Fußball: Regionalliga Bayern

Die ganze Hoffnung des FC 05 liegt im März

Schweinfurt hat im ersten Monat nach der Winterpause das leichtere Programm als Tabellenführer Türkgücü. Was neben einem frühen "Flow" noch nötig ist für eine Aufholjagd.
Eine Einheit wollen sie sein: Fans und Spieler des FC 05 Schweinfurt. Die vier gewonnen Pflichtspiele vor der Winterpause haben eine allgemeine Euphorie entfacht.
Eine Einheit wollen sie sein: Fans und Spieler des FC 05 Schweinfurt. Die vier gewonnen Pflichtspiele vor der Winterpause haben eine allgemeine Euphorie entfacht. Foto: foto2press/Frank Scheuring

Die Fußball-Regionalliga Bayern startet am Wochenende in die noch zwölf Spieltage dauernde Restrunde. Und der auf dem zweiten Platz rangierende FC 05 Schweinfurt hat es sich zum Ziel gesetzt, den acht Punkte voraus liegenden Tabellenführer Türkgücü München noch zu überholen. Daran haben Präsident Markus Wolf ("wir schaffen das") und Trainer Tobias Strobl ("warum soll man nicht alle zwölf Spiele gewinnen können") wenig Zweifel gelassen. Dass Münchens Coach Rainer Maurer ("acht Punkt im Fußball zu verspielen, hat es schon gegeben") jüngst tief stapelte, soll eine Saison, die für Viele schon gelaufen scheint, ein Stückchen spannender machen.

Ob diese verbal basierte Spannung gerechtfertigt ist, müssen die ersten Partien zeigen. Fakt ist: Mit jedem Sieg der Münchner sinken rechnerisch die Chancen der Schweinfurter, am vorletzten Spieltag (Sonntag, 17. Mai)  im direkten Vergleich in der Landeshauptstadt eine Wende heraufbeschwören zu können. Da müssten sie eigentlich schon vorbeiziehen, denn zum Saisonfinale hat Türkgücü mit dem Gastspiel in Heimstetten eine vergleichbar harmlose Aufgabe vor sich, der FC 05 mit Eichstätt eine deutlich schwerere.

Der SV Heimstetten dient quasi als Klammer dieses Fernduells: Denn der Münchner Vorort-Klub, ironischerweise bis zur Winterpause Gastgeber der noch heimatlosen Türken, ist am Samstag (14 Uhr) Auftaktgegner der Schweinfurter. Und die dürfen sich weder dort, noch während der folgenden Wochen Punktverluste erlauben.

Ist es realistisch, dass der FC 05 Schweinfurt zwölf Spiele gewinnt?

Nein. So sehr die Mannschaft samt Verantwortlichen Optimismus und Euphorie ausstrahlt: Da warten zu viele hochkarätige Regionalliga-Teams, die es sich angesichts eigener Chancenlosigkeit nach ganz oben zum Ziel machen dürften, das Spitzenduo zu ärgern. Türkgücü wie die Nullfünfer, denen bei fünf Zählern plus auf die weiteren Verfolger ja der (bedeutungslose) zweite Platz längst nicht sicher ist. So wartet auf den FC 05 bereits am dritten Spieltag nach Wiederbeginn (Samstag, 21. März) beim Tabellenfünften Viktoria Aschaffenburg, wo mit dem Pokal-Aus Anfang Oktober die fünfwöchige Ergebniskrise der Schweinfurter begonnen hatte, eine ganz knifflige Herausforderung.

Andererseits ist es gleich dieser März, der, wenn überhaupt, die Weichen zu Gunsten der Unterfranken stellen könnte. Denn mit Heimstetten, Schalding-Heining und Garching sind die weiteren Kontrahenten in diesem Zeitraum überschaubar. Während Türkgücü neben dem Auftakt-Gang zu den unbequemen Augsburgern und anschließend Illertissen zu Hause gleich zwei "Brocken" vor sich hat: Am 21. März beim Tabellendritten 1. FC Nürnberg II, am 30. März (Live-Spiel am Montagabend) gegen den Vierten SpVgg Bayreuth.

