Basketball: Bundesliga

Corona: Die Baskets in freiwilliger Quarantäne

Immer fokussiert auf die nächste Aufgabe. Die gibt es nicht mehr. Wie gehen Profisportler und ein Klub mit der Coronavirus-Pandemie um? Eine Spurensuche bei den Baskets.
Steffen Liebler (links) und Denis Wucherer bei der Baskets-Partie in Bonn. Foto: Heiko Becker

Den letzten Tag nutzten sie dann doch noch einmal aus und spielten eine Runde. Denis Wucherer und Steffen Liebler, Trainer und Geschäftsführer von Basketball-Bundesligist s.Oliver Würzburg, trafen sich am Montag über den Dächern von Würzburg. Natürlich auch um das weitere Vorgehen abzusprechen. Aber eben auch, um noch einmal den Schläger zu schwingen. Schließlich hat auch der Golfplatz dann am Dienstag dichtgemacht. Wie inzwischen auf Anweisung des Freistaats hin ja alle Sport- und Spielplätze in Bayern und vieles mehr, wo sich Menschen übern Weg laufen könnten. Die Baskets hatten bereits zuvor ihr Trainingszentrum wegen der Coronavirus-Pandemie geschlossen und den Klub und die Profimannschaft sozusagen in noch freiweillige Quarantänie gesteckt. Vorerst mal bis auf Weiteres.

"Crazy and weired times", verrückte und seltsame Zeiten also - das sind die vier Worte, die man von jedem bei Würzburgs besten Basketballern hört, mit dem man sich dieser Tage mal unterhält. "Es liegt auch in unserer Verantwortung, mitzuhelfen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen", sagt Liebler. Der Sport solle nun erst einmal zurücktreten: "Es gibt gerade wichtigere Themen."

Wucherer meint, der Trainerstab und die Mannschaft haben zwar in den "Stand-by-Modus" geschaltet, und natürlich sind die Spieler angehalten, sich im Homeoffice fit zu halten und individuell zu trainieren. Aber den Glauben daran und die Hoffnung, dass diese Saison später noch irgendwie regulär über die Bühne gebracht und zu Ende gespielt wird, hat der 46-Jährige fahren lassen. "Das ist inzwischen illusorisch."

BVUK.-Chef Michael Reizel mit dem ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Foto: Manuel Reger/BVUK-Verband

Der Trainer blickt eher schon ein bisschen weiter: "Wer weiß denn heute zu sagen, ob wir im Herbst überhaupt wieder anfangen?" Der ganze Markt im Nischensport Basketball "zerfällt gerade", meint Wucherer. Es gehe darum, "den Laden am Laufen zu halten, die Bundesliga und auch wir kämpfen ums Überleben wie alle anderen Sportarten hinter dem Fußball". Ins selbe Horn bläst Baskets-Manager Kresimir Loncar, der zwar der Meinung ist, dass "Sport momentan das Letzte ist, um was sich die Menschen sorgen sollten". Aber eben auch nüchtern feststellt: "Für uns wie für alle anderen Bundesligamannschaften geht es um die Existenz. Wir werden erst mal eine total andere finanzielle Situation bei allen Klubs haben." Da kann die Nachricht von BVUK.-Chef Michael Reizel, neben dem Namensspender s.Oliver der zweite Hauptsponsor des Klubs, den Baskets zumindest etwas Hoffnung machen: "Die aktuelle Situation, in der sich unser Land befindet und die niemand von uns verschuldet hat, ist dramatisch und eine große Herausforderung für uns alle. Wir als Hauptsponsor stehen zu unseren vertraglichen Verpflichtungen. Gerade in Krisenzeiten braucht es Zusammenhalt und Geschlossenheit", sagt Reizel. Die Basket-Fanklubs haben verkündet, auf etwaige Ansprüche wegen Rückzahlungen gekaufter Tickets verzichten zu wollen.

Baskets-Manager Kresimir Loncar: ""Die Änderungen werden drastisch sein." Foto: Heiko Becker

"Die Änderungen werden drastisch sein", prophezeit Loncar. "Auch die Spieler werden bereit sein müssen, finanziell stark abgespeckte Verträge zu bekommen." Dafür ist Cameron Wells ein Paradebeispiel. Der 31-jährige Texaner hat durch die Saison seines Lebens seinen Marktwert enorm nach oben geschraubt. Eigentlich. Aber jetzt? So weit in die Zukunft will der Baskets-Spielmacher gar nicht schauen. "Step by step", sagt er und hofft, dass er erst mal diese Saison noch zu Ende spielen darf. Eine vorzeitige Flucht in die Heimat, wie es andere Amerikaner bei Baskets-Konkurrenten schon getan haben, kommt für den Kapitän nicht infrage: "Ich bleibe beim Team, und dann werden wir in den nächsten Tagen und Wochen sehen, was passiert. Ich will erst Ende Mai nach Hause", sagt er - und meint: nach ein paar Play-off-Spielen.

