Der Fußball krankt am eigenen Virus

Corona vs. Fussball       -  Wird die Fußballsaison in den deutschen Profi-Ligen bereits Anfang Mai mit Geisterspielen wieder aufgenommen? Für die Deutsche Fußball-Liga und ihre Profiklubs steht in der aktuellen Corona-Krise wohl viel mehr auf dem Spiel als Geld.
Wird die Fußballsaison in den deutschen Profi-Ligen bereits Anfang Mai mit Geisterspielen wieder aufgenommen? Für die Deutsche Fußball-Liga und ihre Profiklubs steht in der aktuellen Corona-Krise wohl viel mehr auf dem Spiel als Geld. Foto: Heiko Becker

Angeblich befürchtet der deutsche Profifußball Einnahmeverluste von 750 Millionen Euro durch die Corona-Krise. Doch wenn die Manager der Vereine und Verbände so weitermachen wie in den letzten Wochen, dann verliert diese Unterhaltungsbranche viel mehr – nämlich den Anspruch auf gesellschaftliche Verantwortung, Vorbildfunktion und Glaubwürdigkeit.

Die Welt steht still – nur der Fußball glaubt, er könne sich weiterdrehen, wie und wann er will. In den Debatten im Mikrokosmos Bundesliga geht es nur darum, die durch das Coronavirus unterbrochene Saison möglichst bald und möglichst vollständig zu beenden. „Am Ende des Tages geht es um Geld“, hat es Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge auf den Punkt gebracht.

Überbezahlte Spieler, Trainer und Manager

Die Einnahmen aus den fetten Fernsehverträgen stehen auf dem Spiel für die DFL und ihre Vereine; gerade jetzt, da man eigentlich das Wettbieten um die nächste Rechteperiode mit einem – endlich mal wieder – spannenden Saisonfinale anheizen wollte. Nichts ist wichtiger als das Geld, das seit Jahrzehnten in immer stärkeren Strömen in den Fußball fließt und auf den Konten dekadent überzahlter Spieler, Trainer, Manager und Berater landet.

Wenn diese überzüchtete Branche nun ihre Geschäftsgrundlage in Gefahr sieht, dann ist das ebenso nachvollziehbar wie bei jedem anderen Unternehmen, das unverschuldet vom Coronavirus erwischt worden ist. Aber so zu tun, als sei das eigene Tun von herausgehobenem gesellschaftlichen Wert und deshalb besonders wichtig, zeigt eigentlich nur eins: Dass der Profifußball ein selbst gezüchtetes Virus in sich trägt, von dem er sich offenbar nicht befreien kann.

Profiklubs nehmen Rückkehr zur Normalität eigenmächtig vorweg

Dieses Virus heißt Hybris, und es ist entstanden aus einer Selbstüberschätzung, zu der alle beigetragen haben, die den Fußball zu einer Sache von existenzieller Bedeutung, von Leben und Tod, von Sein oder Nichtsein gemacht haben. Daraus wuchs eine Selbstüberhöhung, die jetzt so richtig deutlich wird, da eine wirkliche, eine ernstzunehmende, eine gefährliche Krise eingetreten ist.

Da die Bundesliga längst von Marketing-Experten, in deren Welt das Wort „Lüge“ abgeschafft ist, erobert worden ist, gelang es zunächst, den Eindruck von Demut und Rücksicht zu erwecken. Die Gesundheit sei das höchste Gut, hieß es. Der Fußball müsse zurückstehen und helfen, wurde beteuert. Zwischendurch stimmte man das Lied mit dem Refrain „Solidarität!“ an.

Homeoffice wurde nicht eingehalten

Das kriegen sie ja in der Bundesliga nicht mal in ihrem innersten Kreis hin, von einer verantwortungsvollen gesellschaftlichen Rolle oder der Hilfe für die Fußball-Basis und kleine Vereine gar nicht zu reden. Bis zum gestrigen Sonntag, so hat es die Deutsche Fußball Liga ihren Vereinen empfohlen, sollten sich die Profis im Homeoffice fit halten. In Augsburg hat man sich schon daran gar nicht gehalten, in Leipzig freute man sich – mal wieder – über eine Ausnahmegenehmigung der Behörden, die der Bremer Innensenator Werder verweigert. Wildwuchs grassiert, Cleverness regiert. An diesem Montag beginnen etliche Vereine – unter ihnen Bayern München, der 1. FC Nürnberg und der TSV 1860 München – wieder mit dem Training, wenn auch in Kleingruppen.

Die deutschen Profiklubs nehmen eine Rückkehr zur Normalität, über deren Zeitpunkt noch keine Klarheit besteht, eigenmächtig vorweg. Sie setzen ein Signal, das im Kampf gegen das Virus falsch ist: „Alles halb so schlimm – der Ball rollt doch wieder.“ Kinder, die am Nachmittag nicht zu dritt auf einem Bolzplatz toben dürfen, schauen dann am Abend zu, wie Fußballprofis in leeren Stadien kicken, damit die TV-Sender zahlen müssen.

Der Fußball droht, Respekt und Glaubwürdigkeit zu verlieren

Bis zum 30. April ist die Saison in der Bundesliga und der 2. Bundesliga ausgesetzt. Drumherum in der Welt des Sports haben Veranstaltungen mit einer viel größeren Tradition als die Bundesliga vor Corona kapituliert – das gab es bei Olympischen Spielen oder in Wimbledon bisher nur in Weltkriegszeiten.

Nur die Bundesliga beharrt trotzig auf ihrem Recht, ihr „Produkt“ zu verkaufen. Eine Branche, die zwei Jahrzehnte permanenten, exorbitanten Wachstums hinter sich hat. Und dennoch kein Geld hatte für einen Solidarfonds? Mit Vereinen, die nicht nur auf Rücklagen für den Fall der Fälle verzichtet haben, sondern schon im Vertrauen auf sprudelnde Quellen Einnahmen aus der Zukunft angeknabbert haben?

Profifußball müsste eigene Interessen zurückstellen

Der Profifußball müsste nun etwas tun, was er am allerwenigsten kann: eigene Interessen zurückstellen, wirkliche Solidarprojekte starten, seine Ansprüche herunterschrauben. Deshalb freuen wir uns über eine uneigennützige Spendenaktion wie von Joshua Kimmich und Leon Goretzka inszeniert oder über die Borussia aus Dortmund, die das Stadion als medizinische Anlaufstelle der Bevölkerung öffnet.

Aber das kann nicht alles gewesen sein. Viele Menschen warten nicht auf Fußballspiele in leeren Stadien, sondern auf Zeichen ihres Vereins, dass sie mehr sind als die Kunden einer seelenlosen Fußball-Industrie, die ein Produkt verkauft. Der Fußball hat mehr zu verlieren als 750 Millionen Euro. Wenn er in dieser Krise weiter so anmaßend nur um sich selbst kreist, wird er bei vielen Menschen Respekt und Glaubwürdigkeit verlieren. Und damit auch Leidenschaft und Zuneigung.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • 1. FC Nürnberg
  • FC Bayern München
  • Freude
  • Fußball
  • Fußballspiele
  • Gesellschaft und Bevölkerungsgruppen
  • Joshua Kimmich
  • Karl Heinz
  • Karl-Heinz Rummenigge
  • Kunden
  • Leon Goretzka
  • Managerinnen und Manager
  • Marketingexperten
  • Olympiade
  • Profi-Fußballer
  • Profifußball
  • TSV 1860 München
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
13 13
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!