Rivalität: Im ersten direkten Vergleich in Schweinfurt gerieten Kasim Rabihic (Türkgücü München) und Gianluca Lo Scrudato (FC 05) aneinander.
Rivalität: Im ersten direkten Vergleich in Schweinfurt gerieten Kasim Rabihic (Türkgücü München) und Gianluca Lo Scrudato (FC 05) aneinander. Foto: foto2press/Frank Scheuring

Wollten die Schweinfurter es wirklich noch schaffen, müssten sie diesen März nutzen, um mindestens fünf Punkte wettzumachen. Das Restprogramm der Türken, den direkten Vergleich mal abgesehen, sieht nämlich nicht so aus, als lade es zu einer Aufholjagd des FC 05 ein, der dann noch Nürnberg und Bayreuth zum Gegner hat und auf einen zuvor einsetzenden "Flow" und die wieder deutlich engere Bande zu den Fans baut.

Worin unterscheiden sich Türkgücü München und der FC 05 Schweinfurt?

Während die Schweinfurter nach zwei vergeblichen Anläufen, bei denen mit dem TSV 1860 und dem FC Bayern auch zwei Teams aus München vorne lagen, ein drittes Mal in Folge am Drittliga-Aufstieg zu scheitern drohen, will Türkgücü als Aufsteiger den direkten Durchmarsch. Der in diesem Projekt fast schon Pflicht und doch erst Anfang wäre: Dass die Dritte Liga unrentabel sei, hat Klub-Boss Hasan Kivran ("dort gibt es die meisten Insolvenzen") bereits geäußert und offen die Zweite Liga ins Feld geführt. Potente Geldgeber hat der spendable Geschäftsmann ins Boot holen können, wie Global Player aus der Reise- (FTI) und Lebensmittel-Branche (Gazi), oder Trikotsponsor AON, der auch mit Manchester United kooperiert hatte und derzeit beim FC Parma wirbt. Für den Fall des ersten Aufstiegs eines von Migranten gegründeten Vereins in den deutschen Profi-Fußball hat offenbar Turkish Airlines seinen Einstieg angekündigt.

Das Vorhaben Durchmarsch wurde unterfüttert mit 20 Neuverpflichtungen. Marco Holz (aus Saarbrücken gekommen), Patrick Hasenhüttel (Ingolstadt), Benedikt Kirsch (Fürth) oder Mario Erb (Uerdingen) sind nur einige der Hochkaräter. Da war selbst für "Fehleinkauf" Karl-Heinz Lappe, den ehemaligen Zweitliga-Angreifer, kein Platz mehr; der Vertrag mit ihm wurde wieder aufgelöst.

Klotzen statt kleckern: Türkgücü München hat mit AON einen potenten Werbepartner.
Klotzen statt kleckern: Türkgücü München hat mit AON einen potenten Werbepartner. Foto: foto2press/Frank Scheuring

Da steht der FC 05 vergleichsweise hemdsärmelig da. Trotz der knappen Million Sponsorleistung von Markus Wolf dürfte der mit rund 1,4 Millionen anzusiedelnde Schweinfurter Etat nur knapp mehr als die Hälfte des Münchners sein. Im Willy-Sachs-Stadion fehlen die größeren Namen des Geschäfts. Zwar wurde auch in Schweinfurt umstrukturiert, doch das Dutzend Neuer gehört überwiegend zur Kategorie Talent mit vernünftiger Perspektive. Dumm nur: In einer Spielzeit mit so einem potenten Mitstreiter, war für die Entwicklung dieser Perspektiven zu wenig Zeit.

Eine bemerkenswerte Parallele: Beide Klubs trennten sich binnen weniger Tage von ihrem sportlichen Leiter, in Schweinfurt Björn Schlicke, in München Robert Hettich. Beide Male vorzeitig, weil offenbar ohnehin keine weitere Zusammenarbeit nach Saisonende geplant gewesen sei.

Wie ist der aktuelle Leistungsstand der Schweinfurter Mannschaft einzuordnen?

Dass der FC 05 mit 45 bereits zehn Punkte mehr gesammelt hat als vor einem Jahr nach 22 Spieltagen, ist die eine Seite. Die andere: Es sind im Vergleich mit München einfach acht zu wenig. Und die haben wenig mit Türkgücü zu tun. Immerhin trennte man sich im ersten Duell ja 1:1 unentschieden. Das war ausgerechnet der einzige Punkt im Oktober, in dem sich die Schweinfurter mit schwachen möglicherweise alles verspielt haben. Mit dem Trainerwechsel von Timo Wenzel zu Tobias Strobl Anfang November kam die Wende. Es folgten erst drei souveräne Siege, dann dieses unglaubliche 4:3 nach 0:3-Rückstand gegen Rosenheim.

