Burghausen

Weshalb Andreas Sauer trotz vier Kreuzbandrissen noch Fußball spielt

Seine Verletzungshistorie hat er nicht mehr im Kopf. Dennoch ist der Keeper noch bei der DJK Wülfershausen/Burghausen aktiv. Das Aufhören klappt nämlich nicht so ganz.
34 Jahre Vereinstreue: Andreas Sauer, hier in einem Trikot der DJK Burghausen aus den Neunzigerjahren, wechselte verletzungsbedingt vom Feld ins Tor. Sein Sport lässt ihn dennoch nicht los.
Foto: Steffen Krapf | 34 Jahre Vereinstreue: Andreas Sauer, hier in einem Trikot der DJK Burghausen aus den Neunzigerjahren, wechselte verletzungsbedingt vom Feld ins Tor. Sein Sport lässt ihn dennoch nicht los.

Das Spiel seines Lebens hat Andreas Sauer haarscharf verpasst. Bei einem Gewinnspiel des Fußball-Fachmagazins Kicker schaffte es der Hobbyfußballer aus dem 250-Einwohner-Ort Burghausen, einem Teil der Gemeinde Wasserlosen im Landkreis Schweinfurt, bis in die Endrunde. Am Hauptgewinn, einem Abschiedsspiel im Nürnberger Max-Morlock-Stadion gegen das Traditionsteam des FCN, schrammte er in einem Online-Voting nur knapp vorbei.

Etwas enttäuscht wirkt er wenige Wochen nach der verpassten Chance immer noch. Was wäre das nur für eine Sternstunde für ihn und seinen Verein, den Kreisligisten DJK Wülfershausen/Burghausen, geworden? Einmal auf der großen Bühne des Fußballs aufzulaufen, um sich dann mit seinen langjährigen Mannschaftskameraden mit Club-Legenden wie Marc Oechler, Andreas Wolf oder Marek Mintal zu messen? Aber sei's drum. "Ondres", wie ihn alle nur rufen, nimmt es sportlich. Eine komplette Karriere mit allen Höhen und Tiefen hat Sauer im Trikot seines Klubs auch so erlebt.

Ein Leben für den Amateursport

Wenn der 40-Jährige über seinen Verein redet, ist die Leidenschaft und Begeisterung aus jedem Wort herauszuhören. Ein erfrischend ehrlicher Kontrast zum ganz großen Fußballbusiness, in dem hinter markigen Worten selten tatsächlich "wahre Liebe" steckt. Sauer lebt die Basis. "Der Verein ist doch der Anker einer jeden Ortschaft", erklärt er. Die soziale Komponente hebt er dabei besonders hervor. Ein Großteil des gemeinschaftlichen Zusammenlebens in Burghausen dreht sich um die DJK. "Das Sportheim haben unsere Großväter gebaut und uns hinterlassen. Jetzt liegt es an uns, das der nachfolgenden Generation weiterzugeben."

"Hinter kleinen Vereinen steckt ganz viel Idealismus", betont er. Vor allem bei den Sauers. Mitglied bei der DJK Burghausen ist Andreas schon seit seiner Geburt. Bruder Michael und beide Elternteile sind ebenso mit großem Engagement im Verein tätig. Zwei Spielzeiten lang standen die drei Männer der Familie sogar mal gemeinsam auf dem Feld. Mittlerweile ist bei Andreas auch noch die Mitgliedschaft bei der DJK aus dem Nachbarortschaft Wülfershausen dazugekommen. Für "Ondres" Ehrensache. Vor acht Jahren fusionierten die Fußballabteilungen - ein Zusammenschluss, von dem beide Seiten profitierten: "Die Fusion wird richtig gelebt".

"Ich wollte einfach wieder Fußballspielen."
Andreas Sauer über seinen Antrieb, nach schweren Verletzungen wieder aufzulaufen 

Seit 2017 spielt die erste Mannschaft in der Kreisliga. Mittendrin im Geschehen ist der "Oldie" des Teams dabei immer noch. Über 500 Pflichtspiele hat er mittlerweile auf dem Buckel. Es hätten aber auch locker über 800 sein können, meint er. Wäre da nicht noch die exorbitante Verletzungshistorie, die sich auch hinter seiner Fußballerzeit, die vor 34 Jahren begann, verbirgt.

Spätestens wenn, wie in diesem Fall, ein eigens vorbereiteter und komplett vollgeschriebener Notizzettel aus der Jackentasche gekramt werden muss, um die Chronologie seiner Verletzungen korrekt wiederzugeben, ist klar, dass es bei ihm weit über die üblichen Wehwehchen eines Hobbysportlers hinausging. Vier Kreuzbandrisse von 1999 bis 2013, die ihn letztlich fünfmal auf den OP-Tisch brachten. Besonders kompliziert und unschön wurde es bei der letzten Operation 2016, als sich an einer Bio-Schraube im Knie ein Abszess bildete und diese dann aus dem Unterschenkel herausgebohrt werden musste.

An der Rückkehr auf den Platz hinderten ihn aber keine der Rückschläge. Immer wieder kämpfte sich Sauer zurück. "Ich wollte einfach wieder Fußballspielen", nennt er ganz pragmatisch seine Beweggründe, es trotz allem Verletzungspech immer und immer wieder neu anzugehen. Das trieb sogar eine im Fußball recht ungewohnte Blüte. Um das Verletzungsrisiko am Knie zu minimieren, schulte der gelernte defensive Mittelfeldmann vor vier Jahren kurzerhand zum Torhüter um. In seiner ersten Saison, in der er unter anderem zwischen den Pfosten stand, blieb die DJK ein komplettes Jahr ohne Niederlage. Heute steht er als Nummer drei bereit und gibt den Torwarttrainer.

Diese Saison will er noch mitmachen, trotz der erschwerten Bedingungen durch Corona - danach werden die Fußball- und Handschuhe endgültig an den Nagel gehängt. Dem Fußball erhalten bleibt er aber in jedem Fall. Vor einem Jahr begann er als "Spätzünder" seine Schiedsrichterkarriere, die er künftig weiter vorantreiben möchte. "Früher war ich ein Besserwisser, heute versuche ich ein Bessermacher zu sein", sagt er. Den kleinen Obolus, den er als Unparteiischer bekommt, spendet er an die "Aktion Sternstunden". "Gegenseitiger Respekt und Unterstützung – das sind doch die Sachen, die mir der Fußball gelehrt hat." "Wahre Liebe" im Fußball gibt es also doch.

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