Würzburg

Denis Wucherer als Partycrasher

Trainer Denis Wucherer war mit dem Auftritt seiner Mannen (im Hintergrund von links Florian Koch, Johannes Richter und Skyler Bowlin) gar nicht zufrieden. Foto: Silvia Gralla

Vermutlich wird sich Cameron Wells nicht mehr daran erinnern können, wann ihm Derartiges zuletzt mal passiert ist. Der 31-jährige Texaner, zuletzt überragender Mann seiner Mannschaft, stand unter dem gegnerischen Korb und wollte die Kugel ins Spiel bringen. Fünf Sekunden hat er Zeit dafür, sobald der Schiedsrichter sie ihm übergeben und gepfiffen hat. Mehrfach deutete er an, passen zu wollen. Stets verzichtete er darauf, weil er keinen seiner vier Mitspieler für so unbedrängt erachtete, dass er ihm den Ball guten Gewissens hätte geben können. Dann pfiff der Schiedsrichter erneut. Die Zeit war abgelaufen. Ballbesitz für den Gegner.

So etwas kann immer mal wieder passieren, geschieht zwar sehr selten, aber wenn der Gegner stark verteidigt und die Kollegen sich nicht freilaufen (können), kommt es halt mal vor. Üblicherweise ist so eine Szene auch nicht zwingend eine Erwähnung wert - aber sie war derart symptomatisch für den Auftritt von Basketball-Bundesligist s.Oliver Würzburg in der zweiten Hälfte der Partie gegen Syntainics MBC, das früher mal Mitteldeutscher BC hieß und aus Weißenfels kommt, dass man sie diesmal nicht verschweigen sollte. Gut fünf Minuten waren bei Wells' Nicht-Aktion noch auf der Uhr, und die Baskets hatten den Gästen gestattet, ihre 17-Punkte-Halbzeitführung (53:36) einzuschmelzen auf sieben Zähler (79:72). Kurz später lagen die Würzburger nur noch mit vier Punkten vorne (81:77), und sicher nicht wenige Anhänger der Hausherren unter den 2877 Augenzeugen schwante nichts Gutes und begannen zu zittern, dass ihre Lieblinge ein Spiel noch verlieren könnten, das eigentlich nicht mehr aus den Händen zu geben war. Viel zu dominant und unterhaltsam, zu flink und effektiv hatten die Baskets in den ersten 20 Minuten agiert, als dass da noch etwas hätte anbrennen können. Konnte man denken.

Victor Rudd (im Zweikampf mit Strahinja Micovic) behielt am Schluss von der Freiwurflinie die Nerven. Foto: Heiko Becker

Wells und Victor Rudd regelten das dann ja auch in den letzten drei Minuten, weil auf sie Verlass war, als sie an die Freiwurflinie traten. Im Gegensatz zu ihren Kollegen zuvor. Denen zitterten derart die Finger, dass die Baskets nach dem dritten Viertel sogar eine bessere Dreier- (10 von 18, 56 Prozent) als Freiwurfquote (7/16, 44 Prozent) hatten. Wells und Rudd tüteten also den letztlich verdienten 91:79-Erfolg und damit den dritten Saisonsieg im sechsten Ligaspiel ein. Was Trainer Denis Wucherer aber auch nicht wirklich milde stimmen mochte bei seiner öffentlichen Analyse der 40 Minuten: "Wir haben heute eine gute Halbzeit gesehen. Eine sehr gute", sagte er. Machte eine kurze Pause und schob nach: "Die Art und Weise, wie wir in der zweiten Halbzeit gespielt haben, ist nicht zu akzeptieren."

Manch einer mag überrascht gewesen sein ob der so schonungslos selbstkritischen wie ziseliert treffenden Zusammenfassung des Gesehenen. Aber das war noch nicht alles. Als Wucherer ein bisschen in Fahrt kam, oben in der s.Oliver Arena, dürften einen Stock tiefer in der Kabine vor allem den Baskets-Spielmachern Wells, Skyler Bowlin und Jordan Hulls mächtig die Ohren geklingelt haben: "Was meine Guards heute in der zweiten Halbzeit gezeigt haben, war die schlechteste Halbzeit, die ich hier gecoacht habe." Alles hätte seine Mannschaft dafür getan, den Gegner zurück ins Spiel zu bringen. "Wir haben offensiv alles falsch gemacht und sind immer langsamer geworden."

"Die Stimmung war gut in der Kabine. Bis ich kam."
Denis Wucherer, Baskets-Trainer

Ein Indikator für die Richtigkeit der These des Trainers: Alleine in der ersten Hälfte verteilten Wucherers Schützlinge 16 Vorlagen. Viel. Und ein untrügliches Zeichen für sehr homogenes, schnelles Team-Basketball, bei dem der Ball flott bewegt wird durch die eigenen Reihen. Was die Baskets in den ersten 20 Minuten lang zeigten - freilich gegen eine merkwürdige Ansprüche anmeldende Mannschaft (Ziel: Play-offs!) - war eine Demonstration von kultiviertem Balltanz.

In der zweiten Hälfte kamen gerade einmal fünf Assists hinzu. Der MBC ist die Schießbude der Liga: Kein Team hat mehr Punkte kassiert, im Schnitt sind es nun gut 93 pro Partie. "Fünf Assists in einer Halbzeit gegen so eine Verteidigung - das ist absolut nicht zu akzeptieren", sagte Wucherer, und sein Tonfall hatte gar nichts von der bisweilen lakonischen Ironie, mit der er auch schon mal Partien seziert. Er meinte es todernst. Und blickte in die nähere Zukunft: "Mit einer Leistung wie in der zweiten Halbzeit werden wir in Ulm oder gegen Frankfurt und Ludwigsburg keine Chance haben." Dementsprechend "hart werden wir arbeiten in der kommenden Woche". In der dann vielleicht auch endlich der Ersatz für den langzeitverletzten Brekkott Chapman verpflichtet werden kann. Wirkliche Fortschritte, dass  der 25-jährige Kongolese Luc Tselan Tsiene Etou, der derzeit noch beim französischen Erstligisten Cholet Basket unter Vertrag steht, dort aber offenbar nicht ganz glücklich ist, in Würzburg anheuert, gibt es nicht. Aktuell eine Hängepartie.

Siegeshumba der Spieler im Fanblock. Foto: Heiko Becker

Als der 46-jährige Wucherer am Samstagabend dann ein bisschen Dampf abgelassen hatte, begann er doch noch einmal zu grinsen. Er erzählte, dass er glaubt, seine Ansprache in der Kabine nach dem Spiel sei angekommen. Nachdem die Spieler ausgelassen im Fanblock ihre Siegeshumba zelebriert hatten, die diesmal Nils Haßfurther anstimmen gedurft hatte, weil ihm mit einem feinen Dreier endlich seine ersten Punkte in der Bundesliga geglückt waren, gingen die Feierlichkeiten in der Umkleide offenbar erst mal ein bisschen weiter. "Die Stimmung war gut in der Kabine", meinte Wucherer. "Bis ich kam. Diesmal war ich der Partycrasher."

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