Cameron Wells: ""Ich bleibe beim Team, und dann werden wir in den nächsten Tagen und Wochen sehen, was passiert." Foto: Heiko Becker

Fragt man ihn am Telefon, wie viele Netflix-Serien er sich denn inzwischen reingezogen habe, lacht Wells herzlich, erzählt was von Disney und betont, dass er auch Bücher lese. Auch für Wells' Landsmann Skyler Bowlin ist eine von den Baskets in Aussicht gestellte vorzeitige Vertragsauflösung, falls ein Importspieler nach Hause will, kein Thema, "in dieser schrägen Zeit". Bowlins aus Dänemark stammende Frau ist hochschwanger, und auch wenn es natürlich langweilig sei, so ohne Training und Spiele - wenigstens um sie "kann ich mich nun natürlich viel besser kümmern", zwischen den einsamen Joggingrunden.

Skyler Bowlin: ""Wir versuchen natürlich, gesund zu bleiben, sind glücklich hier und fühlen uns sicher." Foto: Silvia Gralla

Ansonsten schauen sie natürlich auch fern, "putzen die Wohnung, so Sachen halt". Natürlich machen die beiden sich noch ein wenig mehr Gedanken um dieses neuartige Virus und wie es das ungeborene Kind gefährden könnte. "Wir lesen so viel wie möglich darüber", sagt Bowlin, der zumindest Quellen gefunden hat, die behaupten, dass das Virus offenbar nicht von der Mutter aufs Ungeborene übertragen wird. "Wir versuchen natürlich, gesund zu bleiben, sind glücklich hier und fühlen uns sicher."

Joshua Obiesie (rechts): "Es ist ein sehr komisches Gefühl, nicht zu wissen, wie es richtig weitergeht." Foto: Silvia Gralla

Immer fokussiert aufs nächste Training, das nächste Spiel, die nächste Herausforderung. Das alles gibt's aber jetzt nicht. Für (Mannschafts-)Athleten, die ihr ganzes Leben dem unterordnen (müssen), ist das derzeit womöglich noch ein wenig komplizierter als für die 9-bis-17-Uhr-Insbürogeher. Als ein "sehr komisches Gefühl, nicht zu wissen, wie es richtig weitergeht", umschreibt Joshua Obiesie die aktuelle Lage. Der 19-jährige Neunationalspieler betont aber auch, dass es sehr wichtig sei, "weiter Profi zu bleiben, sich gesund und fit zu halten". Ihm ist wichtig, trotz des Ernstes der Lage, auch "gute Laune zu verbreiten, weil viele ja Angst haben, weil sie nicht wissen, wie gefährlich das nun wirklich ist". Vermutlich auch deshalb hat das Baskets-Talent in den jüngsten Tagen kurze Videos auf Instagram gepostet, in denen er mit Freunden zu Hause tanzt oder beim Einkaufen mit Mannschaftskollege Brekkott Chapman Tüten in den Wagen wirft - und offenbar Spaß hat.

Den hat Baskets-Center Johannes Richter gerade nicht wirklich. Der 26-Jährige hat es fertiggebracht, sich im letzten Training vergangenen Donnerstag ein Band im Knöchel zu reißen. Sagt man ihm dann, neben dem Bedauern, dass es ja ungünstigere Zeitpunkte für eine solche Verletzung gäbe, lacht er und meint: "Ja, kann man etwas sarkastisch so sagen." Auch er glaubt nicht mehr wirklich daran, in dieser Saison noch einmal aufzulaufen. Nicht wegen des Bänderrisses. Neben seiner Rekonvaleszenz hat er noch etwas anderes vor: Richter will mit seiner Doktorarbeit vorankommen. Das Physikum hat er in der Tasche, es soll (naheliegend bei einem Leistungssportler) in Richtung Orthopädie gehen. Als er betont, er würde die Zeit nun gerne nutzen, um die Dissertation fertigzustellen, beginnt er das Lachen und schiebt nach: "Meine Frau schaut mich gerade ganz schräg an und grinst."

Johannes Richter: "Ich glaube, in dieser Situation nun ist es ganz wichtig, das die gesammte Gesellschaft Solidarität auch lebt." Foto: Heiko Becker

Dann wird Johannes Richter ganz ernst, hat größtes Verständnis für die "auch drastischen Maßnahmen" und sagt: "Ich glaube, in dieser Situation nun ist es ganz wichtig, dass die gesamte Gesellschaft Solidarität auch lebt." Sein Manager "Sport und Scouting", Kresimir Loncar meinte noch: "Wir sollten uns nun auf uns und unsere Familien und Liebsten konzentrieren. Der Sport wird wieder wichtiger werden, wenn alles andere drumherum passt."

