jenen 3,60 Meter, die sie sich im nächsten Jahr zum Ziel gesetzt hat und gleichbedeutend mit der Qualifikation für die deutschen Jugendmeisterschaften wären. Dafür ist sie guter Dinge, denn bisher liefen ihre Stab-Lernprozesse sehr zügig ab. "Normalerweise werden die drei Meter bei jungen Stabspringerinnen oft erst nach drei bis vier Jahren erreicht, ich habe es nach eineinhalb Jahren geschafft, das stimmt mich zuversichtlich dass es weiter geht", so Zimmer.

Zumal diese Saison wegen Hüftproblemen über sechs Monate kein Technik- und Schnelligkeitstraining möglich machte. Kraft- und Stabilisationstraining rettete sie so über den Corona-Lockdown. "Von daher kann ich sagen, habe ich von der ,Late Season' profitiert, denn vorher hätte ich noch längst nicht diese Leistungen erreichen können", so Zimmer rückblickend.

Der Autor ist früherer Landtagsabgeordneter und Kommunalpolitiker und seit seinem Ausscheiden aus der Politik Vorsitzender der bayerischen Sektion des Deutschen Sportlehrerverbandes. Bereits vor seiner politischen Laufbahn hatte der ausgebildete Journalist als freier Mitarbeiter für diese Sportredaktion  gearbeitet, für die er nun auch hin und wieder tätig ist.

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