Fußball: Regionalliga Bayern

Arbeiter-Fußball soll das Markenzeichen des FC 05 werden

Türkgücü München erwies sich beim 1:1 im Spitzenspiel als bessere Mannschaft. Mit welchen Qualitäten die Schweinfurter die Spannung bis zum 16. Mai hoch halten können.
So sieht das dann aus, wenn Fußball gearbeitet wird: Der Schweinfurter Florian Pieper (grün) ringt den Münchner Michael Zant im Zweikampf nieder. Foto: foto2press/Frank Scheuring

Es war ein Machtkampf, im wahrsten Sinne des Wortes. Das Fußballspiel der beiden Topfavoriten um die Regionalliga-Meisterschaft zeigte erst, dass die Münchner das Wesentliche, das Kicken nämlich, besser können, und geriet zum großen Kampf, als die Schweinfurter selbigen annahmen. Der FC 05 rang Türkgücü ein 1:1 ab, das für den Moment sehr viel wert ist, weil es den Rückstand bei drei Punkten hält. Und erst wirklich etwas wert ist, wenn die Mannschaft annimmt, wie sie dem qualitativ besseren Rivalen ebenbürtig bleiben kann.

Denn nur solange der FC 05 den Kontakt zum Aufsteiger bei maximal diesen drei Miesen halten kann, so lange darf er dem vorletzten Spieltag am 16. Mai 2020 entgegenfiebern, auf dass im Rückspiel die Meisterschaftsentscheidung fallen möge. Türkgücü präsentierte sich am Montagabend unter Flutlicht als reifer, Schweinfurt nach der Pause als leidenschaftlicher. "Arbeiterfußball" nannte es FC-05-Kapitän uns 1:1-Schütze Stefan Kleineheismann. "Wir haben uns reingehauen mit dem Mut der Verzweiflung. Das war harte, ehrliche Arbeit."

Türkgücü verpasst eine 2:0-Führung

Fußballerisch war es bis zur Pause eher eine Fortsetzung der seltsamen Schweinfurter Oktober-Auftritte. Türkgücü war spritziger, gewitzter, bärenstark über seine Außen Dominik Weiß (links) und Kasim Rabihic (rechts), spielte sich etliche gute Chancen und verwandelte eine durch Benedikt Kirsch (42.). "Wir haben ein sehr gutes, ein packendes Spiel für diese Platzverhältnisse gesehen, mit einem am Ende gerechten Ergebnis", formulierte es Türkgücü-Coach Reiner Maurer freundlich für die Gastgeber. Denn wer weiß, ob sich die angesichts des ramponierten Selbstvertrauens nach einem durchaus möglichen 0:2 noch einmal hätten aufraffen können.

Dass sie das konnten, lag auch am schnellen 1:1 durch Kleineheismann. "Der Ausgleich hat das Spiel gedreht", so Maurer. Der 05-Kapitän sah die Initialzündung aber schon in den 100 Sekunden davor: "Wir sind nach der Pause sofort aggressiver angelaufen, und unter Druck haben die Münchner gleich Probleme bekommen, das gefällt ihnen nicht." In der Tat: Dass sich beim ziemlich hohes Risiko gehenden FC 05 nun auch die Außenverteidiger Gianluca Lo Scrudato und Marco Fritscher offensiver postierten, nachdem Sechser Sascha Korb zur Stabilisierung des Zentrums einen klassischen Achtziger-Jahre-Vorstopper gab, brachte die Münchner aus dem Konzept.

"Ich kann es echt nicht sagen, ich dachte der Ball hätte die Brust berührt."
FC-05-Kapitän Stefan Kleineheismann zum Handspiel beim vermeintlichen 2:1

So sehr, dass sie sich schier noch einen zweiten Treffer eingefangen hätten. Drin war der Ball schon nach Kleineheismanns wuchtigem Schuss (70.), doch soll er zuvor erst vom Arm vor die Füße gefallen sein. "Ich kann es echt nicht sagen, ich dachte, er hätte die Brust berührt", enthielt sich der 31-jährige Innenverteidiger einer klärenden Aussage. Selbst die Kameraeinstellung des Fernsehsenders sport 1 brachten keine Gewissheit. Gewiss war sich nur Schiedsrichter Thomas Berg ob seiner Entscheidung, den Treffer nicht zu geben.

Zu diskutieren, ob's zum Schweinfurter Sieg gereicht hätte, ist ohnehin müßig. Beinahe wichtiger als das Resultat war für den FC 05, dass man wieder auf Kurs ist. Wie fragil die Basis für die Titel-Hoffnung ist, war ja deutlich sichtbar geworden. Und das hatte Spuren hinterlassen. Zu passiv, zu weit weg vom Ball einerseits, zu ängstlich, Fehler zu machen bei Ballbesitz andererseits - in den ersten 20 Minuten wackelten die Schweinfurter Nerven gewaltig.

Luis Zwick hält Schweinfurt im Spiel

Neben Kleineheismann war es lange Zeit, und selbst noch nach dem Ausgleich bei einigen Münchner Kontern, vor allem einem zu verdanken, dass der FC 05 überhaupt im Spiel geblieben war: Luis Zwick. Der Schweinfurter Torhüter klärte mehrfach fantastisch,  "wieder einmal", wie sein Trainer Timo Wenzel mit Blick auf Zwicks starke Saison betonte. Das Zwick ihm nach dem Spiel einen auf ihm lastenden "unglaublichen hohen Druck" gestand, zeigte Wenzel, wie sehr seine überwiegend junge Mannschaft mit sich selbst zu kämpfen hatte. "Wie sie nach dem Rückstand damit umgegangen ist, war richtig gut."

Machtkampf: Der Münchner Kasim Rabihic (rot) und der Schweinfurter Gianluca Lo Scrudato bieten sich die Stirn, ihre Mannschaften schenkten sich auf dem Platz nichts. Foto: foto2press/Frank Scheuring

Während Türkgücü noch viele Spiele mit seiner individuellen Qualität wird richten können, müssen die Schweinfurter bedingungslosen Kampf zu ihrem Markenzeichen machen. Aber konstant. Dass Akteure wie Florian Pieper oder Kevin Fery, die zuletzt mit dieser extremen Fokussierung Probleme hatten, sich diesmal auch der Mittel Rennen und Grätschen bedienten, dass der im ersten Saison-Drittel noch so zielstrebige Pius Krätschmer wegen just jener Defizite diesmal erst spät eingewechselt wurde, also eine interne "Gelbe" gesehen hatte - all das spricht dafür, dass Spieler wie Verantwortliche die Signale erkannt haben.

Tim Danhof mit Offensiv-Potenzial

Auch, dass das frühe verletzungsbedingte Aus für Torjäger Adam Jabiri nicht in kollektiven Trübsal gemündet war, darf positiv gewertet werden. Mit Tim Danhof, der sich selbst in den Wochen des Schweinfurter Abschwungs als ein Spieler mit Offensiv-Potenzial herauskristallisiert hat, sprang ein Mittelfeldspieler als Unruheherd in die Bresche. Jabiri hatte einen Schlag auf die Hüfte bekommen, genaueres sollte die dienstägliche Untersuchung ergeben. Dass Trainer und Stürmer zu später Stund' noch lauthals zu Scherzen aufgelegt waren, war Ausdruck der Gelöstheit ob der teilweisen Schadensbegrenzung. Wenzels dialektales "Adam, was hascht?" führte zu der Erkenntnis "er isch alt".

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