Denis Wucherer: "Es kann durchaus sein, dass diese Mannschaft so nicht mehr zusammenspielt." Foto: Silvia Gralla

Denis Wucherer hatte am Montag, als er die Spieler vormittags in die freiweillige Quarantäne schickte, "schon einen Kloß im Hals". Weil es sich ein bisschen angefühlt hat "wie ein Saisonende". Er hatte im Hinterkopf: "Es kann durchaus sein, dass diese Mannschaft so nicht mehr zusammenspielt. Und das macht erst einmal traurig."

Aber der Gegner ist nun halt erstmal ein anderer.

Rückblick

  1. Basketball-Saionabschluss mit Geisterspielen?
  2. Trotz Corona: Frohe Kunde bei den Würzburger Baskets
  3. s.Oliver Würzburg: Basketball-Bundesliga bis Ende April ausgesetzt
  4. Corona: Wie die Baskets überleben wollen
  5. Stehen bei den Baskets die US-Spieler vor dem Absprung?
  6. Corona: Die Baskets in freiwilliger Quarantäne
  7. Corona legt den Basketball lahm - wie die Baskets reagieren
  8. Coronavirus: Spiele der Baskets fallen bis auf Weiteres aus
  9. Wegen Corona: Play-off-Spiel der kleinen Baskets fällt aus
  10. Denis Wucherer: Wohltuend unaufgeregt
  11. Die Würzburger Baskets verlieren nach freudiger Kunde
  12. Der Krieger der Baskets
  13. Fünf Fakten zu Baskets-Gegner Brose Bamberg
  14. Die Play-off-Chancen der "kleinen Baskets"
  15. Die Baskets auf dem Weg zurück in die Erfolgsspur
  16. Baskets-Farmteam: Letztes Heimspiel vor den Play-offs
  17. Baskets-Spielmacher Skyler Bowlin als Prophet
  18. Eine Option für die Zukunft der Baskets
  19. Wie Joshua Obiesie sein Länderspiel-Debüt erlebte
  20. Baskets-Talent Joshua Obiesie vor erstem Länderspiel
  21. Wie der Kapitän die Baskets aus der Krise führen will
  22. Obiesie für Frankreich-Spiel gestrichen
  23. Der Hoffnungsträger der Würzburger Baskets
  24. Kresimir Loncars Ideen für die Baskets
  25. Was das Team hinter dem Baskets-Team verbindet
  26. Baskets: Ein Rauswurf vor schweißtreibenden Tagen
  27. Baskets beenden Vertrag mit Victor Rudd vorzeitig
  28. Liveticker: Die Baskets trainieren in Valencia
  29. Die Baskets auf der Suche nach ihrer Identität
  30. Würzburger Baskets geraten unter die Räder
  31. Würzburger Baskets: Der Kapitän ist wieder an Bord
  32. Starting5: Fünf Fakten zu medi Bayreuth
  33. Wie sehr den Baskets ihr Kapitän fehlt
  34. Baskets: Ein Duell der Center und eine Chance für die Youngster
  35. Würzburgs Basketball-Talent Obiesie hofft auf sein erstes Länderspiel
  36. Für die Baskets war beim FC Bayern mehr drin
  37. s.Oliver bleibt Hauptsponsor der Würzburger Basketballer
  38. Warum ein Würzburger einen Baskets-Konkurrenten sponsort
  39. Auch Würzburgs Basketballer trauern um Kobe Bryant
  40. Die Baskets behalten die Nerven
  41. s.Oliver Würzburg gewinnt in Hamburg
  42. Nowitzki, Preise und die Problemfälle
  43. Gelingt den Baskets der nächste Schritt?
  44. Die Baskets durchbrechen ihre Serie
  45. Das Kraftpaket der Baskets
  46. Starting5: Fünf Fakten zu den Basketball-Löwen Braunschweig
  47. Die Baskets unterstreichen ihre Ambitionen
  48. Würzburger Baskets empfangen Kellerkind Bonn: Fünf Fakten zu den Gästen
  49. Würzburger Baskets machen's mal wieder spannend
  50. Baskets haben Chance zur Wiedergutmachung

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Würzburg
  • Thomas Brandstetter
  • Angst
  • Basketball
  • Bundesligen
  • Denis Wucherer
  • Golfplätze
  • Gute Laune
  • Individualismus
  • Marktwert
  • S.Oliver
  • Vertragsauflösungen
  • Vertragspflicht
  • Verträge und Abkommen
  • Walt Disney Company
  • s.Oliver Würzburg
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!