Bad Königshofen

Ganz nah dran an Timo Boll und Co

Joachim Car (2. von rechts) und das Schiedsrichterteam beim Tischtennis-Bundesligaspiel des TSV Bad Königshofen gegen den TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell am 2. September 2018. Das waren noch Zeiten mit vielen Zuschauern (600) und ohne Mund-Nasenschutz-Bedeckungen.
Foto: Rudi Dümpert | Joachim Car (2. von rechts) und das Schiedsrichterteam beim Tischtennis-Bundesligaspiel des TSV Bad Königshofen gegen den TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell am 2. September 2018.

In welcher Sportart gibt es das sonst noch, dass bei einem Bundesligaspiel mehr Schiedsrichter (4) fungieren als Spieler (3) einer Mannschaft antreten. Wenn man Joachim Car aus Fuchsstadt gezielt darauf anspricht, wirkt er fast etwas resigniert: „Weil ich mir eine andere Lösung vorstellen könnte. Ein Oberschiedsrichter und zwei Schiedsrichter am Tisch könnten sich im Rotationsprinzip abwechseln. Bisher aber hat das Ressort Schiedsrichter im Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) meinen Vorschlag abgelehnt. Aber das erledigt sich vermutlich von selbst. Irgendwann gibt es nämlich nicht mehr genug Schiedsrichter, die unter den gegebenen Rahmenbedingungen ihr Ehrenamt im Profisport ausüben werden. 60 Prozent der bayerischen Schiedsrichter sind zwischen 50 und 70 Jahre alt.“ Damit er selber fit und immer auf Stand der Dinge bleibt, spielt Car noch aktiv in einer Mannschaft des SV Langendorf in der Bezirksklasse A. „JoCar“ hat sich zwar mit Haut und Haar dem Tischtennis-Sport verschrieben. Er ist aber nie mit dem Zustand „das war schon immer so“ zufrieden, sondern bestrebt, der Sportart noch mehr Aufmerksamkeit in der öffentlichen Wahrnehmung zu verschaffen und Spieler jeden Alters zu animieren, sich zum Tischtennis-Schiedsrichter ausbilden zu lassen. „Heutzutage geht das sogar online.“ Im Interview gibt der oberste Schiedsrichter Bayerns, einer von 25 lizenzierten Bundesliga-Schiedsrichtern im Bayerischen Tischtennis-Verband (BTTV), auch darüber Auskunft, worüber sich so mancher Zuschauer in der einst prallvollen Bad Königshöfer Shakehands-Arena schon einmal gewundert hat.

Frage: Wozu braucht man eigentlich vier Schiedsrichter, die doch eh nur die Zähltafel umklappen und die Ergebnisse aufschreiben?

Joachim Car: Diese Frage ist sicherlich provokativ gemeint. Gewiss, drei täten?s, wie schon erwähnt, auch. Über ihre Aufgaben gibt der Bericht des Oberschiedsrichters, in vierfacher Ausfertigung abzugeben, Aufschluss. Auf vier Seiten sind 32 Regelungen aufgeführt bezüglich der Austragungsstätte, der Spielkleidung u. v. a. bis hin zu den Werbeflächen, deren Platzierung und Größe. Dafür sind 88 Fragen anzukreuzen, zuvor muss überprüft und nachgemessen werden. Dabei geht es um die Boxen, Tische, Schläger, die Netzhöhe (15,25 cm) und Netzspannung, die mit einer metallenen Netzlehre gemessen wird, um den Bodenbelag, die Raumtemperatur und zurzeit viele weitere Hygiene-Auflagen. Die Beleuchtung wird mit einem elektronischen Lichtmessgerät an den vier Ecken des Tisches gemessen. Die Lichtquellen müssen mindestens 800 Lux leisten.

Wozu man doch Stunden braucht?

Car: Bräuchte. Natürlich helfen dabei die Tisch-Schiedsrichter mit und vieles ist eh wie beim letzten Mal. Die Gespanne sind ja öfter in dieser Halle. Am Tisch selbst ist die Aufgabenverteilung von Hauptschiedsrichter und Schiedsrichter-Assistent klar geregelt. Beide können aber bestimmte Entscheidungen gleichberechtigt treffen.

Seit wann sind Sie Schiedsrichter? Wer teilt die SR-Teams ein, wie viele Stunden sind Sie für ein Bundesligaspiel in Bad Königshofen unterwegs und wie werden Sie dafür entschädigt?

Car: Seit 1975, da spielte ich bei meinem Heimatverein DJK Wörth am Main. Die nationale Lizenz kam 1995, die internationale 2000 dazu. Die Einteilung der Schiedsrichter für die TTBL und alle weiteren Bundesspielklassen habe ich an die regional zuständigen Einsatzleiter delegiert. Zwei Stunden vorher muss der Oberschiedsrichter in der Halle sein, auch wegen jener Kontrollaufgaben vor dem Spiel. Drei Stunden im Schnitt pro Spiel, zwei Stunden für An- und Rückreise, macht sieben Stunden. Die Vergütung liegt seit vielen Jahren bei 30 Euro plus Kilometer-Geld. Wenn wir beim Bund eine Erhöhung der Vergütung einfordern, heißt es immer, wir sollten dankbar sein, dass wir so nah dran an einem Timo Boll sein dürfen. Nun ja, es ist halt ein Ehrenamt, etwas Idealismus gehört auch dazu.