An dieser Serie misst sich der FC 05 im Jahr 2020. Muss dabei aber aufpassen: Da wurde munter gestürmt mit einem Personal, das zuvor eher auf Vorsicht getrimmt war - und es ging gut, auch weil Strobel mit einer erfrischenden Art eine Welle der Euphorie initiiert hatte. Eine, nicht nur von den Ergebnissen her, durchwachsene Testspielserie relativiert dieses Bild nun.

Weiß, dass es beim FC 05 vor allem in der Defensive noch etwas zu richten hat: Trainer Tobias Strobl.
Weiß, dass es beim FC 05 vor allem in der Defensive noch etwas zu richten hat: Trainer Tobias Strobl. Foto: foto2press/Frank Scheuring

Vor dem Trainingslager lief's noch, in der Türkei nicht mehr ganz so und das 3:3 gegen Bayernligist Erlangen offenbarte, was das 4:1 gegen Großbardorf kaum kaschieren konnte: Abwehrschwächen. Und dann dieses 4:6 bei Liga-Konkurrent Greuther Fürth II. Zehn Gegentore in den letzten drei Spielen vor dem ersten Pflichtspiel, das waren Strobl deutlich zu viel: "Das liegt nicht an der Staffelung, sondern an der Bereitschaft, das gegnerische Spiel zu unterbinden." Abrücken will er von der Dreierkette deswegen nicht. Er will sie auch eindeutig als solche und nicht verkappte Fünferkette, bei der die beiden Außenbahnspieler immer sofort zurück kommen, sehen. "Wenn es danach aussähe, würde die Mannschaft etwas falsch machen. Das könnte nur passieren, wenn ein Gegner uns dominiert. Und das soll nie der Fall sein."

Welche personellen Möglichkeiten hat Trainer Tobias Strobl?

In Fürth hat die Dreierreihe Billick-Kleineheismann-Krätschmer nicht belegen können, erste Wahl zu sein. Von den Oldies Lukas Billick und Stefan Kleineheismann wird wohl einer weichen müssen, dafür Neuzugang Maximilian Bauer (aus Unterhaching) trotz seiner größenbedindingten Defizite im Kopfballspiel auf rechts hinten rücken. Denn Marco Fritscher scheint wieder fit, wird dann mit seiner enormen Laufstärke die rechte Außenbahn beackern. Zudem ist mit Lamar Yarbrough ein weiterer potentieller Innenverteidiger nach seiner Verletzungspause zurück.

Dieses Bild soll in der Restrunde zur Gewohntheit werden: jubelnde Nullfünfer mit Tim Danhof (links) und Christian Köppel (rechts). Fehlen wird allerdings der operierte Amar Suljic.
Dieses Bild soll in der Restrunde zur Gewohntheit werden: jubelnde Nullfünfer mit Tim Danhof (links) und Christian Köppel (rechts). Fehlen wird allerdings der operierte Amar Suljic. Foto: foto2press/Frank Scheuring

Fritscher Rechtsaußen, Christian Köppel Linksaußen, daran müssen sich die Schweinfurter Fans gewöhnen. Denn die potenziellen Kandidaten für diese Offensiv-Positionen fallen bis Saisonende aus: Amar Suljic (links) nach einer Adduktoren-OP, Benedict Laverty (rechts) mit Pfeifferschem Drüsenfieber. Ausgerechnet diese Spieler waren Schlüsselfiguren in Strobls ureigenem System der "wilden Wirbelei" im Angriff. Immer wieder zogen sie nach innen, forcierten Rochaden. "Es kann sein, dass wir künftig weniger Rotation im Spiel haben und geradliniger auf die letzte Kette spielen. Allerdings wollen wir weiter schwer greifbar im Angriffsspiel zu sein."

