Rhönrad: Deutschland-Cup

Bei den Frauen rollt das Rhönrad nach wie vor

Fotoserie

Rhönrad Deutschland-Cup 9./10. November 2013

zur Fotoansicht
Wenn das Rhönrad rollt: Turnerinnen der TG Würzburg präsentieren ihre Sportart beim Deutschland-Cup in eigener Halle. Foto: STEPHAN RINKE

Neben den klassischen Sportarten gibt es eine ganze Reihe von Disziplinen, die mit derselben Ernsthaftigkeit betrieben werden, aber kaum Beachtung durch die Medien und Zuschauer finden. Worin die Faszination dieser Randsportarten steckt, ergründen wir in loser Folge in unserer Serie „Sport ohne Schlagzeilen“, wo wir uns bereits mit Korbball beschäftigt haben. Heute also folgt das Rhönrad-Turnen – nicht nur, aber auch wegen des Deutschland-Cups, der am Wochenende bei der TG Würzburg stattfand.

„Er war entschlossen genug, zwei Reifen sich aus der großväterlichen Schmiede zu holen, sie miteinander zu verbinden, damit zu trudeln und darin herumzutollen – und sich die Finger zu quetschen.“ Ein komischer Geselle, mag man meinen, der sich ein massives Sportgerät aus Stahl zurechtbastelt, womit man sich wehtun kann. Doch der Mann und seine Erfindung, die Edwin Huber 1931 in seinem Aufsatz „Das Rhönrad“ beschreibt, war nicht etwa ein gelangweilter Geräteturner, sondern ein Visionär, der mit dem neuen Sport zunächst einen steilen Aufstieg erlebte.

Im Jahre 1925 meldete der Vater des stählernen Doppelreifens, Otto Feick, in Schönau an der Brend das Rhönrad, dessen Durchmesser je nach Größe des Athleten variiert, zum Patent an und macht sich an die Arbeit, das Sportgerät unter die Leute zu bringen. Feick erwies sich dabei als brillanter Vermarkter, begeisterte mit den Athleten einer „Musterriege“ und deren Showeinlagen Zuschauer in den Metropolen der Welt. Mit den Vorführungen und mit der Arbeit in seinen Rhönwerkstätten verdiente er seinen Lebensunterhalt. Doch der Zweite Weltkrieg brachte die Sache zum Erliegen, nachdem auch die Nationalsozialisten Gefallen an der dynamischen Sportart gefunden und sie bei ihren Veranstaltungen eingesetzt hatten. Nach Kriegsende musste sich das Rhönrad-Turnen neu aufstellen, der Gründungsvater konnte allerdings nicht mehr davon profitieren: Feick erkrankte, starb 1959 völlig verarmt.

Doch zumindest mit dem Sport, der nach wie vor international von Deutschen bestimmt wird, ging es wieder aufwärts. Die Hallen sind bei Wettkämpfen heute oft gut gefüllt – so wie beim 16. Deutschland-Cup und den 41. deutschen Vereins-Mannschafts-Meisterschaften in Würzburg. Es waren ganz besondere Termine für die Turngemeinschaft 1848, feiert sie doch heuer das 85-jährige Bestehen ihrer Rhönradabteilung, der damit ältesten der Welt. Tatsächlich gehörten die Würzburger zu Otto Feicks ersten Unterstützern, sie stellten mehrere Teilnehmer seiner Showtruppe und gewannen 1930 bei der ersten WM in Bad Kissingen beide Einzeltitel. In den sechziger und siebziger Jahren, den erfolgreichsten in der Vereinsgeschichte, holten alleine Anneliese und Brigitte Faber zehn nationale Titel, 1997 wurde Claudia Geyer in Antwerpen Weltmeisterin.

„Als Junge in einer Gruppe mit Mädchen anzufangen, ist natürlich nicht ideal.“
Rhönrad-Fachwartin Brigitte Brauner über fehlenden männlichen Nachwuchs

„Rhönrad ist eine harmonische, ästhetische Sportart“, beschreibt Brigitte Brauner, Landesfachwartin für Rhönradturnen im Bayerischen Turnverband (BTV) und seit 1988 Abteilungsleiterin der TGW, die Attraktivität des Sports. Tatsächlich braucht man für die Akrobatik auf dem rollenden und von Frauen dominierten Sportgerät jede Menge Kraft, was sich in den athletischen Körpern der Sportlerinnen widerspiegelt. „Ich kann mir auch nicht genau erklären, warum es so wenige Männer beim Rhönradturnen gibt. Aber als Junge in einer Gruppe mit Mädchen anzufangen, ist natürlich nicht ideal“, sagt Brigitte Brauner, 1977 selbst deutsche Vizemeisterin, über den Mangel am männlichen Nachwuchs.

Dabei ist der Sport in den letzten Jahren anspruchsvoller geworden. Geturnt wird in drei Disziplinen: Beim Geradeturnen rollt man gleichmäßig auf beiden Reifen, das Rad wird nicht verlassen. Es wird unterschieden zwischen Pflicht, Kür mit und Kür ohne Musik. Bei der Spirale bewegt man das Gerät auf nur einem Reifen und hält es durch Körperverlagerungen in einer Kreisbahn. Beim Sprung läuft und springt die Athletin mit oder neben dem Rad und beendet die Vorführung im gesprungenen Abgang.

Auf nationaler Ebene messen sich beim Deutschland-Cup jährlich die Landesverbände, die jeweils ihre drei besten Turnerinnen und Turner in den verschiedenen Altersgruppen ins Rennen schicken. Zusätzlich gibt es die deutsche Meisterschaft für Vereinsmannschaften, an der heuer die Würzburger – Gewinner der ersten Meisterschaft 1961 – als Ausrichter teilnehmen durften und die der TSV Bayer 04 Leverkusen für sich entschied.

„Einen großen Nachteil hat das Rhönrad-Turnen allerdings: Ein Rad kostet bis zu 1500 Euro, die Logistik ist eine Herausforderung, und Geld kann man dabei kaum verdienen“, weiß Brigitte Brauner durchaus um die Schwierigkeiten ihrer Sportart. Ganz ungefährlich ist der Sport im runden Stahlreifen zudem nicht: Während einer Showeinlage bei den Meisterschaften in Würzburg verunglückte eines der TGW-Mädchen und kam mit einer Kopfverletzung ins Krankenhaus. „Eine Sportart ohne Risiko gibt es nicht. Ich habe mir auch zweimal die Kreuzbänder gerissen und sitze jetzt trotzdem hier“, bewertete Brigitte Brauner den Zwischenfall gelassen.

Zumindest um den weiblichen Nachwuchs scheint sie sich keine Sorgen machen zu müssen: Etwa 100 Aktive zählt ihre Abteilung. „Trotzdem muss eine Sportart manchmal neu erfunden werden, um Interesse zu wecken. Die Pionierarbeit ist dabei sehr schwierig. Die diesjährige WM in Chicago fand vor leeren Rängen statt“, so Brigitte Brauner. Und tatsächlich ist vielen Deutschen das Rhönrad kein Begriff. Vielleicht schafft es die Sportart aber, durch die immer anspruchsvoller werdende Athletik, in eine erfolgreichere Zukunft zu rollen. Otto Feick würde sich nachträglich freuen.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Bayer Leverkusen
  • Erfindungen
  • Korbball
  • Medien und Internet
  • Otto Feick
  • Sportgeräte
  • Turnsport
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!