Was unterscheidet den Oberschiedsrichter von den drei anderen?

Car: Er leitet gesamtverantwortlich und als letzte Instanz in allen Regelfragen den Wettkampf. Er überwacht die Zwei am Tisch und kann im Bedarfsfall einen Schiedsrichter sogar austauschen, was allerdings sehr selten vorkommt. Am Tisch selbst gibt es viele Tatbestände, bei denen beide gleichberechtigt entscheiden. Wenn zum Beispiel ein Ballwechsel wegen einer Störung oder Netzangabe zu unterbrechen ist, hebt der die Hand, der die Situation als erster wahrgenommen hat.

Wie sehen Sie es, wenn keiner der Schiedsrichter die Netzangabe oder den Ball an der Tischkante gesehen hat, wenn ein Spieler aber ehrlich ist und das gegen sich korrigiert? Ist das unfair dem Schiedsrichter gegenüber?

Car: Keinesfalls. Die Profis haben ein sehr ausgeprägtes Gespür dafür und sehen das oft besser als wir. Zudem gibt es doch nichts Besseres, als dass Spitzen-Sportler ihrer Vorbildfunktion nachkommen, ehrlich und fair sind und den Jugendlichen vormachen, dass das nicht uncool ist. Das gibt es nicht in allen Sportarten. Sehen Sie nur, wie beim Fußball Elfmeter mit Schwalben, jetzt sagt man, gezogen und Platzverweise provoziert werden und man das clever nennt. Gut, dass sich im Tischtennis fast alle an diesen Ehrenkodex halten.

Gibt es Situationen, in denen der Oberschiedsrichter eingreift und welche Strafmaßnahmen gibt es für bestimmte Vergehen?

Car: Hin und wieder schon. Zum Beispiel musste ich beim Spiel Bad Königshofen gegen Fulda mehrmals intervenieren, als Quadri Aruna gegen die Hygiene-Regeln verstieß, indem er vor jedem Aufschlag den Spielball anhauchte und die Anweisungen der Schiedsrichter am Tisch nicht befolgte. Solche Automatismen raus zu kriegen, ist natürlich nicht einfach. Ebenso wenn ein Spieler bei seinem Aufschlag für einen Moment mit seiner Schulter den Ball für seinen Gegner verdeckt. Vergehen sind zum Beispiel Wutausbrüche jeder Art. Sanktioniert werden solche Vergehen vom Tisch-Schiedsrichter in der Abfolge Ermahnung, Verwarnung mit gelber Karte, einen bzw. zwei Strafpunkte jeweils mit gelb-roter Karte. Eine Disqualifikation als letzte und härteste Maßnahme ist grundsätzlich nur vom Oberschiedsrichter auszusprechen, kam bei mir aber noch nie vor.

39 der 48 Top-4-Spieler der zwölf Teams sind Ausländer. Gibt es gelegentlich Sprachprobleme bei Beanstandungen?

Car: Bei den meisten geht es mit Englisch oder ein bisschen Deutsch und durch Erklärungen mit Mimik und Gestik oder auch international üblichen Handzeichen.

Möchten Sie noch etwas loswerden?

Car: Danke für die Möglichkeit zur Werbung in eigener Sache. Tischtennis-Schiedsrichter kann schon sehr interessant sein und die Aufstiegsmöglichkeiten nach weit oben sind sehr günstig. Ein Beispiel dafür ist Nils Dünninger aus Goßmannsdorf. Mit 18 darf er schon Einzelspiele in der 1. Bundesliga der Frauen und in der 2. Bundesliga der Männer leiten. Er ist ganz nah dran an der TTBL – und an Timo Boll. Wer Interesse an einer Basisausbildung hat, kann sich unter j-car@bttv.de an mich wenden.

Joachim Car

Alter: 63

Wohnort: Fuchsstadt

Verein: SV Langendorf

Beruf: Pensionist, ehemals Stabsoffizier bei der Bundeswehr

Ämter: Bezirksvorsitzender Unterfranken im BTTV (bis zur Auflösung des Bezirks 2018), Verbandsschiedsrichter-Obmann (VSRO), Verbandsschiedsrichter-Lehrwart und verantwortlich für die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Schiedsrichter im BTTV (rd)

Joachim Car bei seinem Einsatz als Oberschiedsrichter und zudem als Zähler beim jüngsten Heimspiel des TSV Bad Königshofen gegen den TTC Zugbrücke Grenzau.
Foto: Rudi Dümpert | Joachim Car bei seinem Einsatz als Oberschiedsrichter und zudem als Zähler beim jüngsten Heimspiel des TSV Bad Königshofen gegen den TTC Zugbrücke Grenzau.
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