Strobel weiß aber auch, dass seine Offensivabteilung - anders als die mit Sachscha Korb, Kevin Fery, Tim Danhof und Lukas Ramser  üppig besetzte Zentrale - kaum noch Ausfälle verkraften kann. Dass Adam Jabiri mit seinen 35 Jahren zwölf Mal 90 Minuten gehen kann, ist fraglich. Talent Emir Bas stellt Strobl "Einsatzmöglichkeit" in Aussicht, mit dem lange verletzen Stefan Maderer rechnet er ebenfalls nicht sofort: "Man merkt schon, dass er Monate nicht auf dem Fußballplatz gestanden hat." Immerhin hat sich Mohamad Awata durch einige Testspiel-Tore neben Florian Pieper als zweiter Sturmpartner für Jabiri empfohlen.

Rückblick

  1. Warum auch Fußball-Profis zum Controller greifen
  2. Der FC 05 ist bereit für die Dritte Liga
  3. Stefan Maderer vom FC 05 nach Bayreuth
  4. Der FC 05 als stiller Beobachter der Münchner Gerüchteküche
  5. FC 05 verpflichtet David Grözinger vom VfB
  6. Türkgücü München beendet die Zusammenarbeit mit Trainer Maurer
  7. FC Schweinfurt 05: Drittliga-Aufstieg durch die Hintertür?
  8. Amar Cekic verstärkt die Offensive des FC 05 Schweinfurt
  9. Martin Thomann kehrt zum FC 05 Schweinfurt zurück
  10. FC 05 Schweinfurt verlängert mit Stefan Kleineheismann
  11. FC 05 steht nicht hinter dem BFV-Plan
  12. FC 05 verpflichtet Philipp Maier
  13. Luis Zwick verlängert beim FC 05
  14. FC 05: Marco Fritschers Gegenspieler heißt Corona
  15. Amar Suljic bleibt dem FC 05 Schweinfurt treu
  16. Emir Bas bleibt weitere drei Jahre beim FC 05
  17. FC 05 sichert sich Talent Nicolas Pfarr für weiteres Jahr
  18. Coronavirus: FC Memmingen sperrt zu, FC 05 hält noch durch
  19. Corona: FC 05 fehlen 200000 Euro, Kurzarbeit ist ein Thema
  20. Ex-Frankfurter Nico Rinderknecht wechselt zum FC 05 Schweinfurt
  21. FC 05: Kristian Böhnlein kommt vom TSV 1860 München
  22. Coronavirus: FC 05 sagt sein Heimspiel ab
  23. Herber Dämpfer für den FC 05 in Heimstetten
  24. Der FC 05 will mit kleinen Schritten zum Erfolg
  25. Die ganze Hoffnung des FC 05 liegt im März
  26. Kommentar: FC 05 tut gut am Mittelmaß aus Vernunft und Risiko
  27. Türkgücü und FC 05 beantragen Drittliga-Lizenz
  28. Der FC 05 hat ein Problem in der Abwehr
  29. Der FC 05 Schweinfurt testet in Fürth
  30. FC 05 gewinnt und löst Schlicke-Nachfolge intern
  31. FC Schweinfurt 05 trennt sich von Sportleiter Björn Schlicke
  32. Der FC 05 muss sich mit einem 3:3-Unentschieden begnügen
  33. FC 05: Tobias Strobl geht weiter volles Risiko
  34. Kommentar: Längst fällige Großspurigkeit des FC 05
  35. FC-05-Präsident Markus Wolf: "Wir schaffen das noch!"
  36. Wie eine Idee Maximilian Bauer zum FC 05 brachte
  37. Adam Jabiri: Der Architekt und etwas andere Fußballer
  38. Jan Gernlein stellt beim FC 05 nicht nur die Hütchen auf
  39. FC 05: erst Neujahrsempfang, dann ab ins Trainingslager
  40. Kevin Fery zaubert beim 3:0-Sieg des FC 05 Schweinfurt
  41. Dieter Kölbl wird neuer Trainer beim FC 05
  42. FC 05 verpflichtet Maximilian Bauer
  43. FC 05 Schweinfurt mit gutem ersten Test
  44. Björn Schlickes turbulentes Jahr beim FC 05
  45. Ein euphorischer FC 05 glaubt noch an seine Titel-Chance
  46. FC 05 startet ohne Sechs und testet einen Verteidiger
  47. Christian Köppel findet auch im Fußball Nächstenliebe
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